Wie der Sandoz-Chemieunfall den Rhein zur Kloake machte

Sandoz-Umweltkatastrophe 1986. Foto: Michael Kupferschmidt
Sandoz-Umweltkatastrophe 1986. Foto: Michael Kupferschmidt

BASEL: Das Fischesterben in der Oder weckt Erinnerungen an eine der größten Umweltkatastrophen Europas: 1986 wurden im Rhein tonnenweise tote Fische gefunden. Damals war die Ursache sofort klar.

Zwei Angler stehen am Samstag, dem 1. November 1986, wie so oft in aller Herrgottsfrühe zum Fischen am Oberrhein. «Es war so sechs, sieben Uhr morgens, da war der Rhein noch intakt», berichtete Hans-Dieter Geugelin der ZDF-Sendung «Hallo Deutschland» im Oktober 2021. «Zwei Stunden später sahen wir die ersten toten Aale vorbeischwimmen.» Die Freunde dachten, die Aale seien in eine Schiffsturbine geraten. «Aber mit der Zeit wurden es immer mehr.» Dann sieht Manfred Trenkle, wie sich das Rheinwasser rötlich färbt.

Was die Angler noch nicht wissen: Sie erleben gerade den Anfang einer der größten Umweltkatastrophen Europas mit gigantischem Fischesterben. Der Gewässerexperte der Umweltorganisation BUND, Sascha Maier, sagte gerade, die Dimension der derzeitigen Oder-Katastrophe sei vergleichbar mit den verheerenden Ereignissen im Rhein 1986. Aber damals war die Ursache schnell klar.

1. November 1986, kurz nach Mitternacht: Im Basler Industriegebiet Schweizerhalle geht um kurz nach Mitternacht der Feueralarm los. Die Lagerhalle 956 der Chemiefirma Sandoz brennt. Darin: mehr als 1000 Tonnen Unkrautvernichter und Insektizide. Die Feuerwehr löscht über Stunden. Um drei Uhr morgens werden die Anwohner durch Dauer-Sirenenalarm aus dem Bett gerissen: Eine stinkende Giftwolke zieht über Stadt und Land, sie sollen die Fenster schließen und in den Häusern bleiben.

Was die beiden Angler schon Stunden nach der Katastrophe am Oberrhein sehen, wird von der Firma und den Behörden - auch in Deutschland - noch tagelang kleingeredet: «Es sind keine Pannen entstanden», sagt etwa der damalige Regierungspräsident des Kantons Baselland, Werner Spitteler. Der damalige baden-württembergische Umweltminister Gerhard Weiser (CDU) sagt Tage später noch: «Die Messergebnisse, die wir haben, deuten auch heute auf eine relativ geringe Belastung hin.» Hans Winkler, Vorstandsmitglied bei Sandoz, wiegelt auch öffentlich ab. Er spricht von einer «Belastung» des Rheins. Es sei ja nur eine außerordentlich empfindliche Fischsorte, die Äsche, «zu Schaden gekommen». Erst auf Nachfrage nennt er auch den Aal.

Tatsächlich kommen auf rund 400 Kilometern bis zur Loreley praktisch sämtliche Aale um. Insgesamt verenden Hunderte Tonnen Fische und andere Wasserbewohner. Rund 20 Tonnen Chemikalien waren mit dem Löschwasser im Rhein gelandet, darunter 2,6 Tonnen Quecksilber. «Es dauerte Jahre, bis sich der Fluss wieder erholt hatte», hielt das Schweizer Bundesumweltamt später fest.

Die Empörung in der Bevölkerung ist groß, zumal sich das Rhein-Wasser in Ufernähe wegen eines nach Firmenangaben an sich harmlosen Markierungsfarbstoffs rot färbt und die Giftwalze so vor aller Augen Hunderte Kilometer Richtung Norden schwappt. In Basel kommt es zu Großdemonstrationen, auf den Rheinbrücken gibt es Menschenketten.

Eine öffentliche Anhörung mit Politikern und Sandoz-Managern in Basel versinkt im Chaos, als den Männern auf dem Podium aus dem Publikum tote Aale auf den Tisch geknallt werden. 20 Jahre später räumt Novartis - die Firma, in der Sandoz und der Basler Konkurrent Ciba-Geigy 1996 aufgegangen waren - ein: «Im Rhein wurde der Fischbestand fast völlig zerstört.» Auf dem Sandoz-Gelände gab es keine Auffangbecken für Löschwasser im Katastrophenfall, wie sie damals bei deutschen Chemiefirmen bereits üblich waren.

Eine Strafuntersuchung verlief zwar im Sande, aber es tat wegen des öffentlichen Drucks viel. Novartis berichtete 2006: «Der Großbrand hatte deshalb auf den Umfang und auf die internationale Koordination der Rheinsanierung eine heilsame, beschleunigende Wirkung.» Die Auflagen für Chemiekonzerne wurden verschärft, Auffangbecken gebaut.

Der Rhein bekam ein automatisiertes Gewässerüberwachungsnetz. Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) in Koblenz wurde ausgebaut. Säuberungs-, Schutz- und Förderprogramme machten sogar den Lachs im Rhein wieder heimisch. «Der Rhein hat Zukunft», berichtete die IKSR 20 Jahre nach dem Unglück. Und weitere zehn Jahre später: «Hohe Investitionen in den Umwelt- und Gewässerschutz (...) haben aufgezeigt, dass es möglich ist, aus der Kloake Rhein wieder einen weitgehend sauberen Strom zu machen.»

