Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Sonntag

Foto: Adobe Stock/©elis Lasop
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«Handelsblatt» zur Wahl in NRW

Der große Wahlsieger sind die Grünen.

Die Ökopartei verdreifacht ihr Ergebnis. Sie profitiert in den Ländern von der starken Regierungsperformance in Berlin und mausert sich zur dritten Volkspartei. Und noch eines zeigt die NRW-Wahl: Die Zersplitterung des Parteiensystems kommt an ein Ende. Die Linke ist nahezu tot, und nachdem die AfD in Schleswig-Holstein rausgeflogen war, kam sie in NRW so gerade noch in den Landtag. Die NRW-Wahl ist deshalb trotz so mancher Enttäuschung doch auch eines: ein Sieg der Demokratie.


«Stuttgarter Zeitung» zur Wahl in NRW

Wie an vielen anderen Orten haben die Grünen auch in NRW die FDP als dritte Kraft abgelöst.

Die Liberalen spielten in allen drei Landtagswahlen dieses Jahres nur eine Nebenrolle. Das hatte immer landesspezifische Gründe. Das hat aber auch mit dem Auftritt der liberalen Bundesminister zu tun: für eine Politik, die neue Schulden macht und neue Sozial-Subventionen auflegt, muss niemand FDP wählen. Das können viele andere Parteien auch, ohne dass sie dafür argumentativ rumeiern müssen wie aktuell FDP-Chef Christian Lindner.


«Público»: Protektionismus bei Lebensmitteln bedroht Millionen

LISSABON: Die portugiesische Zeitung «Público» kommentiert am Sonntag Indiens Ausfuhrstopp für Weizen:

«Genau an dem Tag, an dem der Generaldirektor der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) die Staaten aufrief, keine Exportbeschränkungen zu verhängen, tat Indien genau das und verbot die Ausfuhr von Weizen. Die Entscheidung, die von den G7-Agrarministern sofort verurteilt wurde, ist eine schlechte Nachricht für die ärmsten Länder, die auf Getreideimporte angewiesen sind.

Indien, zweitgrößter Weizenproduzent nach Russland, galt als eines der Länder, die helfen könnten, den durch Russlands Krieg gegen die Ukraine ausgelösten Mangel auszugleichen. Indien argumentiert nun, seine eigene Ernährungssicherheit sei gefährdet. Das Land ist kein Einzelfall. Auch andere Staaten haben seit Beginn des Krieges ähnliche Maßnahmen ergriffen.

Ägypten, Eritrea, Äthiopien, Somalia, Madagaskar, Tansania, Kongo sind laut FAO nur einige der Länder, die stark von importiertem Getreide abhängig sind. In diesen ärmeren Ländern steht das Überleben von Millionen Menschen auf dem Spiel. Deshalb ist Indiens Ankündigung so besorgniserregend.»


«La Stampa»: ESC-Sieg der Ukraine Hommage an den Frieden

TURIN: Zum Sieg der Ukraine beim Eurovision Song Contest (ESC) in Italien schreibt die Turiner Zeitung «La Stampa» am Sonntag:

«Wenn nur ein einziges Lied reichen würde, um einen Krieg zu beenden, würden wir heute hier über Frieden sprechen. Aber wenn wir heute immer noch gezwungen sind, die Bahnen der Raketen und die Zahl der Todesopfer zu verfolgen, dann war es nur eine Fernsehabstimmung. Der Sieg des ukrainischen Liedes beim Eurovision Song Contest 2022 ist weniger eine Hommage an die Musik als an den Frieden. (...) Die Frage ist nun, ob die Geste, für einen Song zu stimmen, heutzutage eine so revolutionäre Kraft hat wie in den 1960er Jahren, als junge Amerikaner gegen den Krieg in Vietnam demonstrierten: Sie mobilisierten die Massen (...) und veränderten den Lauf der Geschichte.»


