Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Samstag

Foto: Adobe Stock/©elis Lasop
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«El País»: Rückkehr in die bipolare Welt

MADRID: Die spanische Zeitung «El País» kommentiert am Samstag das U-Boot-Geschäft der USA und Großbritanniens mit Australien:

«Die bittere Niederlage der USA in Afghanistan reicht nicht aus, um zu behaupten, dass die erste Supermacht unaufhaltsam im Niedergang begriffen sei, so wie das Pekings Propaganda behauptet. Dies zeigt die Dreier-Allianz mit Australien und Großbritannien, die von der Bereitstellung atomgetriebener U-Boote für Canberra begleitet wird, die in der konfliktreichsten Meeresregion der Welt, dem Südchinesische Meer, zum Einsatz kommen sollen.

China wirft den USA einen Rüstungswettlauf vor, während es sich bewusst ist, dass die Beendigung der Kriege im Nahen Osten zu einer Konzentration der USA auf dieses hochexplosive Gebiet führt. Dorthin, wo Peking Riffs und Klippen sogar in den Hoheitsgewässern seiner Nachbarn besetzt. Für die USA ist es deshalb sinnvoll, eine Allianz in Asien zu schmieden. Diese Bemühungen gehen allerdings auf Kosten Frankreichs und der Europäer. Wenn sich daraus eine Gewissheit ableiten lässt, dann die, dass wir wieder in eine bipolare Welt eintreten, deren Schwerpunkt nicht mehr in Europa, sondern in Asien liegt. Die EU sollte deshalb eine strategische Autonomie anstreben, die ihre Verteidigung unabhängiger von US-Interessen macht.»


«De Telegraaf»: Merkels Flüchtlingspolitik half der AfD

AMSTERDAM: Zum Ende der Ära Merkel in der deutschen Politik schreibt die niederländische Zeitung «De Telegraaf» am Samstag:

«Merkel ist nur zweimal von ihrer Methode abgewichen, lange und gründlich nachzudenken, bevor sie an die Lösung eines Problems geht. 2011, als sie nach dem Reaktorunfall in Fukushima plötzlich den deutschen Atomkraftwerken den Stecker zog, womit sie zugleich die Einhaltung der Klimaziele erschwerte und ihr Land von russischem Gas abhängig machte.

Das zweite Mal geschah das während der Flüchtlingskrise, als sie - ohne die europäischen Partner einzubeziehen - die Grenzen für Migranten und Flüchtlinge mit einem einfachen «Wir schaffen das» öffnete. Aus humanitärer Sicht war das eine gute Sache, aber es bleibt abzuwarten, ob es politisch nützlich war.

Auf jeden Fall spielte es rechtsextremen Parteien wie der AfD in die Hände. Das galt auch für die Führungen in Ungarn und Polen, die die Tore nicht öffnen wollten. Trotz all ihrer wirtschaftlichen Macht ist es Merkel nicht gelungen, die europäischen Nachbarländer zur Räson zu bringen. In 50 Jahren wird Merkel wohl kaum auf der Liste großer deutscher Führungspersönlichkeiten stehen.»


«The Times»: Großbritannien braucht Kernenergie

LONDON: Die Londoner «Times» kommentiert am Samstag den Anstieg der Energiepreise in Großbritannien:

«Großbritannien ist mit einer sich verschärfenden Energiekrise konfrontiert. Die Erdgaspreise sind seit August um 70 Prozent gestiegen, was auch die Strompreise in die Höhe treibt. Der Preisanstieg hat bereits dazu geführt, dass zwei Düngemittelfabriken in Nordengland geschlossen werden mussten und dass Stahlunternehmen die Arbeit ruhen ließen. (...)

