Anarchie ist machbar, Herr Nachbar

Wenn es morgens um drei stürmisch an die Haustüre klopft, ist es auch in Thailand nicht Rotkäppchen, das sich im Dschungel verirrt hat und Hilfe sucht, sondern dein Freund und Helfer in Uniform.

Prost mit „Château Vinaigre“

Zum Glück war es nicht unsere Haustüre, sondern jene von Felix, einem begnadeten Schlitzohr und feuchtfröhlichen Jubelrentner, der fernab von unserem Resort seinen Nachbarn tagtäglich mit einer tüchtigen Prise Jazzmusik aus einer XXL-Anlage einheizt. Die Uhrzeit spielt keine Rolle, denn Felix kann Tag und Nacht schon längst nicht mehr unterscheiden. Tag ist, wenn er Durst hat und an der zweiten Flasche „Château Vinaigre“ nuckelt und Nacht, wenn man von ihm nur noch das Ende seines Joints glimmen sieht.

Selbstredend ist es für die Nachbarn aus mit dem Ruhestand, wenn einen das Schicksal mit einem solchen Nachbarn beglückt. Gutes Zureden half wenig, denn Felix hat im Zuge seiner Karriere als selbsternannter Quartier-DJ die Vorstellung entwickelt, dass ihn alle mögen und seinen Musikgeschmack teilen. Klar, über die Lautstärke könnte man noch diskutieren, aber das würde niemand verstehen, einfach weil da ein paar Dutzend Dezibel zu viel zwischen den Gesprächspartnern dröhnen.

Nun kann man davon ausgehen, dass sich die Begeisterung der Nachbarn in Grenzen hielt und irgendwann bis zur Polizeistation Wellen schlug.

Eine Anzeige? Es darf gelacht werden!

„Die waren schon dreimal hier,“ meinte er grinsend bei meinem letzten Besuch, „der Nachbar gegenüber hat mich angezeigt...“

Er nahm einen tiefen Zug aus seiner Marlboro, blies den Rauch genüsslich in die Richtung des erwähnten Nachbarn. Es sah aus, als wolle er damit seine Erinnerung an ihn vernebeln, was auch nachvollziehbar war, wie sich später herausstellte.

„Ich habe dann etwas leiser gestellt, aber wohl nicht genug, denn eine Stunde später waren sie schon wieder da.“

Er drückte die Zigarette aus, griff mit zitternden Fingern nach der Packung, nestelte eine neue heraus und versuchte sie vergeblich anzuzünden. Ich gab ihm Feuer, bevor er die Wohnung in Brand steckte.

Felix: „Danke, aber es gibt auch gute Nachrichten, der Nachbar ist weg...“

„Was heißt weg, ist er in seine Heimat zurückgekehrt?“ fragte ich, da er nicht mehr weitersprach und offenbar den Faden verloren hatte.

„Nein, weg im Sinne von g-a-n-z weg... gestorben... und der Neue ist schwerhörig...!“

Jetzt gab es kein Halten mehr, er schüttelte sich vor Lachen. Die Sonnenbrille tanzte über seiner Nase im Takt dazu und fiel zu Boden. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, als würde er vom fahlen Licht im Wohnzimmer geblendet. Dann senkte er die Stimme und sagte mit gespieltem Ernst: „Bevor er das Zeitliche gesegnet hat, hat er mich noch angezeigt... diesmal wegen Drogen.“ Ich wollte eigentlich nicht lachen, um mich nicht auf diesem Niveau gemein zu machen, aber auf den Stockzähnen vibrierte es, es war stärker als ich. Ich fragte mich auch sogleich, wie er aus dieser Situation wieder herausgekommen ist. Der Besitz von Drogen ist in Thailand mit schweren Nebenwirkungen verbunden, Knast und Ausschaffung sind nur zwei davon.

Frei nach Felix: Nachts um drei standen drei Uniformierte vor der Türe und hielten ihm ein Papier unter die Nase, wohl der Durchsuchungsbefehl. Felix war das Wurst, er hatte seiner Meinung nach nur Musik gemacht, wollten sie die Musik verhaften? Die Polizei wurde aber konkreter und forderte ihn auf, eine Urinprobe abzugeben, wegen Verdachts auf Drogenmissbrauch. Ein Beamter folgte ihm bis zur Toilette, aus naheliegenden Gründen. Felix mühte sich redlich, aber erfolglos, da war auch der Polizist hinter seinem Rücken machtlos.

Opium – der rettende Anker

„I can not... just like that... I need a glas of water,“ meinte er zum amtlichen Urinbeauftragten. Also warteten sie geduldig im Wohnzimmer, bis er einen Liter Wasser getrunken hatte und die Probe lieferte. Als die Männer damit abziehen wollten, bat er sie, noch einen Moment zu warten, ging ins Hinterzimmer und kam mit einem Attest der Universitätsklinik seiner europäischen Heimatstadt zurück, das bescheinigte, dass er bei seiner letzten Behandlung gegen all seine Gebrechen und Drogenprobleme ein opiumhaltiges Medikament erhalten habe.

Er hat nie mehr etwas von der Polizei gehört.


​Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Thomas Schiffer 24/06/2020 14:45
warum geht's hier überhaupt? Ich verstehe gar nicht, was diese Geschichte soll!