Klinsmann gesteht Fehler bei Hertha-Abgang ein

«Tut mir sehr leid»

Jürgen Klinsmann ist im Februar 2020 als Trainer des deutschen Bundesligisten Hertha BSC zurueckgetreten. Foto: epa/Hayoung Jeon
Jürgen Klinsmann ist im Februar 2020 als Trainer des deutschen Bundesligisten Hertha BSC zurueckgetreten. Foto: epa/Hayoung Jeon

BERLIN: Am 11. Februar schockte Jürgen Klinsmann die aufstrebende Hertha mit seinem plötzlichen Rücktritt. Jetzt ordnet der einstige Weltmeister die Art seines Abgangs als Fehler ein und entschuldigt sich. Das Allerwichtigste sei, dass Hertha weiter in der Bundesliga spielt.

Schon unmittelbar nach dem heftig kritisierten Blitzrücktritt als Hertha-Trainer hatte Jürgen Klinsmann selbst von einer «fragwürdigen Art und Weise» gesprochen. Knapp fünf Monate später sieht der einstige Bundestrainer die Art seines Abgangs beim Berliner Fußball-Bundesligisten als Fehler. «Es tut mir sehr leid, wie mein Weggang von Hertha BSC zustande kam, nachdem wir sechs Punkte zwischen uns und den Relegationsplatz gelegt hatten», sagte der 55-Jährige in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur aus Anlass des 30. Jubiläums des WM-Triumphes der Nationalmannschaft 1990. Klinsmann gehörte in Italien zu den deutschen Weltmeistern.

Mit den Vorstellungen über seine Rolle beim aufstrebenden Hauptstadtclub lagen Vereinsführung und der einstige Bundestrainer weit auseinander. Im Trainingslager in der Winterpause hatte Klinsmann signalisiert, dass er sich eine Ausweitung seines Engagements bei Hertha vorstellen könne. «Wir haben es damals in zehn Wochen leider nicht geschafft, zu einer schriftlichen Vereinbarung zu kommen», bemerkte Klinsmann. Der einstige Weltklasse-Stürmer war als Vertrauter von Investor Lars Windhorst zunächst als Mitglied des Aufsichtsrates der Profiabteilung zu Hertha gekommen und hatte dann vom glücklosen Ante Covic die Cheftrainer-Rolle übernommen.

Der Weltmeister von 1990 und Europameister von 1996 trat allerdings am 11. Februar nach nur elf Wochen als Chefcoach völlig überraschend zurück. In der Winterpause hatte Hertha noch knapp 80 Millionen Euro in Neuzugänge investiert - so viel wie kein anderer Verein weltweit. Später kam ein Katalog über von Klinsmann skizzierte Missstände bei Hertha an die Öffentlichkeit. «In der Umsetzung meines Weggangs habe ich sicherlich Fehler gemacht und dafür möchte ich mich nochmals entschuldigen», erklärte der Wahl-Amerikaner mit Abstand.

«Dass anschließend eine Analyse, die ich in meiner Eigenschaft als Berater des Investors für den internen Gebrauch erstellt habe, an die Öffentlichkeit kam, hat allen Beteiligten geschadet. Mir ist heute noch ein Rätsel, wie das an die Medien kam», erklärte Klinsmann. In der internen Analyse seines 77-Tage-Auftritts in Berlin war unter anderem von «Lügenkultur» im Verein und «katastrophalen Versäumnissen» vor allem auch von Manager Michael Preetz die Rede.

Hertha-Präsident Werner Gegenbauer sprach in einer scharfen Reaktion darauf von «schäbigen Anschuldigungen». Manager Preetz bezeichnete Klinsmanns Aussagen als «perfide und unwürdig». Investor Windhorst versagte seinem Vertrauten die Rückkehr in den Aufsichtsrat. «Das kann man als Jugendlicher vielleicht machen, aber im Geschäftsleben, wo man ernsthafte Vereinbarungen hat, sollte man das nicht machen», bemerkte der Unternehmer zu Klinsmanns Abgang. Allerdings ließ er offen, «ob wir in einigen Monaten in anderer Form auf ihn und seinen Rat zurückgreifen können. Ich schlage niemals Türen zu.»

Klinsmann verfolgt die Entwicklung beim Hauptstadt weiter intensiv. «Das Allerwichtigste ist, dass Hertha den Klassenverbleib geschafft hat und in der Bundesliga bleibt», betonte Klinsmann, dessen Vater schon großer Hertha-Anhänger war.


Klinsmann und der besondere WM-Triumph 1990
Jens Mende (dpa)

Es war die goldene WM für Klinsmann, eine ganze Profi-Generation und das sich wieder vereinende Deutschland. Vor 30 Jahren glückte in Rom der große Coup. «Gewinnen, egal wie» - dieser Hunger zeichnete die Helden von einst aus. Danach gelang auch Klinsmann nicht mehr alles.

Die Nockenschuhe Copa Mundial schnürt Jürgen Klinsmann auch 30 Jahre danach noch, wenn er mit seinen Mitstreitern von einst ab und an zu einem Senioren-Match aufläuft. Sein Trikot, das der Stürmer am 8. Juli 1990 beim deutschen 1:0-Endspiel-Triumph in Rom getragen hatte, ist verschollen. Aber die Erinnerung lebt natürlich.

