Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Sonntag

Foto: Adobe Stock/©elis Lasop
Foto: Adobe Stock/©elis Lasop

«Handelsblatt» zum Corona-Management in Deutschland

Die neue Coronavirus-Variante namens Omikron, von der noch nicht klar ist, wie viel gefährlicher und ansteckender sie ist, trifft in Deutschland auf ein Land, das mit der Delta-Variante schon überfordert ist.

Dem im Machtvakuum nach der Bundestagswahl die Orientierung in der Pandemiebekämpfung abhandengekommen ist. Die politischen Entscheidungsträger sollten Entdeckung und Verbreitung der Variante nun zum Anlass nehmen, schnell und gemeinsam zu handeln: Ministerpräsidenten, alte und neue Regierung sollten sich sofort koordinieren und nicht erst am verabredeten 9. Dezember. Ein Virus hält sich nicht an politische Terminkalender.


Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Montag

«Frankfurter Allgemeine Zeitung» zu Corona / Maßnahmen gegen neue Virusvariante

Was ist neu? Neu ist eine besorgniserregende Variante des Coronavirus.

Altbekannt sind dagegen die Maßnahmen, mit denen man sich schützen kann. Leider herrscht gerade nicht nur ein faktisches Interregnum, sondern ein Führungsvakuum. Das liegt nicht nur an der jetzt schon von Fliehkräften geschüttelten künftigen Koalition, der nicht wirklich wahrnehmbaren Opposition und der im Abklingen befindlichen Regierung. Es liegt an der Scheu vor notwendigen Maßnahmen. (...) Keine rechtmäßige Maßnahme ist ausgeschlossen. Auch örtliche Notbremsen nicht. Wer aber als Voraussetzung einer Impfpflicht eine breite Debatte fordert, die es längst gibt, der hat weder die Verfassung im Blick, noch ist er ein Krisenmanager. Die Impfpflicht ist milder als ein Lockdown und sorgt mitnichten für eine größere «Spaltung».


«La Vanguardia»: Ampel bei Finanzen vor Quadratur des Kreises

MADRID: Die spanische Zeitung «La Vanguardia» kommentiert am Sonntag den Koalitionsvertrag der Ampel-Koalition:

«Der am vergangenen Mittwoch in Deutschland besiegelte Koalitionsvertrag zwischen Sozialdemokraten, Grünen und Liberalen beinhaltet ein klares Bekenntnis zum Umweltschutz und stellt den Klimaschutz in den Mittelpunkt des Koalitionsvertrags sowie eine Rückkehr zur Haushaltsdisziplin, den Kampf gegen die Pandemie und das Bekenntnis zu einem starken Europa. Die drei Parteien bekräftigen das deutsche Bekenntnis zu Europa, verteidigen eine Vertiefung der Union im föderalen Sinne und schlagen eine Stärkung der «strategischen Souveränität» der EU vor. In der Außenpolitik stellen sie Forderungen an Russland und China.

Um ihre Ziele zu erreichen, benötigt die künftige Ampelregierung viel Geld. Das deutsche Grundgesetz sieht eine Schuldenobergrenze vor, die wegen der Pandemie ausgesetzt wurde. Die neue Exekutive schlägt vor, sie 2023 wiederherzustellen. Die Quadratur des Kreises wird sein, wie die Milliardeninvestitionen für Sozial- und Umweltreformen vorangetrieben werde können, ohne die von den Liberalen, Hütern der Finanzorthodoxie, geforderte Budgetgrenze zu sprengen.»


