Im Land des Hechelns

Robert hat das Paradies gefunden: Häuschen am Strand, charmante Thailady an seiner Seite, ausreichend Geld als pensionierter Beamter – ein Leben wie Gott in Thailand. Das perfekte Glück hat leider nur einen Nachteil: Es weckt die Dämonen. Dämonen sind eifersüchtig, sie mögen keine Idylle.

Das Unglück brach an einem Tag aus, der schöner nicht hätte sein können: Sonnenaufgang wie im Bilderbuch, stahlblauer Himmel mit ein paar einsamen Schäfchenwolken am Horizont, tausend Lichter tanzten auf den Wellen, eine leichte Brise strich über den Strand, mehr Paradies geht nicht. Roberts Frau setzte sich aufs Rad und fuhr zur kleinen Bäckerei in der Innenstadt, es gab dort Croissants wie zuhause.

Unterwegs erhielt sie Gesellschaft. Ein paar Hunde jagten ihr nach, aber sie lachte nur, als Thai war sie das gewohnt, wenn auch immer mit einem Kribbeln im Bauch. Man weiß ja nie, man hört so allerhand, das gehört halt dazu. Das ist auch Thailand.

Fido im Blutrausch

Sie beschleunigte ein wenig, die Meute gab auf, einer nach dem anderen blieb hechelnd und sabbernd zurück. Bis auf einen. Sie legte einen größeren Gang ein, fuhr noch schneller, aber das Tier ließ sich nicht abschütteln und jagte mit großen Sätzen neben ihr her. Als sie vor der Bäckerei hielt, biss er sie kurz und heftig in die Wade. Und verschwand.

Die Thais im Geschäft eilten ihr zu Hilfe, man fuhr sie ins Spital, sie benachrichtigte Robert. Man versorgte sie routiniert: Die üblichen Impfungen, Tetanus und Tollwut. Die Wunde sah schlimmer aus als sie war, es bestand keine Lebensgefahr. Die Behandlung war kostenlos, man fürchtete um den Ruf des kleinen, aber feinen Feriendorfes.

Robert informierte sich. Der Hund trug ein Halsband, also gehörte er jemandem, was bei all den streunenden Tieren eher selten ist. Ein Nachbar wusste Bescheid. Er erzählte ihm, dass es einer Einheimischen gehöre, die etwas außerhalb der Siedlung in einer großen Villa wohne. Robert fuhr also hin, um die Sache zu klären, wie man das in der Heimat tun würde.

Madame gab sich überrascht. Ein Hund mit Halsband, ihr Hund habe zugebissen? „Wenn der Hund mein Hund wäre, würde er niemand beißen, das kann also nicht mein Hund sein, was fällt Ihnen ein?“ Adieu und Türe zu.

Robert und seine Frau taten das, was man in Thailand in einem solchen Fall macht und was wohl das Beste ist: nichts.

Die Thais zucken auch bloß mit den Schultern und haben drei Worte dafür: „Mai pen rai“. Ist doch egal, du lebst ja noch, oder?

Bissmark

Aber eine kleine Revanche behielten sie sich vor: Sie nannten das Tier im vertrauten Gespräch „Bissmark“ nach der Devise: Gib dem Übel einen Namen und es verliert seinen Schrecken.

Auf die Dauer war es aber nicht mehr klar, ob sie damit den Hund oder die Besitzerin meinten... Die Geschichte geht aber weiter.

Als der Hund nach der Attacke verschwand, verschwand er wirklich. Vielleicht ist ihm der Biss nicht gut bekommen, vielleicht hat ihm das Blut des Opfers selbst so zugesetzt, dass er buchstäblich vor die Hunde ging. Die Tollwut in umgekehrter Richtung übertragen? Hat die Frau gar den Hund gebissen? Nur als Schlagzeile im Boulevard denkbar, aber eine Tatsache blieb: Das Tier war unauffindbar.

Nun entsann sich die Dame in der Villa auf einmal. Es war jetzt plötzlich doch ihr Hund. Sie streute das Gerücht, dass Robert und seine Frau ihn umgebracht hätten. Ein klarer Fall: sie hatten ja ein Motiv. Ihr Hund sei aber kein Beißer gewesen, also hätten sie den Falschen gemeuchelt.

Sie verlangte Schadenersatz und ließ durchblicken, dass sie sehr gute Verbindungen zu den Immigrationsbehörden habe. Ein Albtraum für jeden Farang, der alle drei Monate sein Visum bestätigen oder neu beantragen muss. Oft bleiben die Anträge auf unerklärliche Weise liegen, da kann schon mal ein Hexenspell dahinterstecken, vor allem wenn er von einer offenbar einflussreichen „Dame“ aus einer abgelegenen Villa stammt. Wer jetzt an Hänsel und Gretel denkt, liegt schon richtig, das Immi-Büro steht symbolisch für das Knusperhäuschen und das Visum für den Lebkuchen. Auf hiesige Verhältnisse übertragen könnte der Bannspruch etwa so lauten:

Abrakadabra Simsalabim

„Abrakadabra, Simsalabim – wo ist bloß dein Visa hin?“ Auf Thai hört sich das so düster an, dass mancher Farang in vorauseilender Panik Unmengen von Bakschisch herankarrt, um den bösen Zauber zu lösen. Dass die „Hexe“ von selbst in den Feuerofen hüpft und sich das Problem damit erledigt, ist auch eher Wunschdenken, wie die Aussichten am Ende des Textes vermuten lassen.

Andererseits: Die Hundebesitzerin schien im Dorf nicht den allerbesten Ruf zu haben und war bekannt dafür, die Realität in ihrem Sinn zurechtzubiegen. Es gab offenbar jede Menge offene Rechnungen zu begleichen und die Bewohner ergriffen entschlossen Partei für den Farang und seine Thaifrau.

Wie die Geschichte letzten Endes ausgegangen ist oder ausgehen wird, ist noch offen. Eine Schadenersatzforderung ist bisher nicht eingetroffen, vielleicht hat die Dame noch Schwierigkeiten mit der Formulierung. Das ist nachvollziehbar, denn die Beweislage ist dünn, aber vielleicht versucht sie es so:

Ich verlange eine Entschädigung für den Verlust meines geliebten Hundes, den Sie auf dem Gewissen haben. Er hat Sie nicht gebissen, ich kann das beweisen: Mein Hund würde nie jemanden wie Sie beißen, einfach weil er einen guten Geschmack hat. Macht 20.000 Baht. Ohne Quittung.


​Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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