Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Samstag

Foto: Adobe Stock/©elis Lasop
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«De Telegraaf»: Hütchenspiel mit Atomraketen

AMSTERDAM: China baut viele neue Silos für Atomraketen. Dazu schreibt die niederländische Zeitung «De Telegraaf» am Samstag:

«Es soll sich um 330 Silos in der Region Xinjiang und in der Wüste von Gansu handeln. Solche Silos, riesige vertikale zylindrische Container, die mit einer Art Panzertür verschlossen sind, könnten zum Abschuss von (nuklearen) Interkontinentalraketen verwendet werden. Nach Meinung aller Experten ist China jedoch weit davon entfernt, über so viele Atomsprengköpfe zu verfügen. (...)

Und so kommen wir zu dem Spiel, bei dem man erraten muss, unter welchem der Hüte der Ball liegt. Peking scheint sich diese Kunst von Washington abgeschaut zu haben. In den 1970er Jahren bauten auch die USA querbeet zahlreiche solcher Silos. Davon waren viele leer, aber der Feind im Kalten Krieg, die Sowjetunion, wusste nicht, welche das waren. Je mehr man im Auge behalten muss, umso besser. China scheint dieses Spiel jetzt auch zu spielen. Und sei es nur, um das Pentagon finanziell unter Druck zu setzen.»


«The Guardian»: Angriff auf das US-Kapitol aufklären

LONDON: Zur Anhörung des Untersuchungsausschusses zum Angriff auf das US-Kapitol vom 6. Januar meint der Londoner «Guardian» am Samstag:

«Bei der Untersuchung des fatalen Aufstands vom 6. Januar handelt es sich nicht um einen, sondern um zwei Prozesse. Der erste ist der Versuch, die Wahrheit über diese Ereignisse herauszufinden: nicht nur, was passiert ist, sondern auch, wer - abgesehen von den Akteuren des Mobs - verantwortlich war und auf welche Weise. Der zweite besteht in der Aufgabe, die Menschen dazu zu bringen, diese Wahrheit zu akzeptieren - wohl wissend, dass viele dies nicht tun werden. (...) Diejenigen, die den Angriff auf die Demokratie geduldet haben, müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Wie auch immer das Urteil der Wähler der Republikaner ausfällt, die Wahrheit muss in die Geschichtsbücher aufgenommen werden.»


«El País»: Hongkong wird mundtot gemacht

MADRID: Die spanische Zeitung «El País» kommentiert am Samstag die Verurteilung eines Aktivisten in Hongkong zu neun Jahren Haft:

«Das nationale Sicherheitsgesetz ist die gefürchtetste Waffe des Regimes in Peking, um die politischen Freiheiten in Hongkong zu beenden. Wie gefährlich dieses Gesetz ist, zeigt die Verurteilung eines Demonstranten zu neun Jahren Haft, der gegen die Veränderungen protestierte, die die chinesische Regierung in der ehemaligen britischen Kolonie durchsetzt.

Das Gericht sprach ihn der Anstachelung zum Separatismus und des Terrorismus schuldig. Der Mann hatte ein Transparent mit der Aufschrift «Befreit Hongkong - Revolution unserer Zeit» gehalten und war mit seinem Motorrad in eine Polizeikette gefahren. Menschenrechtler kritisieren zu Recht, das Urteil stehe in keinem Verhältnis zur Tat. Aber dem Gericht ging es um «eine abschreckende Wirkung». Damit ist klar, dass Peking alle, die die Einhaltung des zwischen Peking und Großbritannien erzielten Kompromisses von 1997 einfordern, so behandeln wird. Das Sicherheitsgesetz ermöglicht es Peking, jeden wegen seiner Meinung zu verfolgen, willkürlich festzunehmen und zu langen Gefängnisstrafen zu verurteilen. Es gibt ein erstes Opfer, aber es wird sicher nicht das letzte sein.»


