Angeschossene Hündin lernt wieder laufen

Hündin Vira bekommt von Marta Dominiak-Drelicharz (l), Tierpflegerin, und Mirella Nowak (r), Physiotherapeutin, in der Tierklinik «Ada» eine Lauf-Therapie in einem Wasserbecken mit eingebautem Laufband. Die Hündin Vi... Foto: Christoph Soeder/dpa
Hündin Vira bekommt von Marta Dominiak-Drelicharz (l), Tierpflegerin, und Mirella Nowak (r), Physiotherapeutin, in der Tierklinik «Ada» eine Lauf-Therapie in einem Wasserbecken mit eingebautem Laufband. Die Hündin Vi... Foto: Christoph Soeder/dpa

PRZEMYSL: In einer Klinik im polnischen Przemysl behandeln Tierärzte und Pfleger kranke und verletzte Tiere aus der Ukraine. Viele Menschen lassen auf der Flucht vor dem Krieg ihre Hunde und Katzen zurück. Doch auch ein kleiner Ziegenbock gehört zu den Patienten.

Behutsam hebt Physiotherapeutin Mirella Nowak die kleine braune Hündin auf das Laufband. Dann senkt sie das Gerät langsam in ein Becken mit warmem Wasser ab und stellt es an. Vira, die kleine braune Hündin, beginnt zu laufen - auf allen vier Pfoten. «Gut machst du das!», lobt Tierarzt Jakub Kotowicz und gibt Vira ein Leckerli. Dass sie ihre Hinterbeine überhaupt bewegen kann, ist ein kleines Wunder.

«Vira kommt aus dem Donbass in der Ostukraine, in ihrem Rückgrat steckt eine Kugel», erklärt der polnische Veterinär und zeigt auf eine helle runde Stelle auf dem Röntgenbild. Das Projektil habe das Tier vor zwei oder drei Jahren getroffen, schätzt er. Auch damals war der Donbass schon Kampfzone. Ein Nerv sei beschädigt, eine Operation zu riskant. Nun soll Physiotherapie die Hündin auf die Beine bringen.

Die Tierklinik Ada liegt in der Stadt Przemysl im Südosten Polens, nahe der Grenze zur Ukraine. Eine gemeinnützige Stiftung betreibt hier ein modernes Tierheim für Hunde und Katzen, aber auch für verletzte Wildtiere. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine behandeln die Tierärzte, Physiotherapeuten und Pfleger zunehmend kranke und verletzte Tiere aus dem Nachbarland, die plötzlich unbehütet geworden sind.

Denn viele Ukrainer lassen bei der Flucht ihre Hunde und Katzen zurück. Manche streunen auf den Straßen herum, andere landen in völlig überfüllten Tierasylen. Freiwillige bergen sie und bringen sie nach Polen. So ging es auch der kleinen Hündin Vira, die erst aus dem Donbass in die Westukraine gelangte und von dort in die Klinik nach Przemysl.

Rund 900 Hunde aus der Ukraine hätten seine Kollegen und er in den vergangenen Kriegswochen behandelt, sagt Tierarzt Kotowicz (32), einer der Mitbegründer der Stiftung. Die meisten haben mittlerweile ein neues Zuhause bei Hundefreunden in Polen oder Deutschland gefunden. Gegenwärtig hat die Tierklinik hundert Hunde-Patienten.

Nicht immer ist ihr genaues Schicksal bekannt. So wie bei Alan, einem großen Mischlingsrüden, der in der westukrainischen Stadt Lwiw mit stark blutendem Kopf aufgegriffen wurde. Oder bei Oleg, einem schmalen dunkelbraunen Hund. «Sein rechter Hinterlauf war mehrfach gebrochen, er hatte große Schmerzen», erzählt Tierarzt Radoslaw Fedaczynski. Die Ärzte mussten das Bein amputieren. Jetzt lernt Oleg das Laufen auf drei Beinen.

Doch es sind nicht nur Haustiere, die in der Tierklinik behandelt werden. Auch ein Storch mit gebrochenem Flügel und eine verletzte Fledermaus gehören zu den Patienten aus der Ukraine.

Und Sascha - das kleine Ziegenkitz, mit dem alle hier so gerne kuscheln. «Sascha wurde mit nach hinten gekrümmten Vorderläufen geboren. Er lief praktisch auf den Handgelenken, konnte das Euter seiner Mutter nicht erreichen», erzählt Veterinär Fedaczynski. Die Besitzerin der Mutterziege lebt auf dem Land in der Nähe von Lwiw, sie wandte sich verzweifelt an die polnische Tierklinik. Die Spezialisten dort ließen Orthesen für Saschas Vorderläufe anfertigen, die sie ihm stundenweise anschnallen. Jetzt macht die kleine Ziege auch ohne die Stützen fröhliche Bocksprünge im Hof und knabbert an den Stiefmütterchen.

«Auch Sascha ist ein Opfer des Krieges», sagt Tierarzt Fedaczynski. Mittlerweile sei der kleine Ziegenbock in der ganzen Ukraine bekannt - und ein Symbol der Hoffnung.

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