Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Samstag

Foto: Adobe Stock/©elis Lasop
Foto: Adobe Stock/©elis Lasop

«La Vanguardia»: Sieht aus wie Netflix, ist es aber nicht

MADRID: Die spanische Zeitung «La Vanguardia» kommentiert am Samstag den eskalierenden Konflikt zwischen der Nato und Russland:

«Das Treffen des Nato-Militärausschusses war von der Spannung eines drohenden Konflikts mit Russland geprägt. Es geht nicht um irgendeinen Netflix-Film noch um eine Zeitreise in das vergangene Jahrhundert. Es besteht die reale Gefahr einer militärischen Konfrontation, falls Russland militärisch gegen die Ukraine vorgeht. Tatsächlich sind die Meinungsverschiedenheiten nach einer Woche intensiver diplomatischer Bemühungen total. Wladimir Putin fordert weiter, die NATO solle ihre Truppen aus Mitgliedsländern abziehen, die an Russland grenzen, und sich verpflichten, jede weitere Expansion zu unterlassen. Die Staaten des Atlantischen Bündnisses weigern sich, darauf einzugehen, weil dies bedeuten würde, Russland freie Hand zu geben, die Gebiete der Ex-Sowjetunion zu annektieren.

Der NATO-Militärausschuss ließ keinen Zweifel daran, dass es sich etwa nur um eine Prahlerei Putins handelt, um seinem Volk zu gefallen, sondern um eine durchdachte Strategie, um verlorene Macht zurückzugewinnen. «Bereiten Sie sich auf das Schlimmste vor», stand in Botschaften, die auf angeblich von russischen Hackern gehackten Websites der ukrainischen Regierung erschienen.»


«La Repubblica»: Westen kann Putin nicht gewähren lassen

ROM: Zu den Gesprächen des politischen Westens mit Russland schreibt die italienische Zeitung «La Repubblica» aus Rom am Samstag:

«Welche Bilanz können wir aus der Gipfelwoche mit Russland ziehen? Sie hat die Erwartungen erfüllt: starke Töne und Drohungen, keine unheilbaren Brüche, ein fragiler Prozess, der noch anlaufen könnte, eine Balance aus Kräften, die sich abmühen, sich neu zu definieren. Es konnte nicht anders sein. Wladimir Putin tut so, als hätte es die Niederlage der UdSSR nicht gegeben: Er will Räume für Einfluss wiederherstellen und die Souveränität auf seinen Grenzen beschränken und ohne allzu große Rücksicht auf Europa direkt mit den USA darüber sprechen.

Der Westen kann ihm das nicht erlauben, weil kollektive Sicherheit nicht in geografische Gebiete aufgeteilt werden kann und die Selbstbestimmung der Staaten über ihre Schicksale und Ausrichtungen nicht verhandelbar ist. Unvereinbare Positionen: Die Konfrontation wird am Rande der Spannungen weitergehen, mit der Gefahr, dass sie einem entgleitet.»


«The Guardian»: Putins Absichten sind immer noch ungewiss

LONDON: Der Londoner «Guardian» kommentiert am Samstag die Gespräche zwischen dem Westen und Russland zur Ukraine-Krise:

«Niemand glaubte, dass drei Gesprächsrunden zwischen den USA, Russland und anderen Teilnehmern die Ukraine-Krise auf magische Weise lösen würden. Doch angesichts der 100.000 russischen Soldaten, die an den Grenzen des Landes stationiert sind, der Aufrüstung und des zunehmenden Säbelrasselns aus Moskau bestand die Hoffnung, dass die Verhandlungen dazu beitragen könnten, die Absichten Wladimir Putins zu ergründen und ihm vielleicht Wege zu einer möglichen Deeskalation aufzuzeigen. (...)

Der Westen verweist zur Abschreckung auf Sanktionspakete und das Schicksal der Nord Stream 2-Gaspipeline. Militärische Unterstützung für die Ukraine - unter anderem durch die Verstärkung der Bemühungen zur Abwehr von Cyberangriffen - ist notwendig, dürfte aber nicht ausreichen, um eine Wende herbeizuführen. Putins Absichten sind nach wie vor ungewiss, wobei seine Diplomaten sich darüber vielleicht auch nicht viel klarer sind als ihre westlichen Amtskollegen. Der Kreml hat erklärt, er werde nächste Woche auf schriftliche Antworten auf seine Forderungen aus Washington und von der Nato warten. So entmutigend die Signale in dieser Woche auch waren, das Wartespiel geht weiter.»


«NZZ»: Westen muss seine Position in der Ukraine stärken

ZÜRICH: Zur Ukraine-Krise schreibt die «Neue Zürcher Zeitung» am Samstag:

«Das Mantra lautet, man dürfe Russland keine Interessensphäre in den ehemaligen Sowjetrepubliken zugestehen. In Weißrussland, im Kaukasus und in Kasachstan geschieht aber genau das. Da die Ukraine offenbar anders ist, fragt man sich, warum die Nato sie nicht wie die Balten aufnimmt. Die Angst, Russland zu provozieren, bedeutet die implizite Anerkennung einer Einflusszone.

In diesem Schwebezustand muss der Westen alles unternehmen, um seine Position in Kiew zu stärken. Deutschland dürfte nicht überstürzt aus Atomkraft und Kohle aussteigen, womit es seine Abhängigkeit von sibirischem Gas und russischem Wohlwollen erhöht. Frankreich dürfte nicht immer wieder mit Angeboten an Moskau eigenmächtig vorpreschen. Wenn Europa nicht einmal nationale Egoismen, Energiepolitik und Sicherheitsfragen abstimmen kann, sollte es das russische Mitspracherecht und eine Neutralität der Ukraine zwischen den Machtblöcken akzeptieren. Das wäre eine realpolitische Frontbegradigung, allerdings auch ein zweites Jalta, ähnlich der Aufteilung Europas durch die Sieger des Zweiten Weltkriegs.»


«Der Standard»: Koblenzer Urteil ist starkes Zeichen

WIEN: Über die Verurteilung eines syrischen Geheimdienstfunktionärs in Koblenz wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit schreibt die österreichische Zeitung «Der Standard»:

«Vor dem deutschen Gericht stand der Angeklagte als Individuum, das für seine Taten zur Verantwortung gezogen wurde, obwohl sie nicht in Deutschland und nicht von und an Deutschen verübt wurden. Das ist ein starkes Zeichen. (...)

Aber gleichzeitig ist es für viele wohl auch ein bitterer Tag: Die Gefängnisse in Syrien sind nach wie vor voll, und dass sich jene, die in der Hierarchie wirklich ganz oben stehen, allen voran Bashar al-Assad, jemals verantworten werden, ist aus jetziger Sicht unwahrscheinlich. Das Assad-Regime hat mit russischer und iranischer Hilfe Aufstand und Krieg überlebt. Elf Jahre nach dessen Beginn gibt es zumindest bei den arabischen Nachbarn Syriens die Tendenz, die Beziehungen zu Damaskus wieder zu normalisieren. Und der Westen verlangt weiter eine Perspektive für Assads Abgang und kommt damit politisch seit Jahren nicht weiter.»

Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als vollfarbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.
Pflichtfelder

Es sind keine Kommentare zum Artikel vorhanden, bitte schreiben Sie doch den ersten Kommentar.