Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Sonntag

Foto: Adobe Stock/©elis Lasop
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«Berliner Morgenpost» zum Lehrermangel

Berlin fehlen 1000 Lehrkräfte, die Zahl der unbesetzten Stellen hat sich zuletzt verdoppelt.

Ein Problem, das sich an langjährigen Entwicklungstrends ablesen lässt: wachsende Schülerzahlen und zusätzliche Bedarfe für Inklusion. Berliner Universitäten, die alljährlich zu wenige Lehramtsabsolventen ausbilden. Und die Jahr für Jahr zunehmende Zahl Berliner Lehrkräfte, die nur noch in Teilzeit arbeiten. Das hat zu einem Teufelskreis geführt, der nur schwer zu durchbrechen ist. Weil immer weniger freie Lehrerstellen besetzt werden können, nimmt die Belastung des verbliebenen Lehrpersonals zu. In der Folge flüchtet bereits mehr als jede dritte Lehrkraft in Teilzeitarbeit - und verschärft den Personalmangel. Der strukturelle Lehrermangel lässt sich nur beheben, wenn mehr Lehrkräfte ausgebildet werden. Dass die Berliner Universitäten derzeit nur knapp 900 Lehramtsabsolventen statt der vereinbarten 2000 ausbilden, darf nicht weiter hingenommen werden.


«Süddeutsche Zeitung» zur Eroberung Mariupols

Rein militärisch ändert die Eroberung Mariupols kaum etwas am Stand des Krieges.

Der Fall der Stadt, die Russland als unverzichtbar sah, um eine Landbrücke von der besetzten Krim ins nur ein paar Dutzend Kilometer östlich von Mariupol liegende Russland zu beherrschen, war seit Kriegsbeginn eine Frage der Zeit. Er dürfte aber dazu beitragen, ein russisches Mindestkriegsziel zu erreichen: die Eroberung der gesamten Ostukraine. In der Region Luhansk kommt der Kreml diesem Ziel näher. Die bald ebenso gründlich wie Mariupol in Trümmer geschossene Stadt Sewerodonezk dürfte ebenfalls fallen.


«Frankfurter Allgemeine Zeitung» zu Mützenich/Bundeswehr

Mützenichs Vorstoß richtet sich vor allem gegen die Ankündigung des Oppositionsführers, nur so viele CDU/CSU-Abgeordnete zustimmen zu lassen, wie die Ampelfraktionen für eine Grundgesetzänderung, also Zweidrittelmehrheit brauchen.

Friedrich Merz touchiert damit zwar das freie Mandat, hebt aber den Plan von Scholz aus den Angeln, die eigenen Reihen nicht unbedingt schließen zu müssen. Mützenich müsste also doch für Geschlossenheit sorgen, was er offenbar nicht kann. Denn zu viele Grüne und SPD-Abgeordnete lehnen das Zwei-Prozent-Ziel der NATO ab, wollen die 100 Milliarden Euro lie-ber für Entwicklungshilfe als für Panzer ausgeben und finden es ärgerlich, auf Leute angewiesen zu sein, die gestern für sie noch zu den Kriegstreibern zählten.


«Frankfurter Rundschau» zu Stellungskrieg in der Ukraine

Putins Krieg in der Ukraine wird zu einem blutigen Abnutzungskrieg.

Das ändert auch leider kein italienischer Friedensplan, solange der russische Despot Putin nicht gesprächsbereit ist. Auf diesen Stellungskrieg stellt sich auch der ukrainische Präsident Selenskyj ein, wenn er sagt, er wolle nicht mehr mit Russland verhandeln und die russische Armee auf die Stellungen vor dem völkerrechtswidrigen Überfall zurückdrängen. Das bedeutet für Kiews Verbündete in den USA und Europa, dass sie das Land noch lange mit Geld und Waffen unterstützen und den Geflüchteten helfen müssen. Für die Motivation aller Beteiligten ist es hilfreich, wenn weiter Politikerinnen und Politiker wie jetzt der polnische Präsident Andrzej Duda die Ukraine besuchen und daran erinnern, dass nur die Menschen in der Ukraine das Recht haben, über ihre Zukunft zu bestimmen. In diesem Zusammenhang ist auch eine Debatte über einen Friedensplan nützlich. Er erinnert daran, dass es Wege aus dem militärischen Konflikt gibt.


«Münchner Merkur» zu Lambrecht und Faeser

Der Griff der SPD nach den beiden zentralen Sicherheitsressorts war, schon vor der Ukraine-Krise und danach erst recht, ein kluger Zug.

Die Sozialdemokraten als Schutzmacht der «kleinen Leut», der Mitte, denen Sicherheit wichtiger ist als Gendersprech-Debatten: Das kann gut funktionieren, aber nur mit glaubwürdigen Ministern, die für ihre Themen brennen statt sich nur auf einem Durchlaufposten zu wähnen. Zumal in beiden Ressorts CDU und CSU über ein Jahrzehnt, höflich ausgedrückt, keine zu großen Fußstapfen hinterlassen haben. Scholz sollte das Verteidigungsministerium bald neu besetzen, rein nach Qualifikation; und seine Innenministerin zumindest wieder in die Spur führen. Der Kanzler performt nicht so, dass er diese Ausfälle überstrahlen würde.


