Kämna sucht sein Rad-Glück

Wenn die Leidenschaft zur Last wird 

Lennard Kämna aus Deutschland vom Team Bora-hansgrohe freut sich bei der Überquerung der Ziellinie über seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France. Foto: Christophe Ena
Lennard Kämna aus Deutschland vom Team Bora-hansgrohe freut sich bei der Überquerung der Ziellinie über seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France. Foto: Christophe Ena

LEIPZIG: Lennard Kämna ist erst 25 und gilt immer noch als größtes deutsches Rundfahrt-Talent. Im Mai 2021 bremsen ihn mentale Probleme aus, die Lust am Radsport geht verloren. Nun feiert er in der Wüste Saudi-Arabiens sein Comeback.

Die Vergangenheit handelt Lennard Kämna in zwei Sätzen ab. «Wenn ich ganz trocken wäre, würde ich sagen, ich hatte keine Lust mehr. Aber ich will gar nicht mehr darüber reden», sagt der Radprofi. Kämna ist erst 25 Jahre alt und gilt immer noch als größtes deutsches Rundfahrtalent. Trotz der Vergangenheit, die noch nicht mal ein Jahr zurückliegt. Im Mai 2021 stieg der Profi von Bora-hansgrohe vom Rad und nahm sich eine Auszeit. Erst wurden körperliche Probleme kommuniziert. Später sickerte durch, dass wohl vor allem der Kopf eine Rolle spielte. Er habe Probleme gehabt, sich «Befriedigung abseits des Sports zu holen», wie Kämna dem «Weser Kurier» später berichtete.

Nach einer Episode auf dem Mountainbike in Südafrika ist Kämna nun bereit für die Rückkehr auf die Straße. Am 1. Februar ist es soweit, bei der Saudi Tour will er sich für die Saison einrollen. Die Lust ist wieder da. «Ich bin auf jeden Fall Radfahrer aus Leidenschaft», betont der Mann aus Fischerhude bei Bremen. Damit diese Leidenschaft nicht zur Last wird, hat Kämna sich verändert. «Ich versuche, mich zu beschäftigen - in jeglicher Hinsicht. Zeit mit Freunden und Familie hat mir auf jeden Fall geholfen. Aber es gibt keine Akutlösung. Am meisten Freude verspüre ich beim Rad fahren und Freude am Rad fahren habe ich, wenn ich ein Ziel vor Augen habe.»

Das erste ganz große Ziel ist Italien. Beim Giro d'Italia ist Kämna als Helfer für Kapitän Emanuel Buchmann eingeplant. Und wenn es denn Beine und Rennsituation erlauben, darf er sicherlich auch mal allein losstiefeln. So wie 2020, als er die Bergetappe der Tour de France nach Villard-de-Lans mit einer cleveren Attacke am vorletzten Anstieg für sich entschied. Der Erfolg war umso bemerkenswerter, da sich Kämna vier Tage zuvor bei der Bergankunft auf dem Puy Mary nach langer Flucht nur knapp geschlagen geben musste. So etwas muss man erstmal verdauen. Vor allem im Kopf.

Zeitgleich zu Kämnas Neustart hat sich auch sein Team Bora-hansgrohe auf der sportlichen Ebene neu aufgestellt. Rolf Aldag hat nun das Sagen, mit ihm kamen drei neue sportliche Leiter. Für Kämna kann das ein Vorteil sein. Denn für Aldag ist er quasi ein unbeschriebenes Blatt. «Ich habe keine Historie mit ihm, kann und werde da nicht urteilen. Im Umgang ist er sehr sympathisch und will viel wissen», sagt der 53-Jährige. Und Kämna teilt mit, dass er die Arbeit der neuen Leitung als «bisher sehr positiv» empfindet.

Über kurz oder lang muss der frühere Junioren-Weltmeister im Zeitfahren allerdings Ergebnisse abliefern und sich daran messen lassen. Schließlich betreibt Kämna immer noch Leistungssport und sein Team lässt sich seine Dienste einiges kosten. Das ist dem Profi durchaus bewusst - und er gibt sich gar nicht so viel Anlaufzeit. «Im Februar werde ich noch keine Bäume ausreißen», sagt Kämna. «Ich konzentriere mich auf April und Mai. Ergebnisse sind momentan noch kein Thema, aber wenn die Beine stimmen, muss ich mich ja nicht zurückhalten.»

Zumal es auch um seine Zukunft als Radprofi geht. Am Ende des Jahres endet sein Vertrag. Im vergangenen Jahr hat das Team das Arbeitspapier vorzeitig verlängert, ihm mit dem Vertrauensvorschuss seine lange Pause ermöglicht. Den Rückhalt im und vom Team hat er. «Die Leute freuen sich, dass ich wieder dabei bin. Ich bin nie schräg angeguckt worden.»

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