„Wahnsinnig“ verliebt

Dass Liebe häufig dazu führt den Verstand auszuschalten, kann man in Thailand täglich beobachten. Da kommen Farangs – oft im fortgeschrittenen Alter – in dieses Land, werden von einer exotischen Schönheit angelächelt, und schon ist alles zu spät: Das Leben steht plötzlich auf dem Kopf. „Sie liebt mich! Was bin ich für ein Glückskind!“ Sie wünscht sich ein Auto. „Natürlich, Schatz. Wie? Ach so, praktischerweise auf Deinen Namen.“ Sie wünscht sich ein eigenes Haus für uns zwei. „Klar, Schatz, und praktischerweise auf Deinen Namen.“ Dann braucht sie dringend Geld für ihre arme Familie. „Sorry, Darling, die ATM-Maschine spuckt nichts mehr aus“. Prompt ist auch die Liebe aus. Und unserem Farang dämmert es langsam. Er wacht aus der Unzurechnungsfähigkeit auf. Langsam kehrt die Vernunft zurück: „Was war ich für ein Idiot!“ Ja, das war’s. Rückflug in die alte Heimat, in die neue Armut.

Dass der allgemein gebräuchliche Ausdruck „wahnsinnig“ verliebt tatsächlich mit Vernunftsverlust einhergeht ist unbestritten. Wenn das Blut sich unten staut, fällt das Hirn ins Koma. Eigentlich müsste diese Einsicht doch dazu führen, dass die Liebe geächtet wird. Aber das Gegenteil ist der Fall, denn kurz darauf erholt das Hirn sich wieder und lauert auf neue Objekte seiner Begierde. Täglich verlieben sich Millionen Menschen auf der Welt. Vermittlungsagenturen haben Hochkonjunktur. Der Mensch ist von Natur aus auf Vermehrung angelegt. In der Natur bedarf es dafür in der Regel keiner speziellen Regung, außer dem Hormonstau. Bei den Menschen ist es nicht anders, aber wir reden lieber von Gefühlen. Normalerweise führen sie zur Ehe, die inzwischen sehr häufig auch nur noch einem bestimmten Zeitablauf unterliegt.

In vielen Ländern ist es üblich, dass die Ehen ihrer Kinder von den Eltern vereinbart werden. Sie sind davon überzeugt, dass solche Ehen länger dauern als Liebesehen. Solche Zwangsehen führen nicht selten zu schweren Verbrechen, denn eine Liebesehe fügt der Familie Schande zu, die nur durch den Tod der Tochter geahndet werden kann. Im 21. Jahrhundert! Wir wollen hier von der uns geläufigen Liebe reden, was bedeutet, dass zwei Menschen sich so attraktiv finden, dass sie gemeinsam leben wollen. Leider klappt es oft nicht so wie erhofft. Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass Liebe der Kitt ist, der die Welt zusammenhält. Allerdings gibt es viele unterschiedliche Formen der Liebe. Am schlimmsten für den Liebenden ist wohl die unerwiderte Liebe, die zu den schmerzhaften Dramen führen kann. Andere Formen der Liebe nennt man Mutterliebe, Vaterlandsliebe oder Gottesliebe. Nicht zuletzt sei die sogenannte „platonische Liebe genannt. Sie ist irgendwo zwischen Eros und Sexus angesiedelt, wandelnd und nicht immer zuverlässig. Wo Gefühle der Wertschätzung und Zuneigung entstehen, kommt es häufig auch zu Verbindungen zwischen zwei Männern. Homosexualität wurde noch vor wenigen Jahren auch bei uns unter Strafe gestellt und wird heute noch in einigen Ländern mit dem Tode bedroht. Natürlich totaler Schwachsinn! Wenn zwei Menschen sich lieben, dann schaden sie doch keinen anderen. Aber offensichtlich wirken sie auf viele Menschen unheimlich, weil sie nicht in ihr Schema passen. Prostitution gehört auch nicht in das Schema der meisten Menschen. Trotzdem machen die Bordelle auf der ganzen Welt gute Geschäfte damit. Zu diesem Geschäft gehört auch der Menschenhandel. Frauen werden unter Vorspiegelung falscher Tastsachen in andere Länder gelockt, wo sie als Zwangsprostituierte oftmals jahrelang ohne Bezahlung arbeiten müssen, um die angeblich hohen Reisekosten usw. abzuarbeiten. Ein weltweites Problem, das aber, um auf den Anfang dieser Kolumne zurückzukommen, der Liebe keinen Abbruch tut. Der Beweis ist erdrückend, denn Jahr für Jahr nimmt die Weltbevölkerung zu, und nicht nur dadurch, dass zwei Menschen miteinander reden. Da muss schon etwas mehr passieren, zum Beispiel sinnliche und sexuelle Anziehung und die praktizierte Ausführung. In meiner Jugend grassierte der Spruch: Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“. Heute nennt man das wohl einen „One-Night-Stand“. Was das mit Liebe zu tun hat, habe ich bis heute nicht verstanden. Ich kenne Paare, die sind seit über 50 Jahren zusammen, haben keinen Sex mehr, aber sagen: „Wir lieben uns heute inniger als damals.“

Aus meinem Radio erklingen alte Schlager. Da singt Nino de Angelo „Jenseits von Eden“. Und dann höre ich den Satz: „Wenn man für Liebe bezahlen muss, nur um einmal zärtlich zu sein, dann haben wir umsonst gelebt…“ Ich stimme ihm bedingungslos zu und wende mich meiner eigenen über 50 Jahre andauernden Liebe zu. Sie war nie wahnsinnig, aber immer glücklich.

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Norbert Kurt Leupi 29/07/2019 02:40
" Wahsinnig verliebt."..
oder zeitgemäss : " Liebe und andere Unglücke " !
Felice 28/07/2019 14:16
Triff Nagel auf den Kopf
Das Thema Liebe sehr treffend beschrieben Und das nicht nur für Thailand. Das alles ist weltweit zu sehen...