Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Sonntag

Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Sonntag

«NZZ am Sonntag»: Trump ist noch nicht geschlagen

ZÜRICH: Zum Präsidentschaftswahlkampf in den USA meint die «Neue Zürcher Zeitung am Sonntag»:

«Es war eine Woche zum Vergessen für Donald Trump. Zuerst der Reinfall in Tulsa, Oklahoma. Die Wahlveranstaltung hätte seiner Präsidentschaftskampagne Auftrieb geben sollen. Doch die Arena war kaum gefüllt, im Saal viele gelangweilte Gesichter. Gleichzeitig wütet die Corona-Seuche weiter. Umfragen zeigen Herausforderer Joe Biden vorne, obwohl dieser kaum in Erscheinung tritt. «Er wird vielleicht Präsident, weil mich manche Leute nicht mögen», sagte Trump. Tatsächlich zeigen die Umfragen derzeit vor allem, wie schlecht der US-Präsident seinen Job macht. Ist das der Anfang von Trumps Ende? Kaum. Bald wird auch Biden aus seinem Keller steigen müssen, und dann beginnt der eigentliche Kampf um die Präsidentschaft.»


«Berliner Morgenpost» zu Spielhallen

Genau zehn Jahre wird es am Ende gedauert haben, bevor sich der Kampf gegen Spielhallen in Berlin gelohnt hat.

Im kommenden Jahr nun wird es nach einer fünfjährigen Übergangsfrist, zahlreichen Klagen und einem komplizierten Auswahlverfahren soweit sein. Vier von fünf Spielhallen werden dann aus dem Straßenbild verschwunden sein. Ein Erfolg für die Stadt. Aber schon steht das nächste Problem vor der Tür. Viele Wettbüros sind genau da entstanden, wo Spielhallen in den letzten Jahren schlossen. Berlin plant, künftig ähnlich scharf dagegen vorzugehen wie gegen Spielhallen. Hoffentlich dauert es dieses Mal nicht erneut zehn Jahre, bevor die Politik ihr Ziel erreichen wird.


«Frankfurter Rundschau» zu Präsidentschaftswahl in Polen

Zu Jahresbeginn wirkte die Macht der rechtsnationalen PiS in Polen unerschütterlich.

Die Partei mit ihrem autoritären Vorsitzenden Jaroslaw Kaczynski profitierte von der guten Wirtschaftslage. Dass der PiS-Mann Andrzej Duda bei der Präsidentenwahl Probleme haben könnte, war ausgeschlossen. Am Sonntag deutete alles darauf hin, dass Duda sich in einer Stichwahl mit dem liberalen Warschauer Oberbürgermeister Trzaskowski messen muss. Was ist da passiert? Zeitlich fiel die Wende mit dem Corona-Ausbruch zusammen. Das wahre Problem jedoch war Kaczynski. Er wollte seine Pläne für einen autoritären Staatsumbau vorantreiben. Das kam nicht gut an. Die Wirtschaftskrise zwingt die PiS zu unpopulären Einschnitten. Aber auch in der Europa-Politik wird die Partei gegen ihre Überzeugungen handeln müssen. Die PiS ist eine Anti-EU-Partei. Polen aber ist auf einen Erfolg der EU angewiesen. Politiker wie Trzaskowski stehen für eine weltoffene Politik. Auf Dauer haben sie die besseren Karten.


«Süddeutsche Zeitung» zu Krisenpolitik und Schulden

Seit Ausbruch der Pandemie hat sich der deutsche Staat in einem Ausmaß verschuldet, wie das bis vor Kurzem unvorstellbar erschienen wäre.

Um den Schutzschild und das Konjunkturpaket zu finanzieren, muss Finanzminister Olaf Scholz mehr als 200 Milliarden Euro borgen. Dazu werden europäische Schulden kommen. Und alles zusammen wird irgendwann die junge Generation zurückzahlen müssen, eine Generation, die von der Pandemie weniger betroffen ist als die Alten. So jedenfalls ein bei Hobbyökonomen in jüngster Zeit populäres Narrativ. So eingängig die Geschichte mit der Verschiebung der Schuldenlast zwischen den Generationen klingt, so falsch ist sie. Hätten sich die Staaten rund um den Globus zur Abwehr der Pandemie nicht massiv verschuldet, dann wäre eine Weltwirtschaftskrise wie in den 1930er Jahren sehr wahrscheinlich gewesen. Und dann sähe die Zukunft für die junge Generation düster aus. Es kommt also nicht auf die absolute Höhe der Schulden an, sondern darauf, wann und wie die Wirtschaft wieder an Dynamik gewinnt.


