Länder schicken Rettungsteams in den Libanon

Ein Blick auf beschädigte Gebäude nach einer massiven Explosion in Beirut. Foto: epa/Nabil Mounzer
Ein Blick auf beschädigte Gebäude nach einer massiven Explosion in Beirut. Foto: epa/Nabil Mounzer

BEIRUT: Am Tag nach der gewaltigen Detonation in Beirut wandern die Menschen über Scherben und Trümmer. Tausende haben ihre Unterkunft verloren. Aus anderen Ländern reisen Ärzte-Teams und Katastrophenhelfer an, um nach verschütteten Opfern zu suchen. Die Zeit drängt.

Dabei seien in der libanesischen Hauptstadt mindestens 135 Menschen getötet und weitere 5000 verletzt worden, sagte Gesundheitsminister Hassan Hamad laut einem Bericht des Fernsehsenders MTV am Mittwoch. Zuvor war nach offiziellen Angaben von mindestens 113 Toten und etwa 4000 Verletzten die Rede.

Die Katastrophe löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus - so schickten mehrere Länder Rettungsmannschaften mit Spürhunden und Experten für die Bergung von Verschütteten in den Libanon. Nach Angaben von Gesundheitsminister Hassan Hamad kamen am Dienstag mindestens 135 Menschen ums Leben, etwa 5000 weitere wurden verletzt. Viele Bewohner der Küstenstadt am Mittelmeer standen am Mittwoch unter Schock.

Die libanesische Regierung beschloss, Verantwortliche des Beiruter Hafens unter Hausarrest zu stellen. Dabei handele es sich um Personen, die in den vergangenen Jahren für die Lagerung und Bewachung von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat zuständig gewesen seien, erklärte Informationsministerin Manal Abdel Samad. Die gefährliche Substanz könnte bei dem Vorfall explodiert sein.

Unklar war zunächst, wie viele Personen von dem Hausarrest betroffen sind. Die Regierung setzte zudem eine Kommission ein, die die bislang unklare Ursache der Explosion ermitteln soll. Regierungschef Hassan Diab hatte gesagt, dass die Chemikalien am Hafen jahrelang ohne Sicherheitsvorkehrungen gelagert worden seien. Laut Beiruts Gouverneur Marwan Abbud wurde in einem Bericht von 2014 auch vor einer möglichen Explosion gewarnt.

Die schweren Schäden machten viele Häuser unbewohnbar. Zwischen 200.000 und 250.000 Menschen hätten ihre Unterkünfte verloren, sagte Gouverneur Abbud dem libanesischen Fernsehsender MTV. Sie würden mit Lebensmitteln, Wasser und Unterkünften versorgt. Es seien Schäden in Höhe von drei bis fünf Milliarden US-Dollar entstanden - «möglicherweise mehr», sagte er der Nachrichtenagentur NNA zufolge.

Über den EU-Krisenmechanismus machte sich unter anderem aus den Niederlanden ein Team aus 70 Spezialisten auf den Weg. Italien wollte zwei Flugzeuge der Luftwaffe mit acht Tonnen medizinischer Ausrüstung entsenden. Frankreich schickte zwei Militärflugzeuge mit 55 Angehörigen des Zivilschutzes und tonnenweise Material zur Behandlung von Verletzten. Tschechien stellte ein Team zur Verfügung, das auf die Bergung von Verschütteten spezialisiert ist. Auch Griechenland und Zypern schickten Rettungsmannschaften mit Spürhunden. Weitere Hilfe kam unter anderem aus Russland und der Türkei.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte dem libanesischen Regierungschef Hassan Diab in einem Kondolenzschreiben ebenfalls Unterstützung zu. Das Auswärtige Amt richtete einen Krisenstab ein. Eine Gruppe des Technischen Hilfswerkes (THW) sollte noch am Mittwoch in den Libanon aufbrechen. Die Bundeswehr prüfte, welche Hilfe gegebenenfalls möglich ist. Auch das Gebäude der deutschen Vertretung in Beirut wurde beschädigt, weshalb Botschaft und der dortige Krisenstab vorübergehend aus einem älteren Gebäude arbeiteten. Auch das Gebäude des Goethe-Instituts sei schwer beschädigt worden, hieß es. Es gebe auch einige Meldungen über Verletzte unter den Deutschen.

Die Libanesen vernetzten sich unter anderem über ein Instagram-Konto für die Suche nach Vermissten. Mehr als 86.000 Nutzer abonnierten das Konto, über das Betroffene mit Fotos nach Hinweisen zu Freunden und Verwandten suchen können. Meist sind Telefonnummern hinterlegt. «Ich erhalte 100 Nachrichten pro Minute», hieß es in einem Beitrag. Viele baten außerdem Schlafplätze über das Konto an. Mehrere deutsche Hilfsorganisationen richteten Spendenkonten für die Betroffenen ein.

​Der Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) im Libanon, Malte Gaier, sprach im Deutschlandfunk am Mittwoch von «großen Zeichen von Solidarität». «Ich habe selbst in meinem Viertel gesehen, wie sich Nachbarn untereinander geholfen haben», sagte er. Die Lage sei «vielleicht etwas vergleichbar mit dem Schockzustand, den wir am Morgen nach 9/11 in den USA hatten», erklärte er.

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron wollte am Donnerstag nach Beirut reisen. Der Libanon war früher Teil des französischen Mandatsgebiets, beide Länder sind immer noch eng verbunden. Aus Solidarität mit den Betroffenen wurden unter anderem der Wolkenkratzer Burj Khalifa in Dubai und die Pyramiden in Ägypten in Libanons Nationalfarben beleuchtet. Auch das Rathaus von Tel Aviv sollte am Mittwochabend in den Farben der libanesischen Fahne erleuchtet werden. Der Libanon und Israel haben keine diplomatischen Beziehungen. Offiziell befinden sich die Nachbarländer noch im Krieg.

Eine Frage überschattet alles: Wie konnte es zu dieser gewaltigen Explosion kommen? Schnell verbreiteten sich Gerüchte, das verfeindete Nachbarland Israel habe die libanesische Schiitenorganisation Hisbollah bombardiert. Dafür gibt es aber keine Hinweise. Vieles spricht für ein Unglück in Folge von Fahrlässigkeit. Möglicherweise wurde die Explosion durch eine große Menge Ammoniumnitrat ausgelöst, die seit Jahren im Hafen von Beirut gelagert worden sein soll. Genaues soll eine Untersuchung der Detonation ergeben.

Der Libanon ist ohnehin ein geplagtes Land. Erst brach eine Wirtschaftskrise über die Menschen herein, die schlimmste seit dem Ende des 15-jährigen Bürgerkrieges vor rund 30 Jahren. Dann verschärfte die Corona-Pandemie die Lage noch weiter. Die nationale Währung, das libanesische Pfund, ist abgestürzt. Große Teile der Bevölkerung sind unter die Armutsgrenze gerutscht und wissen nicht mehr, wie sie sich und ihre Familien ernähren sollen. Sie geben dafür einer korrupten Machtelite die Schuld, die sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, das Land hemmungslos geplündert zu haben.

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