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Hans-Dieter Volkmann 22.08.22 02:53
H. R. Bütler 21.08.22 03:10
Herr Bütler, ich möchte mich ihrer Kritik anschließen. Auch ich habe mich so manches mal gewundert wenn mein Kommentar, sicherlich in einem anderen Themenbereich als ihre Kommentare, nicht veröffentlich wurde. Obwohl ich mich mit Sicherheit auf geschichtlich gesicherte Fakten berufen konnte. In den meisten echt demokratischen Ländern der Welt gibt es auch sowas wie Religionsfreiheit. Die gerät hier allerdings in Kollision mit den Kommentarregeln und mit der Freiheit war es dann.
Hermann Hunn 21.08.22 06:23
Nicht die CH gemeint; sondern Entwicklungsländer!
Schon allein dieser Satz als Antwort eines Leserbeitrages würde im „Wiktionary.com" als Definition für Dekadenz genügen.

Interessant an dem Narrativ ist, dass Sandoz mit Ciba-Geigy nach 10 Jahren in der neuen Novartis aufging. Makabres Detail der Brandnacht: „Ci-Gy" nutzte die Gelegenheit, ½ t Atrazin elegant zu entsorgen. Im CH-Dialekt existiert die Wortkombi „Säuhäfeli-Säudeckeli". Ob das Löschwasser, das just dort geschöpft wurde, wo selbiges in den Rhein floss, zu Merkaptan destilliert als „Mercurium-Verbindung" die Fauna bis Rotterdam schädigte?

Nächstes Kapitel war die Extraktion der Agrosparte in die 2000 gegründete Syngenta. Frei von Altlast schoss der Aktienkurs in sphärische Höhe. Weissgewaschen können durch Gestank aufgeweckte Bürger „Ach wie gut, dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss" anstimmen. Ohne Hindernisse ist der Weg nun frei, sich erfolgreich als „rollentragender Mitarbeiter" zu bewerben.

Ob dieser Ex-Mitarbeiter zu kaschieren versucht, dass er ein Teil deren verkörpert, die um das goldene Kalb tanzen, sofern die Kasse stimmt? Braucht er jetzt noch externe Schaufeln für die eigene schweflig duftende Sickergrube? Dass Er sich im gesetzten Alter erlaubt, seine Ex-Arbeitgeber als „Giftmischer zu Basel" zu verunglimpfen, ist das i-Tüpfelchen. What ever, Hauptsache, dass man im fernen Thailand sich dank exorbitanter Pensionszahlung leisten kann, ausgesuchte Edeltropfen als Gegengift zu kredenzen.

Da bleibt kein "Igitt", nur zwei "Pfui"

☹☹
Hansruedi Bütler 21.08.22 03:10
Warum wude mein Post von Ihnen gesperrt?
Wieder mal zu viel Wahrheit?
Irgendwie tragisch.
Stehen Sie mit dem Rücken an der Wand?
Derk Mielig 20.08.22 20:20
@HRB
Export, also die Ausfuhr aus CH, jemanden legal zu vergiften.
Hansruedi Bütler 20.08.22 16:30
Wo steht da etwas, dass dies damals in der CH
noch legal war???
Der Satz lautet doch:
"Der Export in Entwicklungsländer (Afrika, S-Amerika, Indien etc.) noch erlaubt.
Anscheinend war es damals noch legal, Mensch, Tier und Natur zu vergiften, wenn nur die Kasse stimmte."
Also war nicht die CH gemeint; sondern die Entwicklungsländer!
Sie können doch lesen Herr Mielig - oder?
Derk Mielig 20.08.22 14:20
@HRB
Schon möglich, dass es damals in der Schweiz noch legal war, Mensch, Tier und Natur zu vergiften, wenn nur die Kasse stimmte. In D war es damals bereits etwas anders. Aber in der Schweiz kommt ja einiges etwas später an, liegt vllt. an der Tallage. Aber Bankgeheimnis und Direkte Demokratie, ditt flutscht!
Hansruedi Bütler 20.08.22 12:50
1. November 1986
An diese Datum kann ich mich sehr gut erinnern.
Damals wohnten wir in BS und schliefen bei offenen Fenstern.
So kurz vor 04 Uhr erwachte ich ob einem fürchterlichen Gestank.
Ein Unfall mit einem Merkaptan, schoss es mir durch den Kopf. Sofort alle Fenster geschlossen.
Via Radio wurden wir über den Chemieunfall informiert.

Seit 1978 waren laut EG Richtlinien quecksilberhaltige Pestizide, Biozide und Pflanzenschuttmittel verboten.
Der Export in Entwicklungsländer (Afrika, S-Amerika, Indien etc.) noch erlaubt.
Anscheinend war es damals noch legal, Mensch, Tier und Natur zu vergiften, wenn nur die Kasse stimmte.
Ciba-Geigy und Sandoz produzierten deshalb diese in Europa verbotenen Pestizide weiterhin in Tonnagen.
Sandoz hatte in Schweizerhalle entsprechende Produktions- und Lagergebäude.
Ebenso wurden dort Diverse Farbstoffe in Tonnagen gelagert, so auch Berlinerblau.
Dieser Farbstoff unterlag unter gewissen Bedingungen einer Selbstentzündung, was dann schließlich schlussendlich den Großbrand auslöste.
Sammelbecken für Löschwasser waren nicht vorgesehen oder viel zu klein.
So wurden die Farbstoffe, quecksilberhaltigen Pestizide und Biozide in den Rhein gespült.
Alleine die "normalen" Biozide hätten schon zu einem gewaltigen Fischsterben geführt.
Die quecksilberhaltigen Verbindungen gab dann noch den Rest!
Die weitere Geschichte ist ja bestens dokumentiert.