Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Donnerstag

Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Donnerstag

«Berliner Morgenpost» zu Sonntagsöffnungszeiten

Heute kann jedermann zu jedem Zeitpunkt jegliches Produkt im Internet bestellen.

Und der Händler vor Ort geht mit jedem Klick leer aus. Es braucht neue Angebote, die Verbindung von unterschiedlichen Erlebnissen und ganz sicher auch die Möglichkeit, an mehr Sonn- und Feiertagen einzukaufen. Teile der Berliner Politik scheinen das erkannt zu haben. Nun liegt es an den Gewerkschaften, endlich die Blockadehaltung in dieser Sache aufzugeben. Auch in anderen Berufen ist Sonntagsarbeit längst üblich, insofern hat auch in vielen Familien der Sonntag als Ruhetag ausgedient. Darüber hinaus müssen sich Verdi & Co. die Frage stellen, ob sie am Status quo festhalten oder die Zukunft des Einzelhandels gestalten wollen. Die Zustimmung zu liberaleren Öffnungszeiten würde dafür einen ersten Impuls liefern.


«El Mundo»: Explosion könnte Libanon den Todesstoß versetzen

MADRID: Zu den Folgen der verheerenden Explosion in Beirut schreibt die spanische Zeitung «El Mundo» am Donnerstag:

«Die Explosionen im Hafengebiet von Beirut haben nicht nur viele Menschenleben gefordert und großen Sachschaden angerichtet. Sie könnten auch den Prozess des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zerfalls in einem Land beschleunigen, das eine Schlüsselrolle in der Geopolitik des Nahen Ostens spielt. Die Explosionen, die sogar im mehr als 200 Kilometer entfernten Zypern zu hören waren, zerstörten zahlreiche Viertel der libanesischen Hauptstadt. Zusammen mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie könnten diese Verwüstungen einem Land, das auf bestem Wege ist, ein bankrotter Staat zu werden, den Todesstoß versetzen, falls es nicht gelingt, den Prozess der Verarmung und des Verfalls der Institutionen zu stoppen (...) Die internationale Gemeinschaft muss sich proaktiv für die Stabilität des Libanons einsetzen.»


«Süddeutsche Zeitung» zu Regelbetrieb/Schulen

Ein Regelbetrieb an den Schulen ist keine Illusion, wie manche Politiker und vor allem die teilweise übervorsichtigen Lehrergewerkschaften beschwören.

Wie so viele Dinge - vom Essengehen bis zum Verreisen - ist er das Ergebnis einer Abwägung zwischen dem gesundheitlichen Risiko und dem gesellschaftlichen Nutzen. Und für die Schulen gilt: Der Nutzen ist größer als das Risiko. Ja, Kinder können sich mit Corona infizieren und das Virus weitergeben. Aber Treiber sind sie nach bisherigem Erkenntnisstand nicht, insbesondere die jüngeren Kinder nicht. Solange das Gegenteil nicht bewiesen ist, sollten sie auch nicht so behandelt werden. "Sofern es das Infektionsgeschehen zulässt": Die Formulierung unterschlägt den Spielraum, den auch die Pandemiebekämpfung lässt. Zu diesem Spielraum gehört die Möglichkeit, manchen Dingen Vorrang vor anderen einzuräumen - zum Beispiel den Schulen. Politik und Gesellschaft sollten diesen Spielraum nutzen.


«Frankfurter Rundschau» zu geplanter Stellenabbau/Lufthansa

Entscheidend für den Neustart von Lufthansa wird sein, was mit den derzeit noch knapp 130.000 Beschäftigten weltweit geschieht.

Hier muss es darum gehen, sogenannte sozialverträgliche Lösungen zu finden, die an die Belastungsgrenze des Konzerns gehen. 22.000 Stellen stehen derzeit zur Disposition. Es können sogar noch mehr werden. Mit Kurzarbeit kann nur ein Teil abgefangen werden. Arbeitszeitverkürzung wird ein wichtiges Element werden. Das werden sehr harte Kämpfe. Dazu gehört, dass Konzernchef Carsten Spohr nun mit betriebsbedingten Kündigungen droht. Dass sich die Politik - namentlich die Bundesregierung - da einmischt, ist zwingend notwendig. Nicht nur weil der Bund der größte Aktionär ist. Denn es gilt einerseits, zu erwartende Ausraster des anderen Großaktionärs, Hans Hermann Thiele, abzufangen; der hätte immerhin beinahe die Insolvenz des Konzerns provoziert. Andererseits ist eine Moderatorenfunktion der Politik notwendig, weil Streiks derzeit undenkbar sind.


