Europa und Künstliche Intelligenz

 Foto: Orlando Bellini / Fotolia.com
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Wir leben in Zeiten des Umbruchs. Automatisierung intelligenten Verhaltens und Maschinelles Lernen finden immer mehr Anwendungen im täglichen Leben. Amazon hat in den USA die ersten Supermärkte eröffnet, die ohne Verkäufer oder Kasse auskommen. Einfach die entsprechende App runterladen, die gewünschten Artikel aus dem Regal nehmen und den Laden verlassen. Lästige Schlangen vor der Kasse waren gestern. Noch rasanter vollzieht sich der Wandel im Bereich des Marketings. Modernes Marketing ist ohne Künstliche Intelligenz (KI) nicht mehr denkbar. Wer die meisten Daten zur Verfügung hat, hat die Nase vorne. Die Anwendungsmöglichkeiten sind schier endlos und reichen von simplen Roboter-Cafés, die ohne Personal auskommen, bis zu beispielsweise hochkomplexen Überwachungssystemen in China, welche die eigene Bevölkerung Totalüberwachen.

Wie liegt Europa im Rennen bei diesen Themen und insbesondere Deutschland als größte Volkswirtschaft in Europa?

Beginnt man allgemein mit der Wettbewerbsfähigkeit einzelner Länder, so rutscht Deutschland langsam (aber stetig) ab in den letzten Jahren. Ein guter Ausgangspunkt zur Einordnung der aktuellen Situation sind die Studien des IMD World Competitive Centers, das zu der privaten Wirtschaftshochschule IMD im schweizerischen Lausanne gehört. Gegenwärtig belegt die Bundesrepublik nur noch Rang 15 der Liste der wettbewerbsfähigsten Länder. Gründe gibt es viele. Hohe Steuern und die höchsten Energiekosten weit und breit seien nur exemplarisch genannt. Auf Platz 1 der Liste stehen nun die USA, die sich im Vergleich zum letzten Jahr um vier Ränge verbessern konnten. Die verpönte Trump Regierung, die zugegebenermaßen weniger verlässlich ist als eine Roulette Kugel, macht wirtschaftlich gesehen offensichtlich nicht alles falsch. Schaut man nun weiter, welche Beträge in die Forschung der KI fließen, liegen die USA unangefochten an der Spitze. Allein die Stanford-Universität hat einen Etat von 6,3 Mil­liarden USD. Die Bundesregierung in Deutschland tut sich derzeit schwer, drei Milliarden für das Thema bereitzustellen. Der fünf oder sogar zehnfache Betrag wäre wahrscheinlich angemessener. Die Zahl der Neugründungen von Unternehmen in diesem Bereich verhält sich entsprechend. Die USA führen mit 1.400 Start-ups, gefolgt von den Chinesen mit 400 Neugründungen. Deutschland ist mit 100 Neugründungen in diesem Bereich international gesehen nur noch Mittelmaß. Betrachtet man die erfolgreichsten Neugründungen pro 1.000 Unternehmen, so führen Israel und die USA die Liste an, gefolgt von Finnland und der Schweiz.

Es ist Zeit zu handeln

In Europa tut die Politik zu wenig auf diesem Gebiet. Der Ansatz des deutschen Wirtschaftsministers „European Champions“ fördern zu wollen, ist zwar richtig – und würde sicherlich auch beim Thema KI helfen – allerdings viel zu zaghaft. Dabei könnte die Politik bei diesem wichtigen Thema relativ einfach punkten. Neben Kapital für die entsprechenden Unternehmen, könnten Koordinierungsaufgaben zwischen Start-ups und Konzernen übernommen werden. Die USA und China haben diese Aufgabe unterschiedlich gelöst. In Europa ist diesbezüglich leider keine Planung erkennbar. Falls es nicht gelingt das Thema Koordination in den Griff zu bekommen, könnte sich eine ähnliche Geschichte wie bei der Solarenergie abspielen. Deutschland und Europa bezahlen für teure Grundlagenforschung, die USA und China vermarkten den Löwenanteil der Ergebnisse.

Insbesondere die EU scheint nach wie vor den Schuss nicht gehört zu haben und greift weder wichtige strukturelle Reformprojekte noch wichtige Zukunftsthemen – wie beispielsweise KI – beherzt an. Diese Haltung, sollte sie nicht endlich korrigiert werden, wird langfris­tig nicht ohne Folgen bleiben und eventuell sogar das ganze Projekt EU gefährden. Derzeit löst sich im Norden Großbritannien von der EU, im Süden und Osten wirbt China eifrig um einzelne Mitgliedsstaaten der EU, im Falle Italiens offensichtlich erfolgreich. Wirklich verübeln kann man es den Italienern nicht, wenn sie sich in der gegenwärtigen Lage nach Osten orientieren. Frankreich und Deutschland sind gefragt, in die Gänge zu kommen. Kosmetische Korrekturen sind im Jahre 2019 nicht genug. Es bedarf eines Neustarts.


Über den Autor

​​Christian Rasp ist Rechtsanwalt und seit 1992 in Thailand, Hongkong und China tätig. Er leitet ein spezialisiertes  Consulting-Haus, lebt und arbeitet in Hua Hin, Bangkok und Hongkong. Die Kolumne Nachgefragt“ beschäftigt sich vorwiegend mit aktuellen ökonomischen Fragestellungen, die es verdienen, etwas genauer unter die Lupe genommen zu werden. 

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