Koh Tao Prozess: Ende mit Schrecken rückt näher

Der britische Menschenrechtler Andy Hall und die australische Forensikerin Jane Taupin auf Koh Samui: Die Gerichtsmedizinerin bestätigt als Beraterin der Verteidigung eine ‚Kette von Nachlässigkeiten‘  bei den Ermittlungen.
Der britische Menschenrechtler Andy Hall und die australische Forensikerin Jane Taupin auf Koh Samui: Die Gerichtsmedizinerin bestätigt als Beraterin der Verteidigung eine ‚Kette von Nachlässigkeiten‘ bei den Ermittlungen.

KOH SAMUI: Die Verteidigung im Mordprozess von Koh Tao hat am Dienstag und Mittwoch mit Zeugen des ‚Central Institut of Forensic‘ (CIFS) sowie der Zuarbeit einer ausländischen gerichtsmedizinischen Expertin weitere schwere Zweifel an der Arbeit der thailändischen Polizeiermittler aufgerührt. Bis Freitag sollen zudem Hinweise dafür bekräftigt werden, dass die mutmaßlichen Doppelmörder Zaw Lin und Wai Phyo aus Myanmar durch Folter und Psychoterror zu ihren später widerrufenen Geständnissen genötigt worden sind.

Es scheint wie das Tauziehen um zwei ermordete junge britische Touristen – und das gleichzeitige Reißen am Tau des Lebens zweier burmesischer Angeklagter: Einen Tag vor dem offiziellen gerichtlichen Abschluss dieses Doppelmordfalles sitzen nicht nur die Angehörigen der am Sairee Strand von Koh Tao erschlagenen Hannah Witheridge und David Miller fassungslos im Gerichtssaal Nummer 6 des Provinzgerichtes Koh Samui. Längst hat keiner der Prozessbeobachter mehr den Glauben, dass nach diesem Verfahren und der unfassbar willkürlichen Ermittlungsarbeit der thailändischen Polizeibehörden jemals ein erhellendes Licht auf diesen grausamen Mord des 15. September 2014 geworfen werden kann.

Thailands unabhängige und weltweit anerkannte Forensikbehörde CIFS hat die Spurenuntersuchung nach dem Doppelmord an Hannah Witheridge und David Miller in vielen Punkten als dilettantisch, nicht nachvollziehbar, lückenhaft und unterschwellig sogar als einseitig bezeichnet. Die forensische Expertin Jane Taupin aus Australien – von der Verteidigung wegen ihrer 25 jährigen gerichtsmedizinischen Arbeit in Down Under und Großbritannien als unabhängige Beraterin hinzugezogen – lässt ebenso kein gutes Haar an der Polizeiarbeit auf Koh Tao und im Forensischen Institut der Polizei in Bangkok.

Fast alles sei falsch gemacht worden nach dem Fund der Leichen am frühen Morgen des 15. September 2014. Nur wenig kann heute bruchstückartig rekonstruiert werden, obwohl es hier um den Tod zweier unschuldiger Urlauber auf einer thailändischen Ferieninsel geht und auch um das Leben zweier 22 Jahre alter Gastarbeiter aus Myanmar, die auf Koh Tao als billige Hilfskräfte geschuftet hatten und für zwei Morde ihren Kopf hinhalten müssen, die sie möglicherweise nie begangen haben.

Signifikant unwohl stimmten regelmäßige Beobachter dieses seit 8. Juli andauernden Mordprozesses auf Koh Samui neben dem Ermittlungschaos die merkwürdig teilnahmslosen Zeugen der Anklage. Meistens waren es Polizeiermittler und gerichtsmedizinische Mitarbeiter des Forensischen Institutes der Polizei Bangkok, die ihren Auftritt hatten. Nicht einer davon hat bei genauerer Betrachtung auch nur ansatzweise nach internationalem Standard ermittelt und dokumentiert. Dazu kamen von den Ermittlungsbehörden eingesetzte burmesische Übersetzer. Auch hier konnte nicht ein einziger thailändisch lesen oder schreiben – geschweige denn zweifelsfreie Aussagen über die tatsächlichen Mordverhöre liefern. Das Bild war dunkel nach diesen Einlassungen der Anklage-Zeugen und es wurde nicht heller bis zum heutigen Prozesstag Nummer 20.

Weshalb eine mittlerweile zweifelsfrei als Mordwaffe identifizierte Gartenharke erst ein Jahr nach dem Mord plötzlich DNA-Spuren aufweist (keine DNA der Beschuldigten/die Redaktion) – nachgewiesen vom unabhängigen Central Institut of Forensic der Direktorin Dr. Pornthip Rojanasunand, warum Bekleidung der erschlagenen Hannah Witheridge niemals auf solche DNA untersucht worden ist, aus welchen Gründen die gesamte Dokumentation einer prozessrelevanten gerichtsmedizinischen Untersuchung von der Polizei gehandhabt worden ist wie das Umwühlen eines Kindersandkastens – diese Fragen muss das Gericht ins Kalkül ziehen. Wir alle haben 200 Stunden lang viel gehört und gelesen über diesen Doppelmord auf Koh Tao. In Erinnerung bleiben wird das Chaos dieser Ermittlung und ein nervenaufreibender Prozess, der am Ende mehr Fragen aufwirft als er Antworten geben konnte.

Morgen wird der letzte offizielle Tag der spektakulärsten Mordaufarbeitung in Koh Samuis Inselgeschichte in Szene gehen. Dieser Gerichtsfall hat auch offenbart, in welch grausam-zynischer Form lokale Familien auf Koh Tao ihre burmesischen Angestellten halten und wie wenig Geld und Lebensqualität ihnen nach 28 Arbeitstagen im Monat mit bis zu 20 Stunden für ihr jämmerliches Dasein verbleiben. Die Abhängigkeit vom thailändischen Immigrationssystem, das Migranten dritter Klasse nur geduldete Legalität ermöglicht, aber keinen menschenwürdigen Lebensstandard, spielt – so die Aussagen von Menschenrechtlern – hinein in das Umfeld dieses furchtbaren Schauplatzes.