«Hospodarske noviny»: Staatskrise führte zum Unglück

PRAG: Zur Explosion in Beirut mit mehr als 135 Todesopfern schreibt die liberale Zeitung «Hospodarske noviny» aus Tschechien am Donnerstag:

«Die Explosion im Hafen von Beirut sorgt für Spekulationen über die Ursache. Ungeachtet der Untersuchungsergebnisse lässt sich schon jetzt sagen, dass die Krise des libanesischen Staates eine entscheidende Rolle in der Kette der Ursachen und Folgen gespielt hat. (...) Die Behörden ließen das Ammoniumnitrat, also eine hoch explosive Substanz, jahrelang inmitten der Metropole gelagert, in unmittelbarer Nähe von Wohnhäusern und Einkaufszentren. (...) Die Libanesen geben nichts darauf, was die Regierung zu dem Unglück sagt, denn sie glauben ihr schlichtweg nicht. Sie haben da so ihre Erfahrungen. (...) Die Explosion vom Dienstag könnte sich einreihen in die lange Liste der Leiden der libanesischen Bevölkerung. Rein theoretisch könnte es indes auch das Ereignis sein, das zu einem Erneuerungsprozess führt. Die Libanesen haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es dazu einmal kommen könnte.»


«La Repubblica»: Städtische Mobilität muss neu gedacht werden

ROM: Zur innerstädtischen Mobilität in der Corona-Phase und der starken Nutzung von Elektrorollern in Metropolen schreibt die italienische Zeitung «La Repubblica» am Donnerstag:

«Intelligente Mobilität ist in Ordnung. Nachhaltigkeit ist eine gute Sache. Ein Hoch auf alles, was den Smog in den Städten eines Tages senkt. Aber dieses Elektroroller-Ding gerät außer Kontrolle. Das Problem sind nicht nur Unfälle, die besonders bei den sehr jungen Hauptnutzern rasch zunehmen. Und auch nicht die eklatanten Verkehrsverstöße vieler Nutzer. Es geht nicht nur um eine Frage des innerstädtischen Anstands oder die Tatsache, dass die Roller die Gehwege der historischen Zentren überfüllen, sich manchmal dort stapeln, was das Gehen noch komplizierter macht. Das Problem ist, dass die Chance zum Überdenken des städtischen Mobilitätssystems «in der Welt nach Covid-19» (...) insgesamt so oberflächlich angepackt wird, dass ernste Schäden auftreten können. (...) Der eigentliche Pfusch entsteht durch den Mangel an Radwegen. In den Städten der Welt, in denen es ein echtes Netzwerk gibt, das Fußgänger und Autos trennt, lässt es sich göttlich mit den Rollern fahren, die Regeln werden eingehalten und es gibt keinen Streit. Zwei Beispiele: Paris und Tel Aviv. Das zeigt, dass der Einsatz von Elektrorollern mit einem echten Plan eine hervorragende Chance sein kann, um die Mobilitätssorgen der Städte zu lösen.»


«Lidove noviny»: Spekulationen nicht ganz unberechtigt

PRAG: Die konservative Zeitung «Lidove noviny» aus Tschechien schreibt am Donnerstag zu der verheerenden Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut:

«Der Eintrag zur «Liste von Terroranschlägen im Libanon» bei Wikipedia ist umfangreich. Darf man sich also wundern, wenn die Explosion in einem Lager mit Ammoniumnitrat Verdächtigungen oder gar Verschwörungstheorien hervorruft? Sie wirkt schließlich wie ein Zufall in einem Land, in dem nichts nur ein Zufall ist. (...) Doch einstweilen sieht es danach aus, dass wirklich Fahrlässigkeit zu dem Unglück geführt hat, und dass US-Präsident Donald Trump schneller geredet als gedacht hat, als er von einem Angriff sprach. (...) Die Infrastruktur in dem nach konfessionellen Linien gespaltenen Land ist in einem fürchterlichen Zustand, auch wenn der Libanon noch kein gescheiterter Staat wie Somalia oder der Jemen ist.»


