Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Samstag

Foto: Adobe Stock/©elis Lasop
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«Sme»: Afghanistan-Ziele waren naiv

BRATISLAVA: Zur Bilanz des Krieges gegen Terror 20 Jahre nach den Anschlägen des 11. September schreibt am Samstag die slowakische Tageszeitung «Sme»:

«Auch in Konkurrenz zur Finanzkrise 2008 und dem chinesischen Virus 2019 bleibt 9/11 das prägendste Ereignis des neuen Jahrtausends. Die Spuren des posttraumatischen Schocks trägt Amerika bis heute in sich. Die erweiterten Vollmachten der Geheimdienste, verschärften Reisebedingungen und andere Restriktionen beschränken grundlegend die persönlichen Freiheiten, die einem teils illusorischen Sicherheitsinteresse weichen mussten. (...)

Das aktuelle Geschehen in Afghanistan erweckt den Eindruck, 9/11 hätte tatsächlich den Niedergang der USA und des Westens eingeleitet. Dadurch werden auch die unzweifelhaften Erfolge im Kampf gegen den Terror relativiert. (...) Im Nachhinein weiß man gerne alles besser. Mit den heutigen Erfahrungen sehen wir ein, dass es naiv war, in Afghanistan und Nahoste eine neue Gesellschaft aufbauen und eine weit entfernte, fremde Kultur nach unserem Vorbild gestalten zu wollen. (...) Leider war das in den Monaten nach 9/11 nicht so klar.»


«Pravda»: 9/11 war nur der Anfang

BRATISLAVA: Zum 20. Jahrestag der Terroranschläge in den USA vom 11. September 2001 zieht die slowakische Tageszeitung «Pravda» eine Bilanz des Kriegs gegen Terrorismus:

«Das Mitgefühl mit dem amerikanischen Volk (...) darf nicht die Fragen zudecken, wie es überhaupt zum Angriff kommen konnte, ob die Reaktion der USA angemessen war und ob die Welt nach 20 Jahren sicherer ist. Die Invasion in Afghanistan mit dem Ziel, Al-Kaida zu vernichten, und der nachfolgende Irak-Krieg kosteten die USA Billionen Dollar. Es starben dabei mehr Amerikaner als bei den Terroranschlägen, von den unschuldigen zivilen Opfern gar nicht zu reden.

Der Kampf gegen den Terrorismus, in dessen Rahmen die Geheimdienste viel mehr Vollmachten bekamen, schränkt die persönlichen Freiheiten bis heute spürbar ein. Das Ausmaß zeigten die Enthüllungen von Edward Snowden. Vielen Unschuldigen wurden unter Terrorverdacht ihre Grundrechte entzogen, sie wurden gefoltert und grundlos in Guantanamo und einigen europäischen Staaten eingesperrt. (...) Beim 11. September geht es nicht mehr nur um die Anschläge. Er war der Beginn eines Lebens unter Freiheitseinschränkungen und trotzdem steigender Gefahr.»


«De Standaard»: Terrorismus kann nicht ausgemerzt werden

BRÜSSEL: Die belgische Zeitung «De Standaard» geht am Samstag der Frage nach, wie 20 Jahre nach 9/11 der Kampf gegen Terrorismus geführt werde sollte:

«Ein Drehbuch dafür müsste sicherlich die folgenden fünf Ratschläge berücksichtigen. Erstens: Nimm jede Drohung ernst, aber ohne sie gleich als existenzielle Gefahr für die westliche Demokratie zu betrachten. Zweitens: Bekämpfe die Täter und deren ideologische und kriminelle Handlanger anstatt einem ganzen Land oder einer ganzen Gemeinschaft den Krieg zu erklären. Ein dritter Ratschlag: Verzichte auf Zivilisationsrhetorik im Stil von «Star Wars» und lege den Fokus lieber auf den lokalen Kontext, in dem Radikalismus entsteht und aufblüht. Viertens: Arbeite niemals mit korrupten und repressiven Regimen zusammen, die mitverantwortlich sind für das Entstehen von Terrorismus. Und schließlich: Wage die Erkenntnis, dass der Terrorismus, so sehr man es auch versucht, niemals vollständig ausgemerzt werden kann.»