Ein Doppelmord, eine Ermittlung, ein Verfahren, noch kein Urteil. Vielleicht können die drei Richter des Provinzgerichts Koh Samui bis Ende Oktober etwas wiederherstellen,  das dem  Glauben an Gerechtigkeit nahekommt. Zu beneiden sind der besonnene Vorsitzende Richter und seine zwei weiblichen Beisitzer nicht um ihre Aufgabe. Es dürfte die schwierigste Entscheidung sein, die thailändische Richter in der jüngeren Landesgeschichte treffen mussten. Es kann nach dieser Form einer ‚Ermittlung‘ kaum Gerechtigkeit geben, es wird wohl eher der Schlussstrich unter ETWAS sein, das viele ungeachtet des Ausgangs so zurücklässt, dass sie dieses Land mit seiner hier praktizierten Polizeiarbeit nicht mehr lächelnd wahrnehmen.

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Jürgen Franke 28/09/2015 18:57
Lieber Sam Gruber,
vergessen Sie Ihre "Abwanderungsgedanken". Ich gebe die Hoffnung nicht auf, denn eigentlich hat die jetzige Regierung so viel Macht, dass sie sämtliche Schwachstellen, auch in der Justiz, quasi per Aktennotiz beseitigen könnte. An anderer Stelle habe ich bereits erwähnt, dass ich mir eine diplomatisch, politische Lösung vorstellen könnte. Nämlich wenn Deutschland oder sogar die EU insgesamt für Thailand eine Reisewarnung im ersten Schritt und, sofern erforderlich, ein Reiseverbot im zweiten Schritt aussprechen bzw. verhängen würde. Diese "Einmischung" in die Politik Thailands wäre dann sicherlich sinnvoll und würde auch gehört werden, da man auf die Touristen angewiesen ist.
Jürgen Franke 28/09/2015 16:46
Lieber Peter J Ern
Deinen Ärger kann sicherlich jeder nachvollziehen. Da ich jedoch davon ausgehe, dass Dein Vorschlag nicht den gewünschten Erfolg haben wird, sollte England bzw. die EU vor Reisen nach Thailand warnen, oder die Reisen ganz verbieten, bis die Regierung Thailands 1. die Verantwortlichen dieses Verfahrens in die "Wüste" geschickt hat und 2. dafür sorgt, dass zukünftig derartige Ermittlungen von höheren Instanzen bearbeitet werden (Deutschland: LKA, USA: FBI) Bis zu dieser Regierungszusage kommen keine Reisenden aus Europa nach Thailand. So einfach wäre das.
Sam Gruber 28/09/2015 13:34
Hier gehen nur bezahlte Demonstranten auf die Strasse...
... lieber Peter Jürg, Sie haben genau den Nagel auf den Kopf getroffen. Eigentlich müsste es Demonstrationen geben. Von betroffenen burmesischen Sklavenarbeitern in Thailand, von uns, die wir hier leben und solche Zustände kennen, von Menschenrechtsorganisationen aus Myanmar und auch aus England. Die lähmende Angst vor brutalen Konsequenzen und auch die eigene Bequemlichkeit, vielleicht sogar die Erkenntnis, dass das ja ohnehin nichts bringt, es gibt viele Gründe fürs Nichthandeln. Immerhin hat hier die Menschenrechtsorganisation Reprieve mit ihrem Mitglied Andy Hall für eine Verteidigung der Beschuldigten gesorgt, die diesen Namen auch verdient. Es ist also schon mehr geschehen nach dem Mordfall von Koh Tao, als sonst in diesem Umfeld üblich und erlaubt. Das war vielleicht ein erster Schritt. Es sollte nicht der letzte sein. Manche Dinge schreien hier zum Himmel und ich trage mich nach 17 Jahren in diesem Land mittlerweile mit ernsthaften Abwanderungsgedanken. Sie sind beizeiten nicht sehr nett, manche unserer Gastgeber im Land des Lächelns. Gar nicht. Selbst in meiner Zeit als Polizeireporter in Deutschland habe ich nicht annähernd so viele Tote gesehen wie hier. Ein Menschenleben ist nicht viel wert - oder wir schätzen den Wert zu hoch ein? Wer weiß...
Jürgen Franke 24/09/2015 15:46
Danke, lieber Sam Gruber
für den, wie immer Super Bericht. Man muss ihn mehrmals lesen, um in etwa zu begreifen, was sich hier im Gericht abgespielt hat. Aber auch was zwischen den Zeilen steht, ist erschreckend genug. Nur den einen Satz zitiere ich: "Dieser Gerichtsfall hat auch offenbart, in welch grausam-zynischer Form lokale Familien...ihre Angestellten halten und wie wenig Geld und Lebensqualität ihnen.....für ihr jämmerliches Dasein verbleiben." Das ist deutlich genug. Dem ist nichts hinzuzufügen. Aber das ist eben auch Thailand.
Johann Riedlberger 24/09/2015 12:53
Liber Herr Gruber, die Berichte zu diesem "Verfahren" sind hervorragend. Ich hatte vor gut drei Jahren einen Unfall wobei ein Farang auf einem Big Bike frontal in meinen Truck raste. Alle Unfallspuren bestätigen die Aussagen von meiner Freundin und mir. Dem Kläger konnte ich sogar einen glatten Meineid nachweisen. Trotzem wurden seine durch nichts belegten Aussagen geglaubt und ich zu einem Jahr Haft verurteilt.