«Corriere della Sera»: Biden will Impfkampagne wieder in Gang bringen

ROM: Zur Forderung von US-Präsident Joe Biden an Bundesstaaten und Kommunen, 100 US-Dollar Belohnung für eine Impfung gegen Covid-19 zu zahlen, schreibt die italienische Zeitung «Corriere della Sera» aus Mailand am Samstag:

«Joe Biden versucht mit allen Mitteln, die Impfkampagne wieder in Gang zu bekommen und landet dabei, 100 Dollar jenen zu bieten, die zustimmen, sich zu impfen. Wie der Präsident im Fernsehen gestand, ist er gezwungen, die unberechenbaren Infektionsentwicklungen zu verfolgen. (...) Die Verwaltung ist von außen betrachtet in Schwierigkeiten. Der Präsident wankt auffällig. Zum einen scheint es, als wolle er das Land auf neue und harte Beschränkungen vorbereiten. Die Juristen des Justizministeriums sind dabei, zu prüfen, ob eine Impfpflicht für alle rechtens sei. (...)

Jetzt lautet die Nachricht von Biden, dass man auch die öffentliche Gesundheit zu Geld machen kann und muss. Wenn es das Weiße Haus nicht schafft, die Amerikaner «im Namen der Wissenschaft und des höheren kollektiven Interesses» (wiederkehrende Worte des Präsidenten) zu überzeugen, dann versucht es, sie mit einer Hand voll Dollar zu kaufen.»


«NZZ»: War US-Engagement in Afghanistan umsonst?

ZÜRICH: Zum Abzug der US-Truppen aus Afghanistan schreibt die «Neue Zürcher Zeitung» am Samstag:

«Zwar dürfte der Abzug aus Afghanistan momentan die Zustimmung der meisten Amerikaner geniessen, weil sich viele fragen, ob sich der langjährige Einsatz dort - wie auch jener im Irak - angesichts der hohen Kosten an Menschenleben und Geld wirklich gelohnt hat. 2300 amerikanische Militärangehörige wurden im Laufe der Jahre dort getötet. (...)

Falls die Taliban tatsächlich die Hauptstadt Kabul einnehmen und über die Macht verfügen, ihre archaischen Strafen wie Steinigungen und Handabhacken wieder durchzusetzen, wird der Vorwurf der Gleichgültigkeit wohl auf Biden und nicht auf Trump zurückfallen, der den Rückzug initiierte. Dann wird man definitiv sagen, dass das zwanzigjährige Engagement umsonst gewesen sei und man ein Land schutzlos in die Barbarei habe zurückfallen lassen.»

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Rolf W. Schwake 01.08.21 20:45
War US-Engagement in Afghanistan umsonst?
Diese Frage ist nicht ganz korrekt, eigentlich müßte sie lauten "War NATO-Engagement in Afghanistan umsonst", denn es haben dort viele Länder der NATO Blutzoll entrichten müssen, nicht nur die USA - vor allem aber Afghanen selbst. Zur Erinnerung: 2001 begann der Einsatz, weil wir Afghanistan von der Terrorherrschaft der Taliban befreien wollten. 20 Jahre, Tausende von Toten, unzählige Milliarden Dollar und ein Meer an Tränen später müssen wir eingestehen, daß sich angesichts des derzeitigen Vormasches der Taliban so gut wie nichts geändert hat, egal was die Taliban versprechen, sie brechen es ganz einfach, wie alles gebrochen werden darf, was mit "Ungläubigen" ausgehandelt wird, um einen Vorteil zu erlangen. Wir haben uns dort nur eine blutige Nase geholt, deren Schmerzen lange anhalten werden - ebenso wie vor uns die Sowjets und mehrfach die Briten. Am Ende wird es wieder so sein wie 2001, verbunden mit einer antiquierten Gesellschaftsstruktur, deren Greuelherrschaft sogar vom Islam gut geheißen und gefördert wird. Und niemand weist darauf hin, dass das eigentliche Probleme Afghanistans eine aus der arabischen Wüste stammende Religion ist, die 1400 Jahre in den Kinderschuhen stecken blieb. Leid tun mir nur die dortige Bevölkerung, die das ausbaden muss - und die vielen Toten der letzten 20 Jahre!