«The Observer»: Johnson nutzt die Ukraine-Krise für seine Ziele

LONDON: Zur Außen- und Verteidigungspolitik des britischen Premierministers heißt es in der Londoner Sonntagszeitung «The Observer»:

«Welch eine Ironie! Boris Johnson, der Brexit-Anführer, der der EU den Rücken gekehrt hat, führt nun mutig die Verteidigung Europas angesichts der russischen Aggression an. Eine Übertreibung? Ja, aber hinter dem Hype verbirgt sich eine faszinierende Geschichte. Während er in der Nordirland-Frage einen weiteren schweren Bruch mit Brüssel riskiert, nutzt Johnson die Ukraine-Krise, um die Beziehungen zu einigen alten europäischen Verbündeten wieder in Ordnung zu bringen. Sein Ziel: Großbritannien erneut als eine kontinentale Macht zu etablieren.

Die Unterzeichnung bilateraler Verteidigungspakte mit den Nato-Aspiranten Schweden und Finnland - «unseren Freunden im Norden» - in der vergangenen Woche war der jüngste Ausdruck eines offenbar konzertierten britischen Bestrebens, die politischen Beziehungen zu ost- und mitteleuropäischen sowie nordischen Ländern wiederzubeleben, die vor dem Brexit natürliche Verbündete Großbritanniens waren.»


«NZZ am Sonntag»: Die Einheit des Westens wackelt

ZÜRICH: Die Türkei und Ungarn erschweren ein einheitliches Vorgehen des Westens gegen Russland. Dazu meint die «Neue Zürcher Zeitung am Sonntag»:

«Nach knapp drei Monaten Krieg in der Ukraine wackelt die Einheit im Westen. Das muss Putin amüsieren: Die Türkei meldet Bedenken gegen die geplante, bereits als historisch gefeierte Erweiterung der Nato um Schweden und Finnland an. Ungarn schiebt ein Sanktionspaket der EU auf die lange Bank, das russische Ölimporte beenden sollte.

Einmal angenommen, Tayyip Erdogan und Viktor Orban würden tatsächlich damit durchkommen - was für eine Blamage, welch ein politischer Schaden wäre dies für den Westen! Was tun also? Man muss Orban nicht mit dem Argument der europäischen Solidarität kommen oder Erdogan auf die Dreistigkeit hinweisen, dass sein autoritär geführtes Land die Aufnahme zweier Musterdemokratien in die Nato zu blockieren versucht.

Orban wie Erdogan sind nur auf ihren innenpolitischen Vorteil bedacht. Das lässt sich mit Geld und Bonbons regeln. Etwas anderes bleibt dem Westen kaum übrig. Ungarn wird sich den Verzicht auf russisches Öl extra zahlen lassen, die Türkei die Lieferung der neuesten amerikanischen Kampfjets herauszuschinden versuchen. Die Einheit des Westens hat eben ihren Preis. Ihr Scheitern wäre noch teurer.»


«Sonntagszeitung»: In der Ukraine wird die freie Welt verteidigt

ZÜRICH: Die Zürcher «Sonntagszeitung» kommentiert Debatten in der Schweiz über die Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ukraine:

«Haben also jene recht, die sagen, man müsse darüber nachdenken, die Aufnahme der Flüchtlinge zu beschränken? Nein, auf keinen Fall. Bei diesem Krieg geht es um viel mehr als nur um das Budget der Schweiz. Es geht um die Verteidigung der freien Welt gegen den russischen Aggressor. (...)

Wenn wir jetzt klein beigeben und sagen «das Boot ist voll», dann spielen wir direkt in die Hände von Putin und seinen Generälen. Er legte es seit Kriegsbeginn darauf an, den Westen zu spalten. Teilweise ist es ihm auch gelungen. (...)

Die Flüchtlinge dieses brutalen, sinnlosen Krieges mitten in Europa bei uns aufzunehmen und anständig unterzubringen, ist das Mindeste, was wir tun können. Denn vergessen wir nicht: Es sind die Frauen und Kinder jener Männer, die für uns im Osten der Ukraine an der Front stehen und auch für uns ihr Leben aufs Spiel setzen. Sie sollen wenigstens die Gewissheit haben, dass ihre Familien bei uns in Sicherheit leben können.»

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