«Evrensel»: Libanesen sind nicht leicht zu schocken

ISTANBUL: Zu der verheerenden Explosion in Beirut schreibt die linke türkische Tageszeitung Evrensel:

«Nach der Hiroshima-ähnlichen Explosion sind natürlich alle schockiert, dabei sind die Libanesen an Bürgerkrieg, Krieg und Explosionen gewöhnt. Fast jede Generation hat Kriegserfahrung. Es ist nicht lange her seit dem Krieg 2006. Sie sind nicht leicht zu schocken. Angesichts der Tatsache, dass die Explosion aber sogar von Zypern aus zu spüren war, ist das Ausmaß vielleicht verständlich. (.) viele Libanesen suchen in den sozialen Medien noch immer nach Verwandten, die sie seit der Explosion nicht mehr erreichen können. (.) Mehrere Länder haben nun begonnen, Hilfe zu schicken, um bei der Gesundheitsversorgung, der Suche, Rettung und Bergung zu unterstützen. So ist die Situation, dabei sind die Aussichten nicht gut.»


«Nepszava»: Merkel regiert die EU

BUDAPEST: Zur Rolle von Bundeskanzlerin Angela Merkel in der EU schreibt die sozialdemokratische ungarische Tageszeitung «Nepszava» am Donnerstag:

«Wenn wir jetzt jene rhetorische Frage beantworten müssten, die der frühere US-Außenminister Henry Kissinger in den 1970er Jahren gestellt hat - nämlich, wen man anrufen solle, um mit Europa zu reden - könnten wir ohne nachzudenken Bescheid sagen: Er soll Angela Merkels Nummer wählen. Obwohl kaum ein Monat seit Beginn der turnusmäßigen deutschen EU-Präsidentschaft vergangen ist, wurde sofort klar, dass die Kommissionschefin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel nur Nebendarsteller sind. Nicht von ihnen, sondern von der deutschen Kanzlerin hängt es ab, mit welchen Summen die Mitgliedsstaaten wirtschaften dürfen (...).

So sehr diese kurze Zeit gereicht hat, um diese alte Wahrheit neu zu entdecken, nämlich dass es ohne Berlin keine EU gibt, umso besorgniserregender ist es auch, dass die EU so sehr von den Deutschen, beziehungsweise von der Kanzlerin abhängt. Was geschieht mit der EU, wenn die Merkel-Ära im nächsten Herbst zu Ende ist? Wer wird fähig sein, ihr Erbe anzutreten? Hat die EU Überlebenschancen, wenn sie wieder zur bloßen Wirtschaftsgemeinschaft degradiert wird?»


«Haaretz»: Unmittelbare finanzielle Hilfe wird nicht ausreichen

Die israelische Tageszeitung «Haaretz» kommentiert die Lage im Libanon nach der Bombenexplosion im Hafen von Beirut am Donnerstag:

«Auch nach dem Unglück kann der Libanon keine finanzielle Unterstützung erwarten, die das Land aus dem Loch befreit, in das es sich jahrzehntelang eingegraben hat. Grund dafür ist seine Art des Regierens, die die Ressourcen des Staates nach ethnischer Zugehörigkeit verteilte (...). Die Nothilfe, die es von arabischen Ländern und aus dem Westen erhalten wird, ist unerlässlich, um die unmittelbare Krise beizulegen. Aber ihr - noch immer unbekannter - Umfang wird nicht genug sein, um die libanesische Wirtschaft von Grund auf wieder aufzubauen. Das Ergebnis wird sein, dass der Libanon von Tag zu Tag geführt wird, unfähig, einen langfristigen wirtschaftlichen Reformplan zu erarbeiten, mit politischen Fußfesseln, die ihn niederziehen.»


