Pro-iranische Milizen triezen US-Truppen im Irak

Archivbild: epa/Murtaja Lateef
Archivbild: epa/Murtaja Lateef

BAGDAD: Im Januar töteten die USA im Irak den iranischen Top-General Ghassem Solemeini und eine hohen Milizenanführer. Der Schlag sollte die Milizen abschrecken. Stattdessen wird die Lage immer brenzliger.

Die Katjuscha ist so etwas wie ein Klassiker unter den Raketen. Nicht auf dem neuesten Stand der Technik, aber allemal ausreichend, um einem Feind weh zu tun. Sie gehört zum Arsenal pro-iranischer Milizen im Irak, die vor allem ein Ziel verfolgen: die US-Truppen zum Abzug aus dem Krisenland zu zwingen. Regelmäßig gehen Katjuschas auf irakischen Militärstützpunkten nieder, die die Amerikaner nutzen. Es sind schmerzhafte Schläge für Washington. Mitte März starben dabei zwei US-Soldaten und eine britische Soldatin im Camp Tadschi nahe Bagdad, das auch die Bundeswehr lange genutzt hat.

Der Irak, ohnehin vom Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geschwächt, entwickelt sich immer mehr zum Schauplatz einer Konfrontation zwischen den USA und dem Iran, den US-Präsident Donald Trump mit Sanktionen in die Knie zwingen will. Keine Seite macht den Eindruck, als sei sie zur Zurückhaltung bereit. Der Konflikt erreichte im Januar seinen Höhepunkt, als US-Raketen am Flughafen der Hauptstadt Bagdad den iranischen Top-General Ghassem Soleimani und den hohen irakischen Milizenführer Abu Mahdi al-Muhandis töteten.

Der Schlag sollte der Abschreckung dienen und schwächte Irans Einfluss im Irak, wirklich zurückdrängen konnte er ihn aber nicht. Teheran hat mit den pro-iranischen Milizen, den sogenannten Volksmobilisierungskräften, treue Verbündete, die mit allen Mitteln den US-Abzug erreichen wollen. Wer die US-Truppen angreift, ist unklar. Doch kaum ein Beobachter zweifelt, dass dafür Milizen verantwortlich sind. Unter Verdacht steht mit der Miliz Kataib Hisbollah («Brigaden der Partei Gottes») eine der stärksten Gruppen. Abu Mahdi al-Muhandis war ihr Anführer. Sie drohte mit Vergeltung.

Paramilitärische Kräfte sind seit Jahren im Irak aktiv und waren schon nach dem Sturz von Langzeitherrscher Saddam Hussein 2003 im Widerstand gegen die US-Truppen. Einen Wiederaufstieg erlebten sie im Sommer 2014, nachdem der IS große Teile des Landes überrannt hatte. Tausende Freiwillige meldeten sich zum Kampf gegen die Extremisten, an dem sich die Milizen an vorderster Front beteiligten.

Rund 130 000 Mann sollen sie mobilisieren können. Die Milizen unterstehen offiziell Oberbefehlshaber und Regierungschef Adel Abdel Mahdi, agieren de facto aber weitestgehend unabhängig. Alle Versuche, sie maßgeblich zu bändigen oder gar aufzulösen, schlugen bislang fehl, auch wenn sie mit Al-Muhandis den Mann verloren, der ihr operatives Geschäft steuerte und den Kontakt zum Iran pflegte. Doch die Gruppen verfügen auch über starken politischen Einfluss. Der mit den Milizen verbundene Block, das schiitische Al-Fatah-Bündnis, gewann bei der Parlamentswahl vor rund zwei Jahren die zweitmeisten Sitze.

Kataib Hisbollah verfolge die Strategie, politischen Einfluss, Meinungsmache in der Öffentlichkeit und Militäraktionen miteinander zu kombinieren, sagt der irakische Analyst Sajad Jiyad: «So wollen sie die USA spüren lassen, dass deren Kräfte niemals ausreichend geschützt sein werden, damit ihr Verbleib im Irak immer ein Risiko ist. Und es sieht so aus, als seien sie zur Eskalation bereit.»

Nach den Raketenangriffen hat die US-Armee drei Stützpunkte verlassen und ihre mehrere Tausend Frauen und Männer starke Truppe an weniger Standorten konzentriert, wo sie den Irak weiter im Kampf gegen den IS unterstützen sollen. Gleichzeitig schlägt Washington auch militärisch zurück. Nach dem Tod der drei Soldaten trafen US-Raketen mehrere Basen der Kataib Hisbollah in verschiedenen Teilen des Iraks.

Doch einschüchtern lassen dürften sich die bewaffneten Gruppen so kaum. «Wir werden sie (die US-Truppen) weiter angreifen, wo immer sie sind, denn wir sind der Meinung, dass sie illegal im Irak sind», sagt der Sprecher der Kataib Hisbollah, Mohammed Muhi. «Wir warnen die US-Kräfte vor jeglicher Aggression gegen das irakische Volk.» Gut möglich, dass die Angriffe zunehmen, je näher die Präsidentenwahl in den USA rückt, da der Iran und die Milizen wissen, dass Trump dann eine militärische Eskalation im Irak besonders ungelegen käme.

Die Regierung in Bagdad schaut dem Konflikt zu, mehr oder weniger handlungsunfähig. Ministerpräsident Abdel Mahdi hat schon im vergangenen Jahr nach wochenlangen Massendemonstrationen gegen die politische Führung seinen Rücktritt erklärt und ist nur noch geschäftsführend im Amt. Auf einen Nachfolger konnten sich die führenden Blöcke bisher nicht einigen. Auch hier ringen im Hintergrund der Iran und die USA um die Macht. Der Irak ist gelähmt.

Dabei wachsen die Probleme von Tag zu Tag. Wegen des niedrigen Ölpreises gehen dem vom Export des Rohstoffs abhängigen Land Milliarden an Einnahmen verloren. Zugleich verbreitet sich auch im Irak das Corona-Virus immer schneller. 42 Tote meldete er bislang - die höchste Opferzahl in der arabischen Welt.

Im Irak kursieren seit Tagen Gerüchte, die USA könnten eine großangelegte Operation gegen die Kataib Hisbollah planen. Diese ließ in der vergangenen Woche ihre Kämpfer zu einem Manöver antreten, um sich auf diesen Fall vorzubereiten. Doch die beiden Analysten Maria Fantappie und Sam Heller warnen Trump in einem Artikel für die Website «War on the Rocks» vor einem solchen Eingreifen und empfehlen ihm vielmehr Zurückhaltung: «Wenn der Zyklus (der Gewalt) weitergeht (...), wird es für die USA und den Irak in einem Desaster enden.»

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