«Corriere della Sera»: Omikron macht Angst vor ewigen Pandemie-Winter

ROM: Zur Omikron-Variante des Coronavirus schreibt die italienische Zeitung «Corriere della Sera» aus Mailand am Sonntag:

«Und was, wenn es nie mehr aufhört? Wir haben es lange vermieden, unserer unaussprechlichen Angst eine Stimme zu geben. Von einem Gefühl der Verantwortung gemischt mit einem Verbot, um das Unheil abzuwenden, ermahnt, es nicht zu tun, schwiegen wir. Möglicherweise ist jedoch der Moment gekommen, um zuzugeben: Ist es nicht vielleicht wahr, dass, während wir in den dritten Pandemie-Winter eintreten, in uns der Gedanke an einen Winter ohne Ende Einzug hält? Die Anlandung der Variante aus dem südlichen Afrika in Europa nährt nicht nur die Angst eines Pandemie-Winters ohne Ende, vielleicht rechtfertigt sie auch die Furcht vor rationalen Vorhersagen. (...)

Nun, da die Omikron-Variante ein schwindelerregendes Wachstum an Infektionen verursacht und droht, bestehende Impfstoffe auszuhebeln, tun wir vielleicht gut daran, uns für eine lange Reise zu rüsten, eine Reise durch eine Erde, die den Wechsel von Winter und Frühling nicht mehr kennt, sondern nur noch einen ewigen Herbst. Eine Reise mit unbekanntem Ziel.»


«Sunday Times»: Mangel an Impfstoff begünstigt Mutationen

LONDON: Die Londoner «Sunday Times» sieht im Impfstoffmangel in armen Ländern eine Hauptursache für das Entstehen neuer Corona-Varianten:

«Nicht nur übereifrige Börsianer wurden von den Berichten über die neue Corona-Variante in Angst und Schrecken versetzt. Deshalb sollten wir uns daran erinnern, dass eine der Grundregeln einer globalen Pandemie nicht nur ein Slogan ist - nämlich dass niemand sicher ist, solange nicht alle sicher sind. (...)

Aber die weltweite Verteilung von Impfstoffen erfolgte in einer Weise, die das Auftreten neuer Varianten unvermeidlich macht und die Rückkehr zum normalen Leben verzögert. In den Ländern des südlichen Afrika, in denen Omikron aufgetreten ist, ist die große Mehrheit der Menschen nicht geimpft. (...)

Bislang hat Covax, die weltweite Vertriebsagentur, nur 537 Millionen Impfstoffdosen verteilt, weit weniger als die vielen Milliarden, die benötigt werden. Es lässt sich nicht leugnen, dass in einigen armen Ländern eine zögerliche Haltung gegenüber Impfstoffen weit verbreitet ist (wie auch in einigen reicheren Ländern), aber das Hauptproblem ist der Mangel an Impfstoff. Das muss sich ändern.»


«NZZ am Sonntag»: Die Welt hat Südafrika viel zu verdanken

ZÜRICH: Die «Neue Zürcher Zeitung am Sonntag» kommentiert die Entdeckung der Omikron-Variante durch Wissenschaftler in Südafrika:

«Es ist kein Zufall, dass Wissenschaftler in Südafrika die Überbringer dieser schlechten Nachricht sind und dass sie es waren, welche die Mutation entdeckt haben. Das Land gehört bei der Virusforschung zur Weltklasse. Es hat schon die Beta-Variante entdeckt. Von Beginn der Pandemie hat Südafrika die Entwicklung neuer Varianten mittels Genom-Sequenzierung überwacht und die Weltöffentlichkeit früh mit wertvollen Daten versorgt. Ganz im Gegensatz zu anderen Ländern, die weder früh noch transparent informierten.

Nun droht Südafrika aber wegen dieser wissenschaftlichen Pionierrolle die internationale Isolation. Zahlreiche Länder erlauben keine Flüge mehr von Südafrika. Und auch im Land selbst ist ein neuerlicher Lockdown wahrscheinlich. Dabei beginnt nun die für die Tourismusindustrie alles entscheidende Sommersaison. Es wäre wichtig, Südafrika in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen. Finanziell und bei der gesundheitlichen Bewältigung dieser Pandemie. Die Welt hat Südafrika viel zu verdanken.»

Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als vollfarbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.
Pflichtfelder

Es sind keine Kommentare zum Artikel vorhanden, bitte schreiben Sie doch den ersten Kommentar.