Armut, Bomben, Corona - Das Horror-ABC

Patienten werden im afghanisch-japanischen Krankenhaus für COVID-19-Patienten an Sauerstoffflaschen angeschlossen. Foto: Rahmat Gul/dpa
Patienten werden im afghanisch-japanischen Krankenhaus für COVID-19-Patienten an Sauerstoffflaschen angeschlossen. Foto: Rahmat Gul/dpa

GENF/KABUL: Das geschundene Afghanistan soll nach Jahrzehnten der Konflikte auf eigene Füße kommen. Neben dem andauernden Krieg machen Dürre und Corona das schwer. Noch einmal sind Milliarden an Hilfsgeldern nötig.

Wenn die eigenen Kinder vor Hunger nur noch wimmern. Wenn man selbst mit tagelang leerem Magen kaum noch Kraft hat. Wenn irgendwo wieder eine Bombe hochgeht - für viele Afghaninnen und Afghanen ist das Alltag. Nach Jahrzehnten der Bürgerkriege, nach Dürren und nun mit der Corona-Pandemie brauchen mehr als elf Millionen Menschen Nahrungsmittelhilfe. Das ist mehr als ein Viertel der Bevölkerung. Gut die Hälfte der Menschen lebt an der Armutsgrenze. Die internationale Staatengemeinschaft muss daher wohl noch einmal tief in die Tasche greifen.

Bei einer virtuellen Konferenz am Dienstag in Genf versprachen Geberländer Afghanistan rund drei Milliarden Dollar (2,5 Mrd Euro) an Hilfen für das kommende Jahr. Ähnliche Beträge pro Jahr bis Ende 2024 wurden in Aussicht gestellt, aber an Bedingungen geknüpft, etwa, dass Afghanistan Frieden mit den militant-islamischen Taliban erreicht, die Korruption bekämpft und Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wahrt. Deutschland versprach für kommendes Jahr bis zu 430 Millionen Euro sowie ähnliche Beträge bis 2024, «wenn die Umstände es erlauben.»

Insgesamt nahm die Spendenbereitschaft der Staaten aber ab. Bei der Geberkonferenz 2016 waren für vier Jahre etwa 15 Milliarden Dollar zusammengekommen. Das Land sei entschlossen, ab 2025 auf eigenen Füßen zu stehen, bekräftigte Präsident Aschraf Ghani.

Dass die Menschen ihren Lebensunterhalt künftig selbst bestreiten können, fördert unter anderem die Deutsche Welthungerhilfe. «Unser Schwerpunkt ist, die Menschen unabhängig von humanitärer Hilfe zu machen», berichtet Mitarbeiterin Alexandra Singpiel aus Kabul der Deutschen Presse-Agentur. «Zum Beispiel, indem wir mit Dorfbewohnern ein Gewächshaus bauen und sie darin schulen, wie sie optimal pflanzen und ernten können.»

Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) gibt auch Hilfe zur Selbsthilfe, zum Beispiel in der Provinz Badachschan im Nordosten des Landes. Witwe Sang-e Mah (38), Mutter von fünf Kindern, nahm dort an einem Training zum Obstanbau teil. Sie erhielt Geld und kaufte Samen für 30 Apfel- und Aprikosenbäume. «Wenn sie groß sind, habe ich Obst für die Kinder, ich kann den Rest auf dem Markt verkaufen und von dem Geld andere Sachen für meine Familie kaufen.»

Die Dürren 2018 und 2019 haben das Land schwer gebeutelt. Es ging im Frühjahr langsam aufwärts - als die Corona-Pandemie kam. Angehörige im Ausland verloren ihre Arbeit und konnten kein Geld mehr schicken, Tagelöhner in den Städten fanden keine Jobs mehr, die Nahrungsmittelpreise explodierten, weil die Grenzen geschlossen wurden und Nachschub fehlte. Dazu kommt der bewaffnete Konflikt, in dem jeden Tag Menschen sterben.

Gefechte, Bombenangriffe und gezielte Tötungen sind Alltag in Afghanistan, ein Großteil der überwiegend jungen Bevölkerung ist damit aufgewachsen. Seit der US-geführten Invasion nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und ihrer Vertreibung aus Kabul kämpfen die militant-islamistischen Taliban gegen die vom Westen gestützte Regierung. Auch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist im Land aktiv. Erst am Wochenende griff der IS die Hauptstadt mit Raketen an, zahlreiche Menschen wurden getötet und verletzt.

Ein Deal mit den USA verpflichtete die Taliban Ende Februar zur Aufnahme von innerafghanischen Friedensgesprächen. Der Auftakt Mitte September weckte neue Hoffnung auf ein Ende des Konflikts. Ein Waffenstillstand ist jedoch nicht in Sicht. Die Verhandlungen könnten sich noch lange hinziehen, sagt der renommierte Experte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network. «Man muss auch damit rechnen, dass sie wegen Differenzen gelegentlich unterbrochen werden und während dieser Zeit weiter gekämpft wird.»

Vor der Konferenz hatten die Staaten einen entschiedenen Kampf gegen Korruption gefordert. Am Sonntag hob Präsident Aschraf Ghani dafür eine neue Kommission ins Amt. Eine von vielen. Durch die zahlreichen Institutionen seien die Antikorruptionsbemühungen «zahnlos», kritisiert Expertin Muska Dastageer. «Vor der Konferenz wurde sicher erwartet, dass die Spendenmüdigkeit und Enttäuschung insbesondere über die immer noch grassierende Korruption die Geber möglicherweise entmutigen könnte, Zusagen auf dem Niveau der Vorjahre zu machen».

Kriegswirtschaft begünstige Korruption, erklärt Ruttig. «Die Korruption in den afghanischen Institutionen ist ein ganz großes Problem, das beseitigt werden muss, um eine Effektivität der Hilfe zu erreichen». Der Experte sieht auch bei der internationalen Gemeinschaft eine Mitschuld. «Die Geberländer haben Korruption zu großen Teilen sogar geduldet, weil sie der Ansicht waren, dass bestimmte Verbündete nur gekauft werden können».

Die Staatengemeinschaft investiert in eine ungewisse Zukunft Afghanistans - auch wegen des geplanten Abzugs der Nato-Streitkräfte. Doch Hilfsgelder können auch Druckmittel sein, wenn die Taliban wieder an der Regierung beteiligt sein sollten, sagt Ruttig. Das Land ist weiter zerstört worden, auch der Frieden wird Geld kosten. «Die Geberländer haben eine Verantwortung dafür, was aus Afghanistan in den letzten 20 Jahren seit der Intervention geworden ist, und können sich nicht einfach zurückziehen.»

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