Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Sonntag

Foto: Adobe Stock/©elis Lasop
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«Stuttgarter Zeitung» zum wachsenden Unmut in der Bevölkerung

Politik vermittelt sich vor allem durch Kommunikation.

Und daran hapert es bisweilen im zunehmenden Seuchenstress. Dazu kommt, dass manche Entscheidungen akut widersprüchlich oder zumindest in der Rückschau fragwürdig erscheinen. Beispiele finden sich zuhauf.


«Frankfurter Rundschau» zu Djokovics Niederlage

Gut, dass das Bundesgericht von Australien endgültig entschieden hat, dass Tennisprofi Novak Djokovic das Land verlassen muss, noch rechtzeitig vor Beginn der Australian Open.

Ein unwürdiges Schauspiel wurde damit beendet, eines, das so nicht hätte stattfinden dürfen. Der australische Tennisverband hätte den Weltranglistenersten aus Serbien nicht glauben machen dürfen, er könne ungeimpft mit Sondergenehmigung einreisen, obwohl die australischen Grenzschützer kein Pardon kennen. So wurde Djokovic vor den Augen der Welt zum Spielball der Politik, zur Galionsfigur serbischer Nationalisten und hierzulande zum Helden der "Querdenker"-Szene. Schuld daran trägt aber vor allem Djokovic selbst, der schon in der Vergangenheit mit esoterischem Quatsch negativ auffiel. Sein erschütterndes Verhalten rund um seine Corona-Infektion Mitte Dezember prägt nun das Bild eines verantwortungslosen Sportlers, dem es nur um sich selbst geht. Er verlässt Australien mit der größten Niederlage seiner Karriere.


«Handelsblatt » zu Nord Stream 2

Während die Ampelkoalition um eine einheitliche Linie ringt, werden um Deutschland herum Fakten geschaffen: Die EU sieht Nord Stream 2 als geopolitisches Risiko, die USA bekämpfen die Pipeline seit dem ersten Spatenstich.

Russland macht keine Anstalten, an der ukrainischen Grenze abzurüsten. Die US-Regierung erwartet deutlich mehr Initiative von den Deutschen, um Russland in die Schranken zu weisen. (.) Sollte Russland tatsächlich in die Ukraine einmarschieren, wäre die Inbetriebnahme tatsächlich nicht mehr haltbar. Die Bundesregierung hat jetzt die Wahl, proaktiv Haltung zu zeigen oder weiter auszuweichen. Auf Geduld aus Washington kann Berlin jedenfalls nicht mehr lange zählen.


«La Repubblica»: Folgen für Johnson könnten fatal sein

ROM: Zum Streit um den britischen Premier Boris Johnson schreibt die italienische Zeitung «La Repubblica» aus Rom am Sonntag:

«Zwischen Demonstrationen von jungen Menschen, verkleidet als Boris Johnson, die mit Whiskey-Flaschen in der Hand vor Downing Street tanzen und ironisch «das ist ein Business-Meeting» singen und wilden Social-Media-Posts, die die berühmte Tür mit der Hausnummer 10 als Eingang zu einer Disko darstellen: In London scheint der Skandal um illegale Partys während des Lockdowns im Amtssitz des britischen Premierministers ins Lächerliche gezogen werden. Aber niemand in England findet das wirklich zum Lachen, und die Folgen für den konservativen Anführer könnten fatal sein. (...)

Boris Johnson ist schon bei anderen Gelegenheiten in Ungnade gefallen und hat gezeigt, dass er dank seines persönlichen Charismas wieder auf die Beine kommen kann. Ein erneuter Erfolg ist nicht ausgeschlossen, aber das Unterfangen erscheint schwieriger. Selbst wenn sich herausstellt, dass sie nicht gegen das Gesetz verstoßen haben, erscheinen die Partys in der Downing Street für eine Öffentlichkeit, die seit zwei Jahren Opfer für Covid aufbringt, moralisch unverzeihlich.»


«The Observer»: Großbritannien braucht eine erneuerte Labour-Partei

LONDON: Für die britische Sonntagszeitung «The Observer» ist ein vorzeitiges Ende der Amtszeit von Premierminister Boris Johnson absehbar:

«Mit jedem Tag, den Johnson weiter Premierminister bleibt, wird der Schaden, den er anrichtet, größer. Da seiner Partei mittlerweile dämmert, dass er sich von einem Wahlgewinner zu einem Wahlverlierer entwickelt, wird es immer wahrscheinlicher, dass sie ihn nicht mehr allzu lange im Amt belassen wird. Aber die politische Krise Großbritanniens wird damit nicht beendet sein. Die Wahl des nächsten Premierministers wird den konservativen Abgeordneten und Parteimitgliedern überlassen. Und Johnsons wahrscheinliche Nachfolger sind alle mitschuldig an der miserablen Bilanz der Regierung.