«Handelsblatt» zur Energiepartnerschaft mit Katar

Der Emir von Katar ist ein kluger Geschäftsmann, der auf einem riesigen Gasfeld sitzt.

Das macht ihn zu einem geschätzten Gesprächspartner vieler Regierungen in Asien und Europa. Zaubern kann der Emir allerdings nicht. Und zu verschenken hat er auch nichts. Als Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck im März in Katar zu Besuch war, ist bei einigen Beobachtern der Eindruck entstanden, Katar sei der Retter in der Not. Doch das Emirat kann nur einer von vielen Helfern sein. Die große Menge an russischem Erdgas, die wir über Jahre gedankenlos und zu niedrigen Preisen konsumiert haben, kann Katar nur zu einem Bruchteil ersetzen. Der Rest muss woanders herkommen - oder durch mehr Effizienz verzichtbar werden.


«Corriere della Sera»: Putin treibt Staaten in Arme der Nato

ROM: Zum beantragten Nato-Beitritt Schwedens und Finnlands schreibt die italienische Zeitung «Corriere della Sera» aus Mailand am Sonntag:

«Wenn Schweden um einen Nato-Beitritt bittet und in den kommenden Monaten weitere Staaten seinem Beispiel folgen, wird die Verantwortung vor allem bei (Wladimir) Putin liegen. Mit der Invasion in die Ukraine, seiner Art, dem Verhalten seiner Truppen und der zunehmenden Gewalt der Kämpfe drängt der russische Präsident die Bewohner dieser Regionen, Hilfe in den Armen eines Bündnisses, nämlich der Nato, zu suchen, das nach dem Ende des Kalten Krieges langsam einen großen Teil seines Ansehens und seiner Autorität verlor. Nach dem Ende der Sowjetunion brauchten wir seine ursprünglichen Funktionen nicht mehr, aber heute laufen wir dank Putin Gefahr, es morgen im Dienst anderer Menschen und anderer Zwecke zu sehen.

Der russische Präsident verursacht mit seiner Politik eine Energie- und Ernährungskrise und verhindert die Realisierung von Projekten, die einem ganzen Kontinent zugutekommen würden, auf dem es bereits Länder gibt, die traditionell Mitglieder der Nato sind und unter diesen Umständen wahrscheinlich entscheiden werden, weiter ein Teil davon zu sein, um ihre traditionelle Beziehung zu den Vereinigten Staaten zu bewahren. Aber das ist nicht der Weg, den das gemeinschaftliche Europa gehen sollte. Wir haben kein Interesse daran, die Schar der Nato-Mitglieder zu erweitern (...).»


«The Observer»: Reiche Länder müssen mehr gegen Armut in der Welt tun

LONDON: Die Londoner Sonntagszeitung «The Observer» kommentiert die Unruhen in Sri Lanka:

«Diese Krise hat sich schon lange angebahnt: Sie ist das Ergebnis von 20 Jahren unhaltbarer Kreditaufnahme zur Finanzierung unkluger Projekte und zu niedriger Steuern. Dies machte Sri Lanka besonders anfällig für die Folgen der Corona-Pandemie, unter anderem für seine Tourismusindustrie. (...) Es gibt aber noch mehr Länder, in denen politische Unruhen und wirtschaftliche Anfälligkeit bedeuten, dass weitere wirtschaftliche Schocks zu größerer Not für die Bevölkerung führen werden, was Instabilität und Gewalt auslösen könnte. (...)

Russlands Aggression in der Ukraine hat das Bekenntnis des Westens zum Nato-Bündnis als Mittel zur Stärkung der globalen Sicherheit wieder wachgerufen. Doch das reicht nicht aus: Wohlhabende Länder wie die USA und Großbritannien müssen sich der Auswirkungen dieser globalen Wirtschaftstrends auf Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen bewusst sein. Nicht nur, weil sie eine moralische Pflicht haben, mehr für die Linderung der weltweiten Armut zu tun, sondern auch aus Eigeninteresse mit Blick auf die Sicherheitsrisiken.»


«NZZ am Sonntag»: Asow-Soldaten sollen für Kriegspropaganda herhalten

ZÜRICH: Zum Umgang mit Gefangenen des Ukraine-Krieges meint die «Neue Zürcher Zeitung am Sonntag»:

«Kriegsjustiz als Propagandawaffe? Kein Zweifel. Beide Seiten möchten daraus ihren Nutzen ziehen. Aber einen Unterschied gibt es: Die Russen wollen mit einem Tribunal eine Begründung für ihren Angriffskrieg fabrizieren. Die Asow-Soldaten sollen Kronzeugen und Schuldige in einem sein - angebliche «Nazis», die einen Völkermord an Russen verübten und denen Russland mit dem Krieg einen Riegel vorschob. Den Ukrainern aber geht es darum, offensichtliche Kriegsverbrechen zu ahnden. Ein faires Verfahren durchzuführen, während die militärische Auseinandersetzung noch im Gang ist, scheint kaum möglich. Wer wirklich Gerechtigkeit sucht, sollte auf die Zeit nach dem Krieg warten.»

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