«Nesawissimaja Gaseta»: Beileid für den Libanon aus fast aller Welt

MOSKAU: Zu der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut schreibt am Donnerstag die russische Zeitung «Nesawissimaja Gaseta»:

«Viele Länder der Welt sprachen dem Libanon ihr Beileid aus - auch Russland. Ein mobiles Krankenhaus der russischen Behörden ist bereits in dem Land eingetroffen, das bis zu 200 Patienten pro Tag aufnehmen kann. Zu den Ländern, die dem Libanon helfen möchten, gehören auch die USA. US-Präsident Donald Trump ist aber wohl der einzige westliche Staatschef, der an die Version eines Terroranschlags in dem libanesischen Hafen glaubt. Noch am Tag der Tragödie traf er sich mit Generälen. (...) Allerdings haben mehrere amerikanische Medien sogleich Trumps Worte unter Berufung auf anonyme Quellen im Pentagon widerlegt. Diese hatten behauptet, keinerlei Informationen über eine Bombe im Hafen von Beirut zu haben.»


«The Times»: Libanon braucht eine stabile Regierung

LONDON: Zur Katastrophe in Beirut meint die Londoner «Times» am Donnerstag:

«Die Gefahr, dass der Libanon angesichts dieser Tragödie noch tiefer in eine Krise und einen Konflikt herabsinkt, ist groß. Er ist dringend auf wirtschaftliche Unterstützung von außen angewiesen, wofür allerdings eine stabile Regierung benötigt wird. Eine Überwindung der misslichen Lage des Landes wird durch die unheilvollen Aktivitäten der Schiitenmiliz Hisbollah erschwert. (...)

Die westlichen Demokratien haben gute Gründe, den Libanon zu unterstützen, anstatt zuzulassen, dass er weiter in Misswirtschaft und Chaos abgleitet. Sie sollten Nothilfe anbieten. Aber letztlich muss die libanesische Regierung die Verantwortung für die Umstrukturierung einer sklerotischen Wirtschaft und für die Diversifizierung ihrer Einnahmen übernehmen. Und um eine solide Regierungsführung zu etablieren, muss man den inneren Feinden des Staates entgegentreten, insbesondere den Klienten des (syrischen Präsidenten) Baschar al-Assad.»


«De Standaard»: Corona-Demonstranten eint politisches Misstrauen

BRÜSSEL: Die belgische Zeitung «De Standaard» beschäftigt sich am Donnerstag mit den Demonstrationen gegen die Anti-Corona-Maßnahmen in vielen Ländern:

«Wenn man danach schaut, welches einigende Element diese Demonstranten verbindet, dann ist es ein tief sitzendes Gefühl des politischen Misstrauens und Missbehagens. Es wäre falsch, das einfach so abzutun. Denn dieses Gefühl wächst mit jeder Krise; Corona ist nur eine davon. (...)

Sobald eine Krise vorbei ist, verschwinden die Demonstranten aus den Straßen. Aber dieses Gefühl - oder die Erinnerung daran - bleibt bei vielen bestehen. Mehr noch, es ist ein unerschöpflicher Nährboden, auf dem alles mögliche gedeiht. Wenn es einen neuen Anlass gibt, kommen die Rebellen wieder in Bewegung - gestärkt in ihrer Meinung, dass «die da oben» weg müssen - und in Gesellschaft neuer Adepten, mit denen sie wenig gemeinsam haben außer ihren Hass auf alles «da oben». Diese Bewegung kommt in Wellen daher. Ähnlich wie die Pandemie.»


«Dziennik»: Folgt der Explosion in Beirut ein neuer Konflikt?

WARSCHAU: Die Explosion in Beirut kommentiert die polnische Wirtschaftszeitung «Dziennik Gazeta Prawna» am Donnerstag:

«Der Libanon ist ein instabiles Pulverfass, und die Explosion im Hafen könnte der Funken sein, der dieses Fass in die Luft jagt. Schon vor der Corona-Pandemie protestierten Tausende Bewohner der Hauptstadt gegen die korrupten politischen Eliten. Interessanterweise nahmen an diesen Demonstrationen Vertreter aller Seiten des Libanon-Konflikts teil, die sich üblicherweise im Alltag gegenseitig hassen: Christen, Schiiten und Sunniten. In letzter Zeit ist es zudem zu Spannungen an der Grenze zu Israel gekommen. Jerusalem beteuert jedoch, nichts mit der Explosion zu tun zu haben.»