«de Volkskrant»: Krieg gegen Terrorismus war Fehlschlag

AMSTERDAM: Zum 20. Jahrestag von 9/11 meint die niederländische Zeitung «de Volkskrant» am Samstag:

«Anno 2021 muss die traurige Schlussfolgerung gezogen werden, dass der Krieg gegen den Terrorismus, den der damalige US-Präsident George W. Bush nach 9/11 mit den Invasionen in Afghanistan und im Irak begann, ein völliger Fehlschlag war. Der islamische Terrorismus wurde nicht ausgemerzt. Der Krieg hat unschuldige Opfer gefordert und eine nahezu unüberbrückbare Kluft zwischen der konservativ-islamischen und der westlichen Welt geschlagen. Weltweit sind unschuldige Muslime seit 9/11 Opfer von Islamophobie geworden. Dadurch wird die Integration muslimischer Migranten im Westen erschwert und die Kluft immer größer.»


«The Times»: Bedrohung durch Terrorismus wie vor 20 Jahren

LONDON: Zur Bilanz des Krieges gegen den Terrorismus 20 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September meint die Londoner «Times» am Samstag:

«Am deutlichsten zeigt sich die Niederlage Amerikas im Debakel des Rückzugs aus Afghanistan, mit dem das Land - rechtzeitig zum heutigen Jahrestag - den Taliban überlassen wurde und möglicherweise erneut zu einem Rückzugsgebiet für Terroristen wird. Aber das Ausmaß der Niederlage geht viel tiefer. Der Krieg gegen den Terrorismus hat zweifellos die Aufmerksamkeit der Amerikaner von der wachsenden Bedrohung durch ein zunehmend selbstbewusstes China und von Russland abgelenkt, die beide die westlichen Werte gefährden.

Derweil ist die Bedrohung durch den radikalen Islam wieder so stark wie vor 20 Jahren. Um ihr zu begegnen, bedarf es ständiger Wachsamkeit, des umsichtigen Einsatzes sowohl harter als auch weicher Macht und einer Rückkehr zum Realismus in den Beziehungen des Westens mit dem Rest der Welt.»


«Tages-Anzeiger»: Terrorismus emotionslos bekämpfen

ZÜRICH: 20 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September kommentiert der Zürcher «Tages-Anzeiger» am Samstag die Bilanz des Krieges der USA gegen Terror:

«Terrorismus ist eine «Strategie der Provokation» (Bruce Hoffman). Aus der Sicht Bin Ladens ging sie voll auf: Schockiert und wütend ließ sich die Regierung Bush zu einer Überreaktion hinreissen. Während der Feldzug gegen die Taliban in Afghanistan auf Verständnis stieß und Al-Kaida geschwächt wurde, erwies sich der Irakkrieg als strategische Falle. Denn er bot den Terroristen ein neues Schlachtfeld.

Die Nachfolger von George W. Bush wollten die gröbsten Fehler korrigieren. Barack Obama bemühte sich im Irak. Donald Trump machte den Taliban gefährliche Zugeständnisse. Und Joe Biden wollte den «endlosen Krieg» endlich beenden.

Biden will sich auf die aktuellen Herausforderungen konzentrieren, China, das Klima, die Pandemie. Dies dürfte erst gelingen, wenn sich die USA der anhaltenden Herausforderung Terrorismus möglichst emotionslos stellen. Das ist allerdings nicht einfach, insbesondere nicht zwanzig Jahre nach dem Horror von 9/11.»


