Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Sonntag

Foto: Adobe Stock/©elis Lasop
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«Stuttgarter Zeitung» zu Boris Palmer

Es ist jammerschade um den Kerl.

Boris Palmer macht als Oberbürgermeister in Tübingen einen tollen Job, auch wenn der Unterschied zu seinen Amtskollegen manchmal nur in der besseren Selbstvermarktung liegt. Wie wenige Politiker seiner Generation verbindet er Tatkraft mit Intelligenz. Doch schlau sein ist etwas anderes als klug sein. Palmers Scheitern als Grünen-Politiker hat auch eine psychologische Komponente. Egoisten sind viele, die sich in der Politik tummeln. Doch bei dem inzwischen bald 49-Jährigen nimmt das Ganze ein politisch suizidales Ausmaß an. Das zeigt nicht erst die wirre Geschichte um zwei Ex-Fußballer und Palmers Einlassungen dazu, mögen diese nun ironisch, rassistisch oder - wie so vieles, was Palmer raushaut - einfach nur verzichtbar sein.


«Corriere della Sera»: Merkel auffallend still bei EU-Sozialcharta

ROM: Zum EU-Gipfel und der Rolle von Kanzlerin Angela Merkel schreibt die italienische Zeitung «Corriere della Sera» aus Mailand am Sonntag:

«Die Corona-Pandemie hat zwei Bereiche in den Mittelpunkt vieler besorgter Überlegungen gerückt, in denen die EU nur begrenzte Befugnisse hat: Beschäftigung und soziale Sicherheit. Deswegen ist es wichtig, genau dort anzusetzen und dabei zwei klare Hinweise aus Umfrageergebnissen zu berücksichtigen: Die Europäer fühlen sich heute einander näher, und sie wollen mehr Solidarität, auch zwischen den Staaten.

Da überrascht es nicht, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs (...) auf dem Sozial-Gipfel in Porto in Portugal über Beschäftigung und Wohlfahrt gesprochen haben. Das Hauptergebnis war die Genehmigung des von der Kommission vorgelegten Aktionsplans für soziale Rechte. (...) Einige Länder haben Vorbehalte gegen die Ambitionen der Kommission geäußert. Angela Merkel kam weder nach Porto, noch sprach sie offiziell aus der Ferne zum Thema der Sozialcharta. Glücklicherweise gab es (Emmanuel) Macron, (Pedro) Sanchez und (Mario) Draghi, die den Plan verteidigten und einige Verbesserungen vorschlugen.»


«The Observer»: Starmer hat Labour noch nicht wieder wählbar gemacht

LONDON: Die Londoner Sonntagszeitung «The Observer» kommentiert die Labour-Niederlagen bei den Wahlen in England:

«Es ist noch zu früh, um die weitere Entwicklung abschätzen zu können, aber (der Parteivorsitzende Keir) Starmer hat nicht genug Fortschritte gemacht, um Labour wieder wählbar zu machen. Er hätte den Wählern zeigen müssen, dass er versteht, warum so viele Labour 2019 abgelehnt haben und was ihre Hoffnungen und Sorgen für 2021 sind: Das ist der erste Baustein bei der Darlegung einer alternativen Vision für das Land. Starmer scheint aber ein schlechter Kommunikator zu sein, dem es an Fingerspitzengefühl mangelt; dasselbe lässt sich über zu viele aus seinem Spitzenteam sagen. (...)

Die Konservativen haben eine schreckliche Regierungsbilanz hingelegt. Der Brexit, den sie vollzogen haben, birgt das Risiko, regionale Ungleichheiten zu vergrößern und das Leben der Menschen in den kommenden Jahren noch schwieriger zu machen. Aber Labour muss sich in den Augen der Wähler erst noch das Recht verdienen, eine Alternative aufzuzeigen. Und die Wahlergebnisse vom Donnerstag zeigen, dass die Partei das noch nicht in dem Maße geschafft hat, wie es nötig wäre.»


«NZZ am Sonntag»: Lieber Impfstoff spenden als Patente aufheben

ZÜRICH: Die «Neue Zürcher Zeitung am Sonntag» kommentiert den Vorstoß der USA, Patente auf Corona-Impfstoffe freizugeben:

«Mindestens eine halbe Million Menschen infiziert sich in Indien jeden Tag mit dem Coronavirus, das Land ist auf Hilfe aus reichen Ländern angewiesen. Und sie muss rasch kommen. Deshalb wäre es der falsche Weg, Patente aufzuheben, um Impfstoffe billiger «nachbauen» zu können, wie die USA es vorschlagen. Nicht nur, weil Herstellern fortan der Anreiz zur Entwicklung von Vakzinen fehlen würde, wenn sie diese zum Selbstkostenpreis abgeben müssten. Vor Ort Produktionslinien der mRNA-Technologie zu bauen, würde auch viel zu lange dauern. Dafür benötigt sogar die hochindustrialisierte Schweiz Monate, und selbst hier kommt es zu Produktionsstopps, weil Rohstoffe oder Fachleute fehlen. Im heißen Klima Indiens oder Afrikas drohen noch viel größere Probleme. Einfacher und schneller wäre es, Impfstoff in Flugzeuge zu laden. Industrienationen wie die USA, Kanada oder die EU sollten weniger Dosen horten und die überzähligen an bedürftige Länder weitergeben.»

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