Unsichere Zeiten für den Sudan

​Ein Jahr nach der Revolution

Unsichere Zeiten für den Sudan

KHARTUM: Vor einem Jahr wurde Sudans Machthaber Al-Baschir gestürzt. Die Euphorie war enorm. Doch die Wirtschaft liegt weiter am Boden und die politische Lage ist fragil. Nun hat sich auch Covid-19 in dem Land ausgebreitet - und schafft eine womöglich gefährliche Lage.

Vor einem Jahr besetzten Abertausende Sudanesen den Platz vor dem Armee-Hauptquartier in Khartum. Die junge Studentin Alaa Salah, die zum Symbol der Protestbewegung wurde, stand auf einem Autodach und rief Parolen. Künstler bemalten die Mauern, Wände und Straßen der sudanesischen Hauptstadt. Professoren, Lehrer, Ärzte, alle gingen sie auf die Straße. Das Land brodelte. Dann passierte das Unmögliche: Der autokratische Präsident Omar al-Baschir wurde am 11. April nach fast 30 Jahren an der Macht vom Militär gestürzt. Es war der Arabische Frühling 2.0.

Ein Jahr später herrscht in Khartum eine andere Stimmung. Schulen und Universitäten sind geschlossen. Feierlichkeiten zur Revolution finden im kleinen Rahmen und in den sozialen Medien statt. In den Wohnvierteln ertönen abends Gesänge über den einstöckigen Häusern. Hier und da stehen Menschen auf den Dächern der Gebäude, schwingen die sudanesische Flagge und singen die Nationalhymne. Denn Covid-19 hat auch den Sudan erreicht. Politisch ist es zwar relativ ruhig, aber die Lage ist fragil und wirtschaftlich liegt das Land noch immer am Boden. Und die Corona-Krise droht nun, alle Erfolge der Revolution kaputt zu machen.

Die Bedeutung des Sudans für die Region und den Nachbarn Europa ist kaum zu überschätzen. Das flächenmäßig drittgrößte Land Afrikas mit 42 Millionen Bürgern ist die Brücke zwischen der afrikanischen und arabischen Welt. Es ist eines der wichtigsten Transitländer für Migranten in Afrika - viele der Menschen, die an Europas Küsten ankommen, sind durch die Wüsten des Sudans gereist. Verbessern sich die Bedingungen, könnte der Staat viele Investitionsmöglichkeiten bieten, auch für deutsche Unternehmen. Und ist der Sudan stabil, sorgt er auch für Stabilität in der Region. Doch rutscht der Sudan ab, könne dies verheerende Folgen für die Region haben, sagt Philipp Jahn, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung im Sudan. Dann müsse Europa «statt Investitionen Geld aufbringen, um das zu stabilisieren».

Doch ein stabiler Sudan ist zurzeit alles andere als gesichert. Die Proteste wurden im Dezember 2018 durch eine schwere Wirtschaftskrise ausgelöst - und diese dauert immer noch an. Jahrelang waren gegen den Sudan Sanktionen in Kraft und die USA haben das Land auf eine Liste von Ländern gesetzt, denen sie Unterstützung von Terrorismus vorwerfen. Das macht Investitionen aus dem Ausland und Zugang zu internationalen Finanzquellen extrem schwer. Dann gingen mit der Abspaltung des Südsudans 2011 auch noch die meisten Ölfelder verloren. Die Produktivität ist niedrig und die Wirtschaft stark auf Subventionen angewiesen. «Die wirtschaftliche Lage im Sudan verschlimmert sich von Tag zu Tag», sagt Chalid al-Tidschani, Chefredakteur des Nachrichtenportals Elaph.

Politisch ist der Sudan derzeit einigermaßen stabil. Nach dem Militärputsch im April und einem Massaker an Demonstranten im Juni 2019 konnten sich die Streitkräfte und die zivile Oppositionsbewegung doch auf eine Übergangsregierung und einen gemeinsamen Souveränen Rat einigen - ein Erfolg an sich. Die Regierung hat bisher aus Sicht vieler Sudanesen einiges richtig gemacht: Sie hat mehrere politische und religiöse Freiheiten durchgesetzt, ist gegen Vertreter des alten Regimes vorgegangen und hat die Partei von Al-Baschir aufgelöst. Außerdem wurde der Ex-Präsident wegen Korruption verurteilt.

Doch über den Berg ist das Land politisch noch lange nicht. Die Regierung hat desolate Institutionen übernommen und kommt bei Reformen nur langsam voran. Zwar ist es weitgehend ruhig um die politische Führung, doch das könnte täuschen. Im März entkam Regierungschef Abdullah Hamduk einem Attentat. Das Regierungskonstrukt aus Zivilisten, Militärs, Vertretern der Sicherheitsdienste und der berüchtigten paramilitärischen Schnellen Einsatztruppen (RSF) hält derzeit, aber Jahn meint, das liege vor allem daran, dass es niemanden gibt, «der im Augenblick diesen Staat übernehmen will».

In dieser prekären Lage wird das Land nun von der Corona-Pandemie getroffen. Bislang hat der Sudan erst 14 Fälle von Covid-19-Erkrankungen bestätigt, doch die Sorge ist groß, dass sich die Krankheit schnell ausbreiten wird. Das Gesundheitssystem ist marode und unterfinanziert. «Sudans Gesundheitssektor kann sich keinen (Corona-)Ausbruch leisten», sagt Al-Tidschani. Das neuartige Virus könnte die fragile politische Lage aus dem Gleichgewicht bringen. Je mehr Zeit verstreicht und Probleme nicht angegangen werden, desto stärker würden die Menschen an der Übergangsregierung zweifeln, meint Jahn. «Das Risiko ist nun groß, dass die Covid-Krise die Legitimität der Regierung zerstört.»

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