Karikaturistin der Frauenbewegung

Franziska Becker wird 70

Franziska Becker, Karikaturistin, steht in Ihrer Wohnung. Am 10. Juli 2019 feiert Becker ihren 70. Geburtstag. Foto: Oliver Berg/Dpa
Franziska Becker, Karikaturistin, steht in Ihrer Wohnung. Am 10. Juli 2019 feiert Becker ihren 70. Geburtstag. Foto: Oliver Berg/Dpa

MANNHEIM/KÖLN (dpa) - Sie ist eine Galionsfigur der Frauenbewegung: In ungezählten Cartoons geht sie den Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen auf den Grund. Die Cartoonistin Franziska Becker wird 70 Jahre alt - und ist mit Kritik aus überraschender Richtung konfrontiert.

Ein dickes Buch mit Karikaturen von Wilhelm Busch ist für die junge Franziska Becker ihre Bibel. Der «Urvater des modernen Comics» weckt ihre lebenslange Leidenschaft für bissige Kommentierungen mit Feder und Tusche. Mit Busch verbindet die in Mannheim geborene Cartoonistin der Blick für das Abstruse, das unfreiwillig Komische im Alltag, insbesondere im Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Beckers Markenzeichen sind Figuren mit Knollennasen und großen Füßen, die sich in Sprechblasen austauschen. Eine der wenigen Frauen in einer Männerdomäne feiert an diesem Mittwoch (10. Juli) ihren 70. Geburtstag.

Die Karriere der politischen Künstlerin Franziska Becker beginnt mit der Frauenzeitschrift «Emma» in den 70er Jahren. Seither erhält sie zahlreiche Preise, unter anderem als erste Frau 2013 den nach ihrem Vorbild benannten Wilhelm-Busch-Preis. Quasi als Geburtstagsgeschenk hat die Comic-Zeichnerin jüngst die Hedwig-Dohm-Urkunde des Journalistinnenbundes für ihr «spitzfedriges und scharfzüngiges» Lebenswerk bekommen. Das freut sie besonders: «Denn ich sehe mich als zeichnende Journalistin.»

Ihre Freude wird ihr getrübt durch jüngste Vorwürfe der kurdischen Autorin Sibel Schick, die in Antalya (Türkei) geboren wurde und seit 2009 in Deutschland wohnt: Becker diskriminiere in ihren Comics Kopftuchträgerinnen, indem sie sie Islamistinnen gleichsetze, kritisiert Schick in einem Gastbeitrag für «Spiegel Online». Satire habe Grenzen. «Satire muss Machtstrukturen bloßstellen, darf aber nicht nach unten treten und damit Diskriminierung und Gewalt Vorschub leisten», betont Schick. Beckers Darstellungen einer islamistischen Machtübernahme in Deutschland glichen den Klischees und Verschwörungstheorien, mit denen AfD und Pegida arbeiteten.

«Emma»-Herausgeberin Alice Schwarzer sieht eine Diffamierungskampagne gegen Becker. Bei deren Zeichnungen gehe es um politische Radikalisierung und den Missbrauch des Islam, nicht um den Glauben selbst, erklärt Schwarzer. Satire habe keine Grenzen, dürfe keine haben. Die überspitzte Wiedergabe der Realität sei nötig, um den Menschen die Augen zu öffnen.

Becker zeigt in den beanstandeten Cartoons Frauen mit Kopftuch als Täterinnen - wie etwa eine Bankangestellte, die einer Kundin nur mit schriftlicher Erlaubnis deren Mannes, Vaters, Bruders oder Sohnes Geld auszahlen will. Auch Becker sieht keine Grenzen der Satire: «Beleidigte ohne Humor wird es immer geben.»

Vom zeichnenden Kind bis zu Hauscartoonistin von «Emma» ist es ein weiter Weg. Über ein abgebrochenes Studium der Ägyptologie und eine abgeschlossene medizinisch-technische Ausbildung kommt Becker zur bildenden Kunst. Von 1972 an studiert sie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Wohl fühlt sie sich dort nicht: «Die Akademie war eine verstaubte Männer-Angelegenheit.» Im Jahr 1976 - kurz vor dem Staatsexamen - wirft sie hin.

Da kommt die Suche der «Emma» nach einer Cartoonistin wie gerufen. In gleichen Jahr erhält sie den Zuschlag. Seither nimmt sie in zweiseitigen Bildergeschichten das alternative Leben und esoterische Auswüchse der Frauenbewegung auf die Schippe. Die «Emma» ermutigt Becker zur Schärfe. «Ich sollte nicht so lieb sein», erinnert sich die große, schlanke Frau mit der braunen Löwenmähne, die auch für«Titanic», «Stern» oder «Psychologie heute» zeichnet.

In ihrem ersten von bislang 18 Büchern, «Mein feministischer Alltag», verarbeitet sie persönliche Erfahrungen. «Den Slang und die Kapriolen kann man sich nicht anlesen.» Ihr 1985 erschienenes viertes Werk «Männer» widmet sie ganz dem anderen Geschlecht und dessen Reaktion auf die Frauenbefreiung.

In dieser Zeit zieht sie von Heidelberg nach Köln, wo sie lange mit dem Karikaturisten papan (Manfred von Papen) zusammenlebt. Vor sechs Jahren heiratet sie einen US-Amerikaner, mit dem sie zeitweise in den Vereinigten Staaten lebt. In ihrem neuesten Projekt beschäftigt Becker sich mit der Situation des Landes. Sie will zeigen, wie Präsident Donald Trump das Land spaltet, wie Verschuldung und Obdachlosigkeit um sich greifen und wie groß das Elend in den kleinen Städten auf dem Land ist.

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