«Tages-Anzeiger»: Europa muss dem Libanon unbürokratisch helfen

ZÜRICH: Zur Explosion in Beirut meint der Zürcher «Tages-Anzeiger» am Donnerstag:

«Der Libanon ist seit Jahren ein scheiternder Staat, der allerdings bewundernswerte Resilienz bewies. Die Menschen haben das Land nach dem verheerenden Krieg der Hisbollah mit Israel aufgerichtet. Sie haben allen Prognosen zum Trotz fast zehn Jahre lang verhindern können, dass der Bürgerkrieg aus dem benachbarten Syrien übergreift und die am stärksten multikonfessionell geprägte Gesellschaft des Nahen Ostens zerreisst. Doch ist der Staat inzwischen so verrottet und sein politisches System eine Geisel der vom Iran kontrollierten Hizbollah, dass er endgültig scheitern wird, wenn auf diese Detonation nicht eine konsequente Aufklärung und eine politische Erneuerung folgt.

Europa muss dem Libanon in der schwersten Krise seit Ende des Bürgerkriegs jetzt unbürokratisch helfen. Das gebietet die Menschlichkeit. Es muss jene stärken, die nicht nur mit Lippenbekenntnissen für Transparenz, Verantwortlichkeit und gute Regierungsführung eintreten - das sind vor allem die Kräfte der Zivilgesellschaft. Daraus kann eine Dynamik entstehen, welche die Dinge im Libanon zum Besseren wendet.»


«Libanon verdient etwas Besseres»: Presseecho zur Explosion in Beirut

BERLIN: Der Libanon steht unter Schock - die schreckliche Explosion in Beirut mit über hundert Toten und Tausenden Verletzten stürzt das Land noch weiter in die Krise. Internationale Medien rechnen nach dem Unglück mit der Politik des Landes ab.

Die verheerende Detonation in Beirut am Dienstagabend mit mittlerweile 135 Toten und rund 5000 Verletzten hat den Libanon erschüttert. Das Unglück trifft ein Land, das ohnehin schon am Boden ist. Die Libanesen kämpfen mit einer schweren Wirtschaftskrise, die Währung ist abgestürzt und die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Internationale Presse kritisiert die politische Führung des Landes:

«Le Parisien» (Frankreich): «Das politische System ist von der Korruption seiner Führungsklasse zermürbt - ihm geht die Puste aus. Falls es sich erweisen sollte, dass das schlechte Management eines alten Lagers mit 2750 Tonnen Ammoniumnitrat wirklich die Ursache der Katastrophe ist, wird sich die Wut des Volkes, das während der vergangenen Monate bereits gegen seine politische Klasse auf die Straße gegangen ist, vervielfachen.»

«Politiken» (Dänemark): «Die libanesische Bevölkerung ist über Jahrzehnte von einer schamlosen und korrupten politischen Klasse im Stich gelassen worden, die ein Land, das reich und wohlhabend sein sollte, ins Verderben gestürzt hat. Der Libanon war einst die Perle des Nahen Ostens, Beirut war die Antwort der Region auf Paris. Es gibt enormes Potenzial. Der Libanon verdient etwas Besseres als seine Politiker.»

«Dziennik» (Polen): «Der Libanon ist ein instabiles Pulverfass, und die Explosion im Hafen könnte der Funken sein, der dieses Fass in die Luft jagt. Schon vor der Corona-Pandemie protestierten Tausende Bewohner der Hauptstadt gegen die korrupten politischen Eliten. (...) In letzter Zeit ist es zudem zu Spannungen an der Grenze zu Israel gekommen. Jerusalem beteuert jedoch, nichts mit der Explosion zu tun zu haben.»

«Trouw» (Niederlande): «Der Libanon balanciert bereits seit Jahren am wirtschaftlichen Abgrun. Das Land macht die schwerste wirtschaftliche Krise seit dem Bürgerkrieg durch, der zwischen 1975 und 1990 wütete. Wegen der schwachen Leistung des Staates in dieser Krise gab es in letzter Zeit Massendemonstrationen gegen die Regierung. Die Schuld an der ökonomischen Misere trägt nach Ansicht vieler Libanesen die herrschende Elite, die sich jahrelang bereicherte, aber nicht in der Lage war, die Grundversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten.»