«Wir hatten einen extremen Hunger auf Erfolg, fast schon über der Grenze des Vorstellbaren», sagte Klinsmann im Interview der Deutschen Presse-Agentur zur Goldenen Fußballer-Generation mit Sturmpartner Rudi Völler, dem Finaltorschützen Andreas Brehme, Antreiber Lothar Matthäus, den Dribblern Thomas «Icke» Häßler und Pierre Littbarski, den knallharten Verteidigern Guido Buchwald und Jürgen Kohler. «Unser Fokus lag voll und ganz auf Gewinnen, egal wie!»

Mit dieser Einstellung bezwang Deutschland gleich zum Auftakt Jugoslawien 4:1, rang im Achtelfinale nach der Spuckattacke von Frank Rijkaard und Rot auch für den getroffenen Völler die Niederlande 2:1 nieder, bezwang die Engländer im Halbfinale vom Elfmeterpunkt. Und ließ dann Argentinien mit dem großen Diego Maradona keine Chance.

«Vor dem Endspiel habe ich einfach in der Kabine auf Franz Beckenbauer gestarrt und mir gesagt, 'der Franz hat das alles schon erlebt und ist so souverän. Alles wird gut und wir gewinnen das Ding'. Seine Gelassenheit und Ausstrahlung hat uns unendlich viel Selbstvertrauen gegeben», berichtete Klinsmann über den «Kaiser», den damaligen Teamchef, als einen der Schlüssel zum Erfolg.

«Alle Deutschen stammen aus derselben Fabrik, vermutlich einem Stahlwerk», sagte der einstige argentinische Weltmeister-Trainer Cesar Luis Menotti (1978) zum DFB-Team, dem die Revanche für die WM-Finalniederlage 1986 gegen seine Landsleute gelang. Brehme schilderte die wichtigsten Szene seiner Karriere so: «Rudi Völler ist noch zu mir gekommen und hat gesagt: 'So, den machst du jetzt rein, dann sind wir Weltmeister.' 'Na, schönen Dank', antwortete ich.»

Klinsmann sieht den Knackpunkt des 1990-er Turniers schon in «Matthäus' Super-Tor» im ersten Spiel. Auch weil sich die beiden exzentrischen Profis, die sicher keine Freunde waren, in Italien zusammenrauften, gelang der ganz große Wurf. Für viele Experten und Ex-Kollegen hat Klinsmann gegen die Oranjes das Spiel seines Lebens gemacht. «Es war mit Sicherheit sein bestes Länderspiel», bemerkte der eisenharte Verteidiger Kohler und wundert sich noch immer über Rot für Völler im emotionalen Achtelfinale: «Was der Rudi verbrochen haben soll, habe ich bis heute nicht entdeckt.»

1990 wurde für Schwarz-Rot-Gold zu einem wie in der WM-Hymne von Edoardo Bennato und Gianna Nannini besungenen wundervollen italienischen Sommer («Un'estate italiana»). Auch weil ein halbes Jahr zuvor der Eiserne Vorhang aufgegangen war. «Wir fühlten uns schon ein Stück weit auch verantwortlich für Gesamt-Deutschland», berichtete Klinsmann drei Jahrzehnte danach. Tausende Fans aus der damals noch existierenden DDR strömten über den Brenner.

«Genau zum Zeitpunkt als die Mauer fiel, hatten wir ja das entscheidende Qualifikationsspiel gegen Wales in Köln, wo uns 'Icke' Häßler mit seinem Treffer zum 2:1 erlöst hat. Von dem Tag an war es die Gesamt-Deutsche-WM für alle!», sagte der heutige Wahl-Amerikaner Klinsmann: «Ein tolles Gefühl und wir hatten ja dann zudem lauter Heimspiele im San-Siro-Stadion in Mailand.»

Den riesigen Erfolgshunger nach dem Titelgewinn («Wir waren alle überwältigt von den Gefühlen») beizubehalten, «war leider nicht mehr möglich», sagte Klinsmann. Auch wenn Beckenbauer nach dem Finale in Rom verkündet hatte: «Wir sind jetzt schon die Nummer eins in der Welt. Wir werden über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein. Das tut mir leid für den Rest der Welt.» Erst nach den Enttäuschungen bei der EM 1992 und der WM 1994 gab es für Klinsmann und Co. mit dem EM-Titel 1996 unter Bundestrainer Berti Vogts den nächsten großen Triumph.

Klinsmann versuchte später selbst als Bundestrainer, 2006 ein WM-Wunder im eigenen Land zu schaffen. Er sorgte zwar mit für ein unvergessliches Sommermärchen, blieb aber genauso unvollendet wie auf seinen Stationen als Bundesliga-Coach.

Sein unrühmlicher Abgang im Februar diesen Jahres nach seinem Kurzgastspiel bei Hertha BSC tue ihm «sehr leid», bekannte der 55-Jährige. Die Vorstellungen über seine Rolle beim aufstrebenden Hauptstadtclub akzeptierte die Vereinsführung nicht. «Wir haben es damals in zehn Wochen leider nicht geschafft, zu einer schriftlichen Vereinbarung zu kommen.» Zudem war ein Katalog über von Klinsmann skizzierte Missstände bei Hertha an die Öffentlichkeit gekommen.

«In der Umsetzung meines Weggangs habe ich sicherlich Fehler gemacht und dafür möchte ich mich nochmals entschuldigen», erklärte der Wahl-Amerikaner. «Dass anschließend eine Analyse, die ich in meiner Eigenschaft als Berater des Investors für den internen Gebrauch erstellt habe, an die Öffentlichkeit kam, hat allen Beteiligten geschadet. Mir ist heute noch ein Rätsel, wie das an die Medien kam. Aber das ist Vergangenheit. Das Allerwichtigste ist, dass Hertha den Klassenverbleib geschafft hat und in der Bundesliga bleibt.»

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