Europas Hoffnungsträger im All

wie steht es um Ariane 6?

Modelle der Raketen Ariane 5 (l-r), Sojus, Vega, Ariane 6 und Vega C stehen im Kontrollzentrum Jupiter auf dem Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana. Die Raketen Ariane 6 und Vega C befinden sich noch in der Entwicklung. Foto: Janne Kieselbach/Dpa
Modelle der Raketen Ariane 5 (l-r), Sojus, Vega, Ariane 6 und Vega C stehen im Kontrollzentrum Jupiter auf dem Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana. Die Raketen Ariane 6 und Vega C befinden sich noch in der Entwicklung. Foto: Janne Kieselbach/Dpa

PARIS (dpa) - Es geht voran mit Trägerrakete Ariane 6. Im Mai hat die Serienproduktion begonnen. 2020 soll sie erstmals abheben. Doch in dem Markt gibt es inzwischen viel Konkurrenz. Was bedeutet das?

Sie ist die europäische Hoffnungsträgerin in der Raumfahrt: Die Ariane 6 soll schneller und günstiger sein als ihre Vorgängerin. Doch seit sich 13 Mitgliedstaaten der Europäischen Weltraumorganisation Esa vor rund fünf Jahren für den Bau der neuen Trägerrakete entschieden, hat sich der Markt extrem verändert.

Allen voran das aufstrebende US-amerikanische Raumfahrtunternehmen SpaceX von Tesla-Chef Elon Musk bringt die Europäer ins Schwitzen. Rund ein Jahr vor dem geplanten Jungfernflug 2020 könnte sich die Ariane 6 zum Sorgenkind entwickeln. Das wohl größte Problem: Der ehrgeizige Konkurrent drückt die Preise. Kann sich die Ariane 6 dennoch behaupten?

Im Mai hat der Raketenbauer ArianeGroup offiziell mit der Serienproduktion der neuen Ariane begonnen. Zunächst sollen 14 Raketen gebaut werden, die von 2021 bis 2023 vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana starten sollen. Die Oberstufe der Trägerrakete wird in Bremen montiert, genau wie beim erfolgreichen Vorgängermodell Ariane 5. «Der Markt wartet auf dieses Produkt. Je früher es kommt, desto besser», sagt ArianeGroup-Deutschland-Chef Pierre Godart.

«Wenn man hohe Zuverlässigkeit wollte und bereit war, einen hohen Preis zu zahlen, ist man in der Vergangenheit zu Ariane gegangen», erklärt Ulrich Walter, früher Astronaut, heute Inhaber des Lehrstuhls für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München. Die Märkte seien früher vor allem zwischen den US-Amerikanern, Russen und Europäern fein säuberlich abgesteckt gewesen. Und so habe Ariane eben auch die Preise hochhalten können.

SpaceX setzt beim Bau seiner Raketen auf Großproduktion - und kann dadurch günstig anbieten. Das junge amerikanische Unternehmen gewinnt an Bedeutung. «Die Raketen sind nicht wirklich innovativer», meint Walter. Der Vorteil liege vor allem beim Preis. «In der Vergangenheit waren einige Auftraggeber vielleicht bereit, mehr zu zahlen, weil die Ariane für Zuverlässigkeit steht», so der Experte. Aber mittlerweile habe auch SpaceX genug erfolgreiche Raketenstarts hingelegt und sich bewiesen.

Eine schlechte Nachricht für die europäische Raumfahrt gab es am frühen Donnerstagmorgen. Der Start einer Vega-Rakete am Weltraumbahnhof Kourou schlug fehl. Die Vega ist mit 30 Metern Höhe der kleinste Lastenträger im Arsenal des Raketenbetreibers Arianespace, einer Tochter der ArianeGroup. Auch wenn Vega, die hauptsächlich in Italien entwickelt wurde, nicht Ariane ist - es könnte an der Reputation nagen.

Der Hersteller ArianeGroup bemängelt schon länger, dass SpaceX in den USA von Staatsaufträgen profitiert und für diese deutlich mehr Geld nimmt als von kommerziellen Kunden. «Wir wollen einen fairen Wettbewerb», fordert Godart. Es sei nicht in Ordnung, dass Märkte wie die in den USA, Russland oder China für Aufträge von staatlichen Institutionen nicht offen seien - Europa aber schon.

«Wenn es einen europäischen von Steuern finanzierten Launch gibt, dann soll dieser auch mit einer europäischen Rakete gestartet werden», fordert er. Godart kritisiert, dass der Auftragsbestand von SpaceX zu 70 Prozent aus staatlichen und nur zu 30 Prozent aus kommerziellen Starts bestehe. «Bei uns ist das umgekehrt. Das macht es schwerer.» Man habe in Europa per se einen kleineren Markt - der noch dazu offen für Konkurrenz aus anderen Regionen der Welt sei.

Auch die deutsche Bundeswehr zum Beispiel setzt auf den US-amerikanischen Konkurrenten SpaceX - etwa bei den Spionage-Satelliten des Typs Sarah. «Wir können in Europa unsere Regierungen nicht zwingen, dass sie das europäische Produkt - die Ariane-Rakete - nutzen», sagt der frühere Astronaut Ernst Messerschmid. Das sei schade. Doch dann brauche sich am Ende auch niemand beklagen, wenn Europa in der Raumfahrt den Anschluss verliere.

Was heißt das jetzt für die Ariane 6? Die Esa hat dem Hersteller Ariane Group eine gewisse Anzahl von institutionellen Starts pro Jahr zugesagt. Allerdings habe sie ihrerseits dafür nicht die festen Zusagen der Mitgliedstaaten - insbesondere nicht von Deutschland - erhalten, merkt Ulrich Walter an. «Auf der anderen Seite gibt es die Vorgabe der europäischen Nationen, einen eigenen Zugang zum Weltraum zu haben.»

Dadurch werde die Esa erpressbar, denn ArianeGroup könnte als Ausgleich für fehlende zugesagte Starts staatlicher Institutionen höhere Kosten pro Start verlangen - Geld, das die Esa-Staaten also wieder zuschießen müssten, so Walter. «Falls das einträfe, würden die Flüge für die Europäer kaum billiger. Sie müssen nach wie vor Geld zuschießen, damit sie den vereinbarten freien Zugang zum Weltraum haben können», schätzt der Experte.

In Deutschland bekennt man sich zwar zur Verpflichtung für die neue Trägerrakete - allerdings nicht frei von deutlichen Zweifeln. «Wir wollen die Ariane 6 fertigbauen. Wir wollen möglichst viel an institutionellen Starts auf die Ariane 6 bringen», betont der Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt, Thomas Jarzombek. Man glaube, dass die Ariane 6 von ihren technischen Fähigkeiten her eine gute Rakete sei, ergänzt er. In Sachen Geld sieht das anders aus. «Wir sind unsicher, wie die kommerzielle Perspektive der Ariane 6 aussieht.»

Godart von ArianeGroup warnt hingegen: «Wir müssen aufpassen, dass Europa am Ball bleibt.» Europa müsse sich schon überlegen, ob es insgesamt nicht zu wenig in die Raumfahrt investiere. Ulrich Walter ist hingegen der Ansicht, dass das aktuelle Umfeld in Europa noch eine Schutzhülle für die Ariane bilde. Aber langfristig werde diese Schutzhülle nicht standhalten, so der Experte. «Es müssen jetzt die Alarmglocken klingeln.»

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