Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Sonntag

Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Sonntag

«Corriere della Sera»: Hoffentlich reagiert China vernünftig

ROM: Nach der Ankündigung eines möglichen Verbots der Videoplattform TikTok aus China und Attacken gegen den Kommunikationskonzern Huawei durch US-Präsident Donald Trump analysiert die italienische Zeitung «Corriere della Sera» am Sonntag die Beziehungen beider Staaten:

«Heute scheint das Problem überwiegend amerikanisch zu sein. Trump will ein paar Punkte gegen China machen und hofft, nach einem Schritt, den er seinen Wählern als Erfolg präsentieren kann, bei der Abstimmung zu gewinnen. Es steht zu befürchten, dass es im Moment keine andere Lösung gibt, als das Vertrauen in den gesunden Menschenverstand Chinas zu setzen, wenn es darum geht, das Schlimmste zu vermeiden.»


«The Observer»: Trump klammert sich mit allen Mitteln an sein Amt

LONDON: Die Londoner Sonntagszeitung «The Observer» kommentiert den Vorstoß des US-Präsidenten für eine Wahlverschiebung:

«Dass sich die Republikaner den Demokraten anschlossen und die Idee rasch verurteilten, war beruhigend. Aber Trump war davon nicht beeindruckt. Er wird weiterhin spalten, stören und Zweifel säen, während er mit allen Mitteln versucht, sich an sein Amt zu klammern. (...)

Zu Beginn seiner Präsidentschaft hatte Trump sich bekanntlich selbst zu einem «sehr stabilen Genie» erklärt. Sein jüngster Streich lässt einmal mehr erhebliche Zweifel an seinem derzeitigen Geisteszustand aufkommen. Vielleicht hält er sich für vorausschauend clever, indem er die Legitimität der kommenden Wahlen infrage stellt. Vielleicht hofft er, dass der weithin prophezeite Sieg des Demokraten Joe Biden durch Gerichte oder eine Volksrevolte zunichte gemacht wird. Oder vielleicht ist er derartig aus dem Konzept gebracht worden, dass er überhaupt nicht klar denkt.»


«Sonntagszeitung»: Ein Anschlag auf die Demokratie in Hongkong

ZÜRICH: Die Zürcher «Sonntagszeitung» kommentiert die Verschiebung der Parlamentswahl in Hongkong:

«Der wahre Grund ist aber nicht die Infektionsgefahr. Peking hat Angst vor einer Blamage. Die Vorwahlen in der chinesischen Sonderverwaltungszone haben gezeigt, wie groß die Unterstützung für das prodemokratische Lager ist. Allen Drohungen zum Trotz haben die Menschen bewiesen, dass sie bereit sind, ihre Freiheit für die Freiheit ihrer Stadt zu riskieren. (...)

Hongkong war einst Chinas Fenster zur Welt. Zu Hause hat die Kommunistische Partei es nie geschafft, Vertrauen, geschweige denn einen Rechtsstaat aufzubauen. Sie hat die Freiheiten in Hongkong nie geschätzt, aber ist bis heute wirtschaftlich darauf angewiesen. Deshalb versucht sie, den Schein zu wahren. Die Absage der Wahl ist aber politisch motiviert. Und sie ist ein weiterer Anschlag auf die Stadt.»


«NZZ am Sonntag»: Beschämende Mutlosigkeit der EU

ZÜRICH: Die «Neue Zürcher Zeitung am Sonntag» kommentiert die Reaktion der EU auf das Vorgehen der chinesischen Regierung in Hongkong:

«Chinas Herrscher Xi Jinping und seine Statthalterin Carrie Lam in Hongkong können sich auf die Europäische Union verlassen. Die Stellungnahme der 27 Mitgliedstaaten zum neuen Sicherheitsgesetz der Stadt ist reichlich spät erfolgt und erst noch kleinlaut ausgefallen. (...) Dass Lam nun auch die nächsten Wahlen in der Stadt verschiebt, weil das Risiko wegen des Coronavirus zu groß sei, ist nichts anderes als eine weitere Einschränkung der demokratischen Rechte, um einem Debakel zuvorzukommen. Die beschämende Mutlosigkeit der EU hat Deutschland daraufhin wenigstens leicht korrigiert, indem es das Auslieferungsabkommen mit Hongkong aussetzt. Dennoch: Wenn sich Europa nicht bloß als Wirtschafts-, sondern auch als Wertegemeinschaft verstehen will, dann muss es weniger aufs China-Geschäft schielen und den Hongkongern tatkräftiger beistehen.»

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