Weiterer Angriff in Ost-Jerusalem

​Sorge vor Eskalation wächst

Zwei Verletzte bei einer neuen Schießerei in Jerusalem. Foto: EPA-EFE/Atef Safadi
Zwei Verletzte bei einer neuen Schießerei in Jerusalem. Foto: EPA-EFE/Atef Safadi

JERUSALEM: Ein Attentäter verübt einen der schwersten Anschläge seit Jahren in Israel, kurz darauf greift ein palästinensischer Jugendlicher Siedler an. Auch arabische Länder verurteilen die Gewalt. Deutschland steht Scholz zufolge fest an Israels Seite.

Nach zwei Anschlägen in Ost-Jerusalem wächst die Sorge vor einer neuen Eskalation im Nahost-Konflikt. Am Samstag habe ein gerade mal 13-Jähriger auf Anwohner einer israelischen Siedlung im Stadtteil Silwan geschossen, teilte die Polizei mit. Sie sprach von einem «Terror-Angriff». Bewaffnete Passanten hätten schließlich auf den Jungen geschossen. Die beiden Opfer, Vater und Sohn, kamen in ein Krankenhaus. Medien meldeten, auch der junge palästinensische Angreifer sei medizinisch behandelt worden. Zuvor hatte bereits ein Anschlag auf Besucher einer Synagoge mit sieben Toten am Freitag - dem internationalen Holocaust-Gedenktag - für Entsetzen gesorgt.

Nach ersten Erkenntnissen handelte es sich bei dem Attentäter vom Freitag in der israelischen Siedlung Neve Yaakov um einen 21-Jährigen aus Ost-Jerusalem. Er wurde auf der Flucht erschossen. Laut Polizei handelte er allein. Bis Samstag wurden dennoch mindestens 42 Verdächtige festgenommen - den Beamten zufolge waren es Verwandte und Nachbarn des Attentäters. Was ihnen zur Last gelegt wird, war zunächst nicht bekannt.

Am Abend wollte sich Israels Sicherheitskabinett unter der Leitung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit der Lage nach dem Terrorangriff nahe der Synagoge befassen.

Israel hatte 1967 das Westjordanland und Ost-Jerusalem erobert. Dort leben heute mehr als 600.000 israelische Siedler. Die Palästinenser beanspruchen die Gebiete für einen unabhängigen Staat Palästina mit dem arabisch geprägten Ostteil Jerusalems als Hauptstadt.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zeigte sich nach den Angriffen entsetzt. «Die Nachrichten über die schrecklichen Attentate in Jerusalem erschüttern mich zutiefst», schrieb er auf Twitter. «Deutschland steht an Israels Seite.» Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verurteilte die «brutale terroristische Gewalt» bei dem Anschlag nahe der Synagoge während eines Telefonats mit Israels Präsident Izchak Herzog. «Mein Herz bricht bei der Nachricht von den schrecklichen Terroranschlägen am Schabbat in Jerusalem», sagte Herzog laut einer Erklärung.

Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verurteilte das «zynische Verbrechen» am Gedenktag für den Völkermord der Nazis an den Juden. Nach Angaben des 45-Jährigen, der jüdische Wurzeln hat, ist auch eine ukrainische Frau unter den Opfern.

Auch Jordanien, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate verurteilten den Anschlag. Selbst aus Saudi-Arabien, das mit Israel keine diplomatischen Beziehungen unterhält, kam eine Reaktion: Das Land verurteile «jegliche Angriffe auf Zivilisten». Der einflussreiche Golfstaat warnte vor einer gefährlichen Eskalation der Lage. Auch der Oman lehnte in einer Erklärung «alle Formen von Gewalt und Terrorismus, die auf Zivilisten abzielen», ab. Viele Palästinenser im Gazastreifen und im Westjordanland reagierten dagegen mit Freudenfeiern auf den Terroranschlag vom Freitag. Auch die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah lobte den Angriff. Die eng mit dem Iran verbündete Organisation sieht in Israel einen Erzfeind.

Die palästinensische Führung ließ in einer Erklärung verlauten, Israel sei «voll verantwortlich für die gefährliche Eskalation». In diesem Jahr seien bereits 31 Palästinenser getötet worden. Die Menschen, darunter mehrere Jugendliche, starben in Zusammenhang mit Militäreinsätzen und eigenen Anschlägen. Erst am Donnerstag waren bei einer Razzia israelischer Soldaten im Westjordanland neun Menschen getötet worden, darunter Mitglieder der militanten Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad. Es war einer der tödlichsten Militäreinsätze seit Jahren in dem palästinensischen Autonomiegebiet.

Kurz darauf flogen Raketen aus Gaza, Israel flog Luftangriffe. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell zeigte sich angesichts der Razzia besorgt. Die EU erkenne die legitimen Sicherheitsinteressen Israels voll und ganz an. «Aber es muss betont werden, dass tödliche Gewalt nur als letztes Mittel eingesetzt werden darf, wenn sie zum Schutz von Menschenleben absolut unvermeidlich ist.»

Netanjahu erklärte nach dem Anschlag nahe der Synagoge: «Wir werden entschlossen und ruhig handeln.» Er rief die Bevölkerung auf, das Gesetz nicht in die eigenen Hände zu nehmen. Der rechtsextreme Polizeiminister Itamar Ben-Gvir forderte hingegen, Bürger «besser zu bewaffnen, um solche Anschläge zu vermeiden». Ben-Gvir gilt als politischer Brandstifter und wurde bereits wegen rassistischer Hetze und Unterstützung einer jüdischen Terrororganisation verurteilt.

Gegen die neue ultrarechte Regierung und ihre Vorhaben regt sich auch unter Israelis großer Widerstand. Netanjahus Koalition plant etwa weitreichende Reformen im Justizsystem. Manche Experten warnen deshalb bereits vor einem Ende der israelischen Demokratie. Für Samstagabend wurden landesweit wieder große Demonstrationen erwartet. Sie sollen den Organisatoren zufolge mit einer Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags in Jerusalem beginnen.

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