Die Brände und der Australia Day

Wie geht's dir, «Aussie»?

Foto: epa/Darren Pateman
Foto: epa/Darren Pateman

CANBERRA (dpa) - Normalerweise ist der 26. Januar für viele Australier ein großes Sommerfest. Nach den monatelangen Bränden sind die Vorzeichen für den Australia Day in diesem Jahr düsterer. Wie steht es um das Land?

Wie wäre das wohl in Deutschland, wenn es dort eine nationale Katastrophe gäbe, und das kurz vor einem Mauerfall-Jubiläum? Es wäre sicher nicht wie sonst. So ähnlich kann man sich gerade das Leben in Australien vorstellen. Dort ist an diesem Sonntag Australia Day. Ein offizieller nationaler Feiertag mit Partys, Barbecue und Feuerwerk. Er erinnert an die ersten britischen Siedler, zum Ärger der Ureinwohner. Diesmal wird aber nicht so laut gestritten wie sonst. Die Australier haben noch ganz andere Sorgen: die apokalyptischen Brände, die seit Monaten toben. Und die Frage: Wie geht das Leben für die «Aussies» weiter?

Einige kommen da ins Nachdenken. So wie die Rinderfarmerin Libby Swan, die im besonders betroffenen Bundesstaat New South Wales lebt, im Südosten des Kontinents. In einem Zeitungsartikel hat sie davon erzählt, was der Klimawandel für die Menschen bedeutet: Neulich hat sie auf ihrem Hof einen Koala gesehen. Für eine australische Farmerin nicht so ungewöhnlich. Aber diesmal war es anders. Der Koala saß am Boden und bewegte sich nicht. Swan musste ihn mit einer Schüssel vor der Schnauze zum Trinken bringen. Dann griff er nach ihrer Hand. Eine halbe Stunde saßen sie so, Mensch und Tier.

«Alles in mir hat gesagt: Das ist falsch», schreibt Swan im «Sydney Morning Herald». Für sie ein Schrecken, zu sehen, welche Folgen die schwere Dürre hat, die dazu beitrug, dass die Brände besonders schlimm sind. Was Wissenschaftler sagen, erfuhr Swan am eigenen Leib: Australien ist für Extreme bekannt, aber dieser Sommer wird als Katastrophe in die Geschichte eingehen. Nicht nur Farmerinnen wie sie finden, dass Australien handeln muss.

In der Feuerkrise hat der Premierminister Scott Morrison keine gute Figur gemacht, nicht nur wegen eines Hawaii-Urlaubs, den sich der konservative Politiker während der Brände gönnte. Der Freund der für die Wirtschaft sehr wichtigen Kohleindustrie muss sich immer wieder unbequemen Fragen in Sachen Klimawandel stellen. Auf Demos wurde wegen seines Krisenmanagements sein Rücktritt gefordert. Gerade hat sein geschasster Vorgänger Malcolm Turnbull in einem BBC-Interview mit Morrison und der Klimapolitik abgerechnet. Auf Klimakonferenzen gilt Australien als Bremser. Seinen Wählern gibt Morrison das Gefühl, dass die Zukunft nicht so bedrohlich ist, wie es Wissenschaftler sagen.

Der australische Schriftsteller Richard Flanagan fühlt sich an die Sowjetunion der 80er Jahre erinnert. Morrison habe die Presse des Medienunternehmers Rupert Murdoch als «riesige Propagandamaschine» und politisch keine Opposition. Aber er verliere stündlich an moralischer Autorität, schrieb Flanagan im Januar in der «New York Times». Michail Gorbatschow habe gesagt, dass das Ende der Sowjetunion mit der Katastrophe von Tschernobyl 1986 begonnen habe. Und so fragt sich Flanagan, ob die Brände von Australien das «Tschernobyl der Klimakrise» werden könnten.

Ganz so weit muss man nicht gehen. Aber das Leben der Australier könnte sich ändern. So sieht es Martha Sear vom Nationalmuseum in der Hauptstadt Canberra. Etwa beim Urlaub, wenn die Menschen im australischen Sommer über Weihnachten mit dem Auto ans Meer fahren. «Aber das könnte in Zukunft der gefährlichste Zeitpunkt sein», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Gerade hat der Tourismusverband eine neue Kampagne gestartet. Die Leute sollen besonders jetzt Urlaub im eigenen Land machen. «Australien braucht dich», heißt es im Video.

Jetzt also der Australia Day. Er erinnert daran, wie die Briten 1788 in Sydney landeten, um dort eine Kolonie für Häftlinge zu errichten. Für die Ureinwohner, die Aborigines, ein schmerzhaftes Datum, ein Beginn der Unterdrückung. 2019 kamen 100 000 Menschen zu Demos gegen den «Tag der Invasion». Linken Kritikern gilt der Feiertag als zu weiß und männlich dominiert, manche wollen ihn auf ein anderes Datum legen. Premier Morrison hält an dem Tag fest.

Für viele der um die 25 Millionen Australier ist er ohnehin einfach ein großes Sommerfest. Dann wird der Lebensstil zelebriert, an den Stränden, beim Cricket-Spiel oder beim Barbecue - letzteres ist angesichts der Brände manchmal eine schwierige Sache. Melbourne und Canberra haben das Feuerwerk am Wochenende abgesagt.

Der Historiker Frank Bongiorno von der Australischen Nationaluniversität in Canberra bestätigt im dpa-Interview, dass die Debatte um den Feiertag dieses Jahr auf allen Seiten etwas ruhiger ist. «Die Gedanken der Leute sind gerade anderswo», sagt er. Über Canberra etwa tobte gerade ein gewaltiges Hagelunwetter. Aber Bongiorno interessiert zu sehen, wie der Katastrophensommer die nationale Identität ändert. Für ihn stellt sich so auch die Frage, wie es mit dem Feiertag weitergeht. Der feiert laut Bongiorno den Sommer und Teile des vom weißen Australien geprägten Lebensstils. «Was passiert damit?»

Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als vollfarbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.
Pflichtfelder
Ingo Kerp 26.01.20 18:44
In DE laufen die Klimaaktivisten Sturm gegen den lächerlich geringen Ausstoß der Kohlekraftwerke. Die Brände in Australien machen inzwischen 10 % des weltweiten Ausstoßes aus.