Die einzige Hoffnung besteht darin, dass eine erneuerte Labour-Partei die nächsten Parlamentswahlen gewinnt. Keir Starmer hat sich in den letzten Wochen als ein Mann mit Kompetenz, Integrität und Werten erwiesen. Die Labour-Partei hat allerdings noch einen weiten Weg vor sich, wenn es darum geht, die Gründe dafür aufzuarbeiten, dass die Wähler sich 2019 von ihr abwandten und zu vermitteln, was ein Premierminister Starmer für Großbritannien erreichen würde. Aber die Partei erholt sich mehr und mehr von der schrecklichen Niederlage, zu der Jeremy Corbyn sie damals geführt hat.»


«Sunday Times»: Clowneske Figuren haben Großbritannien degradiert

LONDON: Die Londoner «Sunday Times» kommentiert die aktuellen Turbulenzen in der Regierung und im Königshaus:

«Die vergangene Woche war keine gute Woche für Großbritannien auf der Weltbühne. Boris Johnson musste sich bei der Königin für die Partys entschuldigen, die am Vorabend der Beerdigung ihres Mannes, die unter Einhaltung der Corona-Regeln vollzogen wurde, in Downing Street Nr. 10 stattfanden. Und die Queen entzog Prinz Andrew seine Titel und militärischen Ehren, weil ihm vorgeworfen wird, Sex mit einem Teenager gehabt zu haben, der ihm von dem pädophilen Finanzmagnaten Jeffrey Epstein vermittelt wurde. (...)

Diese beiden Institutionen, die Regierung und die Monarchie, sind von zwei clownesken Figuren und deren Umfeld erniedrigt worden. Es gibt keinen klaren Weg zu ihrer Gesundung - nur ein Führungsvakuum, das Großbritannien in einer gefährlichen Zeit hilflos macht. (...)

Darauf zu hoffen, dass Johnson sich ändert, ist sinnlos: Er wird es nicht tun. Wir können nur hoffen, dass diese Ära der zerstörerischen Dekadenz schließlich einer helleren Zeit weicht. Vielleicht taucht aus dem verwirrenden Durcheinander der Amtsführung Johnsons irgendwann ein Herausforderer auf, der Kompetenz mit Vertrauenswürdigkeit und ein wenig unternehmerischem Weitblick vereint. Ist das zu viel verlangt?»


«NZZ am Sonntag»: Schwäche des Westens ist Putins Trumpf

ZÜRICH: Die «Neue Zürcher Zeitung am Sonntag» kommentiert die Ukraine-Krise:

«Das Moment der Überraschung, ein Grundprinzip der Kriegsführung, hat Wladimir Putin nicht mehr in der Tasche. Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine wird wohl einer der am besten dokumentierten Feldzüge der modernen Geschichte. Wenn er denn überhaupt stattfindet. Nahezu täglich liest und hört man Neues über die angeblichen Vorbereitungen eines russischen Angriffs auf das Nachbarland. (...)

Dabei sind die militärischen Optionen des russischen Präsidenten gegen die Ukraine nicht ganz so stark, wie der Kreml glauben machen will. Eine Invasion der Ukraine und die Errichtung eines Besatzungsregimes in einem so großen osteuropäischen Land erscheinen wenig realistisch. Putin hat andere Möglichkeiten. Denkbar ist die Destabilisierung eines weiteren Teils der Ostukraine. Wie Nato und USA auf eine solche regional begrenzte Intervention in der Ukraine reagieren, ist nicht ausgemacht. Wird der Westen dann noch mit einer Stimme handeln und die angedrohten Sanktionen gegen Russland verhängen? Putins eigentlicher Trumpf ist die Schwäche eines verunsicherten Westens.»

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Hartmut Wirth 17.01.22 13:30
Ukraine-Konflikt
Der Westen hat ja in Afghanistan gezeigt, was er kann. Wie sollte das einen Putin beeindrucken?
Und: Wenn Putin sich die Ukraine einverleibt, wer hindert dann China, das Gleiche mit Taiwan zu tun?
Merke: durch die offensichtliche Schwäche der USA werden die politischen Karten neu verteilt.