«Der Standard» (Österreich): «Ein seit Jahren gelähmtes politisches System hat nicht nur die Wirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs gebracht, es kümmert sich auch nicht um Verwaltung und Wartung von wichtigen Strukturen. (...) Das Ende Jänner (Januar) gebildete «Technokratenkabinett» war schon wieder eine Mogelpackung, zustande gekommen durch das Feilschen Hisbollah-naher Gruppen um Posten und Pöstchen. Diese Regierung konnte bisher weder das internationale Vertrauen noch jenes der Libanesen und Libanesinnen wiederherstellen.»

Nach dem Unglück fordern die internationalen Medien Hilfe und Unterstützung anderer Länder. Doch auch der Libanon müsse handeln:

«Neue Züricher Zeitung» (Schweiz): «Der Schock der Explosion sollte den Parteien und Interessengruppen ein Weckruf sein. Die Polit- und Wirtschaftseliten sollten die Krise nutzen, um die dringend benötigten Reformen in Angriff zu nehmen. Die Mächtigen und Reichen, von denen es in Libanon nicht wenige gibt, müssen endlich die Interessen des Landes vor ihre eigenen stellen und Reformen nicht länger blockieren, nur weil sie dem eigenen Geschäft schädlich sind.»

«The Times»: (Großbritannien): «Die Gefahr, dass der Libanon angesichts dieser Tragödie noch tiefer in eine Krise und einen Konflikt herabsinkt, ist groß. Er ist dringend auf wirtschaftliche Unterstützung von außen angewiesen, wofür allerdings eine stabile Regierung benötigt wird.»

«El Mundo» (Spanien): «Zusammen mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie könnten diese Verwüstungen einem Land, das auf bestem Wege ist, ein bankrotter Staat zu werden, den Todesstoß versetzen, falls es nicht gelingt, den Prozess der Verarmung und des Verfalls der Institutionen zu stoppen. (...) Die internationale Gemeinschaft muss sich proaktiv für die Stabilität des Libanons einsetzen.»

«Die Presse» (Österreich): «Der Libanon ist an einem gefährlichen Punkt angelangt. Die Katastrophe von Beirut sollte aufrütteln, damit im Libanon, in der Region, aber auch in Europa die Kräfte gebündelt werden, um dem Land wieder auf die Beine zu helfen. Andernfalls droht ein weiterer Staat in Europas unmittelbarer Nachbarschaft ins Chaos zu kippen.»

«The Guardian» (Großbritannien): «Neben Nothilfe-Spenden schulden die Freunde des Libanon in aller Welt seinem Volk eine Anerkennung dieses Geistes. Wir schulden einer Nation Solidarität, die in der Vergangenheit immer wieder aufgestanden ist, wenn Tragödien sie in die Knie zwang, deren wundersame Widerstandsfähigkeit nun jedoch erneut auf die Probe gestellt wird.»


«Der Standard»: Libanon völlig am Boden

WIEN: Über die desolate Lage des Libanons schreibt die Wiener Zeitung «Der Standard»:

«Ein seit Jahren gelähmtes politisches System hat nicht nur die Wirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs gebracht, es kümmert sich auch nicht um Verwaltung und Wartung von wichtigen Strukturen. (...) Kurz keimte vorigen Herbst und Winter Hoffnung auf, als viele - besonders junge - Menschen im Protest gegen das versteinerte System auf die Straßen strömten. Das Ende Jänner (Januar) gebildete «Technokratenkabinett» war schon wieder eine Mogelpackung, zustande gekommen durch das Feilschen Hisbollah-naher Gruppen um Posten und Pöstchen. Diese Regierung konnte bisher weder das internationale Vertrauen noch jenes der Libanesen und Libanesinnen wiederherstellen.

Nun sind sie völlig am Boden und benötigen Hilfe, sofort. In der Folge braucht es eine große internationale Anstrengung, um den Libanon wieder auf die Beine zu bringen. Niemand kann Interesse an einem weiteren kollabierenden Staat im Nahen Osten haben.»

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