«La Repubblica»: Das Problem ist China

ROM: Zu den Verhandlungen in der EU über eine Grenzöffnung für Nicht-EU-Staaten schreibt die italienische Zeitung «La Repubblica» am Sonntag:

«Die EU kann nicht über die Wiederöffnung ihrer Außengrenzen entscheiden. Nach wochenlangen Verhandlungen haben sich die europäischen Partner noch nicht auf die Liste der Länder geeinigt, für die sie nach der Pandemie-Schließung ihrer Grenzen ab dem 1. Juli ihre Türen wieder öffnen. (...) Die Liste würde die Vereinigten Staaten, Russland und Brasilien auslassen. Aber das eigentliche Problem ist China. (...) Peking wird nur dann in die Liste aufgenommen, wenn es Gegenseitigkeit mit Europa garantiert. (...) Viele EU-Regierungen befürchten nun wegen der unterschiedlichen Behandlung zwischen China und den USA eine harte Reaktion von Donald Trump. Darüber hinaus vermuten die Europäer, dass die chinesischen Daten der Ansteckungen unzuverlässig sind. Um es vorsichtig auszudrücken.»


«The Observer»: Systematische Versuche zur Destabiliserung

LONDON: Die Londoner Sonntagszeitung «The Observer» kommentiert US-Medienberichte zu russischen Geheimdienstaktivitäten im Ausland:

«Die formelle «Erkenntnis» von US-Geheimdienstbeamten, dass dieselbe Einheit für verdeckte Operationen des russischen Militärs, die verantwortlich für den Nervengasanschlag in Salisbury ist, militante Islamisten bezahlt hat, um britische Soldaten in Afghanistan anzugreifen und zu töten, ist zutiefst schockierend. Boris Johnsons Regierung steht nun erneut vor einer diplomatischen Konfrontation mit Wladimir Putins Regimes in Moskau, vor der sie nicht zurückschrecken darf. (...)

Großbritannien und die USA leiden nicht als einzige Länder unter offenkundig systematischen Versuchen des russischen Präsidenten und seiner schattenhaften Attentäter und Spione, den Westen zu destabilisieren. Zu den russischen Methoden gehören Fake-News-Kampagnen in sozialen Medien, Cyber-Attacken, Sabotage sowie geheime Militäroperationen und Tötungen. Eine solche Schandtat wurde im vergangenen Jahr auch in Berlin verübt, als ein Moskau-feindlicher tschetschenischer Separatist ermordet wurde, was von deutschen Ermittlern als ein staatlich sanktioniertes Attentat bezeichnet wurde.»


«Sonntagszeitung»: Kunden können Umdenken anstoßen

ZÜRICH: Die Zürcher «Sonntagszeitung» beschäftigt sich mit der Ausbreitung des Coronavirus in großen Schlachthöfen:

«Dass sich nun über 1500 Tönnies-Mitarbeiter mit Corona infizierten, mag in erster Linie soziale Ursachen haben, etwa an den stark beengten Sammelunterkünften liegen, in denen viele der osteuropäischen Hilfskräfte leben. Ein Zufall ist es dennoch nicht. Denn es gibt einen Zusammenhang zwischen der Massenproduktion von Fleisch und Pandemien.(...)

Dass ein derart gut alimentierter Sektor von sich aus nichts an seinem Geschäftsmodell ändern will, liegt auf der Hand. In der Hand von uns Kundinnen und Kunden liegt es hingegen, das nötige Umdenken anzustoßen. Den Tieren und unserer Gesundheit zuliebe. Indem wir vor den Kühlregalen mit den Fleischstücken immer wieder einmal das praktizieren, was wir in Corona-Zeiten gelernt haben: Abstand halten.»

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