Eine unmittelbare Priorität sollte darin bestehen, die Pläne für neue Kernkraftwerke zu beschleunigen, die Teil des künftigen Energiemixes sein müssen und deren Wirtschaftlichkeit plötzlich weniger entmutigend erscheint. Das Gleiche gilt für Investitionen in neue Technologien, um das Stromnetz und andere Energieinfrastrukturen intelligenter zu nutzen. In der Zwischenzeit müssen die Regierung und die Verbraucher die Nerven behalten.»


«Tages-Anzeiger»: Union und Grüne wählten die falschen Kandidaten

ZÜRICH: Zum Wahlkampf in Deutschland meint der Zürcher «Tages-Anzeiger» am Samstag:

«Bei der 40-jährigen Baerbock bestätigten ein aufgehübschter Lebenslauf und ein paar Plagiate den Verdacht, ihr fehle das Format fürs Kanzleramt. Bei Laschet, der in Nordrhein-Westfalen immerhin 18 Millionen Menschen regiert, genügte ein peinlicher Lacher im Flutgebiet, um das Vorurteil zu erhärten, er bringe nicht die nötige Charakterstärke auf, um Deutschland zu führen. (...)

Die beiden stärksten Parteien hatten offenkundig die falschen Kandidaten vorgeschickt: Laschet statt Markus Söder, Baerbock statt Robert Habeck. Union und Grüne orientierten sich nur an der Binnenlogik ihrer Führung und vergassen darüber, dass der Wurm dem Fisch schmecken muss, nicht dem Fischer.

CDU und CSU zogen nach hartem Machtkampf den unbeliebten Chef der grossen Partei dem beliebten der kleinen vor, die Grünen die unerfahrene Frau dem erfahreneren Mann. Die Zeiten, in denen das vielleicht funktioniert hätte, liegen weit zurück. In Stimmungsdemokratien entscheiden Persönlichkeiten Wahlen, nicht Parteien - sogar in Deutschland.»


«NZZ»: Weltbank wollte China nicht verärgern

ZÜRICH: Die Weltbank soll einen wichtigen Länderbericht zugunsten Chinas geschönt haben. Dazu meint die «Neue Zürcher Zeitung» am Samstag:

«Der Skandal besteht nicht darin, dass China grossen Druck auf die Weltbank ausgeübt hat. Das ist hinlänglich bekannt. Seit Jahren bewegt sich das autoritäre Regime zusehends aggressiver auf dem internationalen Parkett und schreckt auch vor Drohgebärden nicht zurück; die Weltbank ist diesbezüglich kein Einzelfall, ähnliches geschieht bei der Weltgesundheitsorganisation. Nein, bestürzend ist, wie die Führung der Weltbank gegenüber den Pressionen ohne erkennbare Gegenwehr eingeknickt ist. Wo Prinzipientreue und Standfestigkeit nötig gewesen wären, dominierte Duckmäusertum. Weil die Weltbank in jener Zeit eine Kapitalerhöhung anstrebte, wollte sie eine Verärgerung Pekings unter allen Umständen verhindern. Also tat man, wie von Peking geheißen.»


«Der Standard»: Langweilig ist anders

WIEN: Die Wiener Tageszeitung «Der Standard» kommentiert den deutschen Bundestagswahlkampf:

«Es mag stimmen, dass die Protagonisten den einen oder anderen Wunsch über lassen, was Charisma betrifft. Olaf Scholz ist eben kein Gerhard Schröder, Annalena Baerbock nicht Joschka Fischer, und Armin Laschet wird in diesem Leben kein Markus Söder mehr, der mit markigen Sprüchen das Bierzelt bei Laune hält.

Und doch war noch selten zuvor vor einer Wahl so vieles möglich wie jetzt. Nicht nur werden viele junge Deutsche erfahren, dass Angela Merkel im Kanzleramt kein Naturgesetz ist. Die Fragen, wie das größte EU-Land mit dem Klima umgeht und was mit der Wirtschaft passiert, wenn Corona noch länger bleibt, werden auch unser Leben prägen. Die Antworten geben die Deutschen. Wenn das nicht spannend ist, was sonst?»

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