Das große Risiko ohne Krankenversicherung

Komapatient Thomas Jochum: Spendenaktion rettet die Familie vor dem Ruin

Thomas Jochum mit seiner Familie in glücklichen Tagen. Warum nur die Krankenversicherung vergessen?
Thomas Jochum mit seiner Familie in glücklichen Tagen. Warum nur die Krankenversicherung vergessen?

„Die wenigsten hier lebenden Auswanderer haben eine Krankenversicherung.“ In Deutschland, der Schweiz oder Österreich ist eine solche Aussage undenkbar. In Thailand trifft sie den Nerv und die Realität. Nur ein Bruchteil der westlichen Wahl-Thailänder kann oder will sich für den Notfall absichern – mit fatalen Folgen, wie zwei aktuelle Beispiele auf Koh Samui zeigen.Thomas Jochum (46) aus Stuttgart war auf Koh Samui ein wandelndes Denkmal mit hohem Aktionsradius. Der Schwabe liebte das Leben in Thailand und scheute die Arbeit nie. Einen Motorradverleih im großen Stil managte der Tausendsassa ebenso wie seine Spanferkel-Braterei, das Aufstellen von Spielautomaten in Bars und sein geliebtes Kartenspielen. Vor lauter Stress vergaß Thomas, dass auch er nicht gegen Krankheit oder Unfall gefeit war.

Am 16. Mai schlug das Schicksal zu

Am 16. Mai schlug das Schicksal zu. Um 14.30 Uhr spürte Jochum einen bösen Druck auf der Brust. Auf dem Weg ins Krankenhaus riss ihn ein akuter Herzinfarkt aus dem Leben. Erst nach 20 Minuten konnten ihn Ärzte des Bangkok Samui Hospitals zurückholen. In ein Leben ohne Gedächtnis und Wahrnehmung. Thomas Jochum liegt seither im Wachkoma. Sein Gehirn ist schwer geschädigt. 1999 hatte sich der nach Koh Samui ausgewanderte Schwabe noch krankenversichert. Dann lief es nicht mehr nach Wunsch, und die Versicherung blieb irgendwann auf der Strecke. Am 17., 18., 19. und 20. Mai 2013 erhielt die Lebensgefährtin von Thomas pünktlich um 11 Uhr die schriftliche Quittung. Eine Mitarbeiterin des Bangkok Samui Hospitals wedelte ihr täglich Rechnungen über jeweils 130.000 Baht unter die Nase. 

Thomas Jochum im August 2013: Ein Pflegefall mit ti­ckender Kostenuhr.
Thomas Jochum im August 2013: Ein Pflegefall mit ti­ckender Kostenuhr.

​Freunde von Thomas riefen in der Not eine Spendenaktion ins Leben und ließen ihn ins günstigere staatliche Nathon Hospital verlegen. Die Resonanz war ungeheuer. Bis Ende August kamen 34.000 Euro Spenden zusammen. Auf Facebook erreichte ein tägliches Bulletin über den Zustand des Familienvaters die Herzen von Freunden. Die Hilfsbereitschaft stellte die Tatsache in den Schatten, dass mit einer adäquaten Krankenversicherung vieles vermieden worden wäre.

Die Kosten-Uhr tickt täglich weiter

Dass Thomas Jochum mehr als 100 Tage nach seinem Infarkt noch lebte und am 29. August vom Nathon Krankenhaus nach Hause in Lamai verlegt wurde, grenzte an ein Wunder. Obwohl seine Prognose schlecht und an eine Rückkehr in ein normales Leben nicht zu denken ist, blieb Thomas – und damit blieben auch die Probleme.Die Kostenuhr tickte täglich weiter. Lebensgefährtin Aey, eine private Pflegerin aus Bangkok und die Kinder Ammy (14) und Martin (9) kümmern sich aufopferungsvoll um den todgeweihten Vater. Dass mit jedem weiteren Tag ein finanzieller Supergau näherrückt, diesen Gedanken verdrängen sie. Er ist zu real und zu bedrohlich.Walter Mehne (57) lebt seit 20 Jahren in Pattaya und verkauft als Chefrepräsentant der Thai German International Trading Gesellschaft Versicherungen. Als wichtigste Versicherung für Auswanderer in Thailand nennt der Experte einen ausreichenden Krankenschutz. „Wer nicht  mit mindestens fünf Millionen Baht Deckungssumme abgesichert ist, der spielt Harakiri“, sagt Mehne.Der Deutsch-Schweizer hat brutale Schicksale erlebt. „Wer akute ärztliche Hilfe benötigt und an seiner Krankenversicherung gespart hat, der ist weg vom Fenster.“ Ab etwa 1.200 Euro im Jahr könne sich ein Mann mittleren Alters zwischen 40 und 55 ausreichend krankenversichern. Weshalb manche diese Summe mehrfach im Jahr in Alkohol auflösen, aber nicht an die Risiken in Thailand denken, diese Frage kann Mehne nicht beantworten.Ein weiteres schwerwiegendes Problem stelle die Unterversicherung dar. Wer an seiner Krankenversicherung spare oder schlecht beraten worden sei, dem drohe ebenfalls Ungemach.

Zu gering versichert: Millionenschulden!

Ein hochaktuelles Beispiel auf Koh Samui verdeutlicht dies. Fleischermeister Michael N. (56) hatte eine Krankenversicherung. Den Routineeingriff an seiner Leiste bezahlte die Versicherung auch. Dass sich N. im Krankenhaus eine lebensbedrohliche Infektion zugezogen hatte, kam erst zehn Wochen darauf ans Tageslicht. Im Krankenhaus in Bangkok wurde spät eine Herzklappeninfektion durch goldene Staphylokokken festgestellt. Zu diesem Zeitpunkt war das Limit der Kostendeckung schon erreicht. Nach zwei Schlaganfällen mussten für eine weitere Operation 700.000 Baht auf den Tisch gelegt werden. Michael N. erlitt nach überstandener OP den dritten Schlaganfall und ein Bypass wurde fällig. All das auf eigene Kosten.Dramatisches Fazit: Der Patient weiter in Lebensgefahr, Millionen Schulden und kein Ende in Sicht. Auch hier versuchten verzweifelte Freunde über eine Spendenaktion das Allerschlimmste zu verhindern. Der Ausgang war bei Redaktionsschluss offen.

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