«La Vanguardia»: Doppelte Niederlage der USA

MADRID: Die spanische Zeitung «La Vanguardia» schreibt am Samstag zum 20. Jahrestag der Terroranschläge in den USA:

«Der 20. Jahrestag der Anschläge vom 11. September kommt für den Durchschnittsamerikaner im schlimmsten Moment. Der chaotische und überstürzte Rückzug aus Afghanistan, mit dem die gesamte Macht des Landes den Taliban überlassen wurde, hinterlässt den Eindruck, dass die Vereinigten Staaten 20 Jahre später den Krieg verloren haben.

Die Zeit wird zeigen, was die Taliban in Afghanistan vorhaben und ob ihr Regime den internationalen Terrorismus unterstützen wird. Bis heute gibt es international diesbezüglich Zweifel aber auch Hoffnung, dass die künftige Regierung dem Westen nicht feindlich gesinnt sein wird. Erst in den kommenden Monaten wird sich zeigen, was der wahre Geist der Taliban ist, die theoretisch mit der Trump-Regierung vereinbart hatten, dass sie niemals auf US-Territorium angreifen werden.

Aber im Moment ist der allgemeine Eindruck, dass die USA das von ihnen besetzte Land denselben Schuldigen gratis überlassen haben, die die brutalen Anschläge vom 11. September verursacht haben. Als Fazit bleibt, dass die USA heute eine doppelte Niederlage erleiden: die der Anschläge von 2001 und die des Krieges in Afghanistan.»


«NZZ»: Terrorabwehr kennt kein Ende

ZÜRICH: Zur Bilanz des Krieges gegen Terror 20 Jahre nach den Anschlägen des 11. September schreibt die «Neue Zürcher Zeitung» am Samstag:

«Erfolg oder Misserfolg? Das hängt von den Erwartungen ab. Befürworter wie Kritiker der Terrorabwehr erwarten meist eine klare Niederlage des Feindes. Doch dieses Denken speist sich aus der Erinnerung an den Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation der Achsenmächte. Die Bekämpfung des Islamismus hingegen ist ein Kontinuum, vergleichbar mit der Abwehr der Barbaren am römischen Limes. In solchen Kämpfen gibt es keine Sieger und keine Besiegten, keinen Anfang und keinen Schluss.

Der rasche Fall von Kabul erweckt zwar den gegenteiligen Eindruck, aber die USA und ihre Verbündeten haben sich auf den Schattenkrieg gut eingestellt. Das gilt für die innere Sicherheit, für Polizei und Nachrichtendienste, aber auch für den militärischen Einsatz. (...) Inzwischen verfolgen die USA und die Nato erfolgreich einen Mittelweg (wenigstens galt das bis zu Joe Bidens Flucht vom Hindukusch). Wenige eigene Bodentruppen, lokale Verbündete und totale Luftüberlegenheit lautet das Rezept, mit dem Verluste und Kosten gesenkt wurden - in Afghanistan laut Schätzungen zu mehr als 90 Prozent.»


«Corriere della Sera»: Wunden von 11. September nie verheilt

ROM: Zum Jahrestag des 11. September 2001 schreibt die italienische Zeitung «Corriere della Sera» am Samstag:

«Die Wunde jenes furchtbaren Tages ist nie verheilt und hat ein Volk, das seit jeher von Einwanderung und intensiven Beziehungen mit anderen Ländern geprägt war, dazu getrieben, sich immer mehr hinter dem Motto einer «amerikanischen Festung» zu verkriechen. Das noble Amerika, das zweimal Europa in den Weltkriegen gerettet hat, jenes des Marshall-Plans, ist zwar nicht ganz verschwunden. Aber damals hatten die Leute das Gefühl, etwas für jene Länder zu tun, in denen sie selbst ihre Ursprünge hatten: Sie wurden von ihren Wurzeln gerufen, und es gab Bewusstsein, Werte und eine gemeinsame Kultur.

Nichts von dem wiederholte sich in den Kriegen am Golf und in Asien. Ferne Länder, mit einer Stammeskultur, unverständlich. So unverständlich wie für viele der Angriff auf die Zwillingstürme und das Pentagon war, verübt von Leuten aus einem verbündeten Land, Saudi-Arabien.»

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