Von Marokko bis Malawi

wie Drohnen Innovation nach Afrika bringen

Foto: epa/Roman Pilipey
Foto: epa/Roman Pilipey

KIGALI (dpa) - Während Drohnenbetreiber im Westen mit strengen Rechtsvorschriften kämpfen, treiben lockere Luftfahrtregeln in Afrika innovative Projekte an - und machen den Kontinent zum globalen Testgebiet für unbemannte Flugobjekte.

Es summt wie ein großer Mückenschwarm. Eine weiße Drohne zirkelt über die Landebahn, positioniert sich in der Flugschneise und wird Sekunden später von einem Netz aufgefangen. Die Lieferung einer wichtigen Blutkonserve in eine abgelegene Klinik im ostafrikanischen Ruanda ist erfolgreich abgeschlossen.

Innerhalb von Sekunden bauen Mitarbeiter des US-Unternehmens Zipline das unbemannte Flugobjekt auf einem kleinen, eingezäunten Gelände in der Stadt Muhanga im Zentrum des Landes ab. Kurz darauf surrt eine weitere Drohne mit einer Geschwindigkeit von bis zu 100 km/h zum nächsten Gesundheitszentrum.

Für Zipline ist das Projekt in Ruanda nicht nur ein Weg, Leben zu retten. Die kalifornische Firma testet hier auch ihr Betriebsmodell, das sie zukünftig in den USA und anderen Ländern weltweit anbieten will. Ruanda ist aufgrund seiner lockeren Luftfahrtbestimmungen das ideale Testgebiet, erklärt Zipline-Manager Israel Bimpe. «Die Regierung ist in Bezug auf die regulatorischen Aspekte sehr offen.»

Die ehemalige deutsche und belgische Kolonie will gezielt Innovation ins Land locken, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. So dürfen Drohnen hier mit einer einfachen Erlaubnis über der visuellen Sichtlinie fliegen. Sogar hochautomatisierte Drohnen dürfen ohne Sondergenehmigungen eingesetzt werden. «Wir wollen gezielt die Infrastruktur und politischen Rahmenbedingungen für die Einführung neuer Technologie schaffen, um das Leben der Menschen zu verbessern», sagt der Minister für Informationstechnologie und Kommunikation, Jean de Dieu Rurangirwa.

Im Vergleich gibt es in Deutschland zahlreiche Auflagen, besonders für den Einsatz kommerzieller Drohnen. Abgesehen von einem Kenntnis- oder Flugkundenachweis benötigen Drohnen ab fünf Kilogramm Gewicht eine Aufstiegsgenehmigung der Landesluftfahrtbehörde. Drohnen, die höher als 100 Meter sowie außerhalb der Sichtweite ihrer Piloten fliegen, brauchen eine Ausnahmeerlaubnis. Zudem dürfen unbemannte Fluggeräte, die mehr als 250 Gramm wiegen, nicht über Wohngebieten fliegen. Leichtere Modelle dürfen dies zwar, doch Kamerafunktion ist über Wohngebieten generell nicht erlaubt. In vielen anderen europäischen Ländern und den USA gelten ähnlich strenge Vorschriften.

Kein Wunder, dass sich Entwickler, die neue Projekte vorantreiben wollen, gern auf Afrika konzentrieren, wo Drohnen mittlerweile in den Bereichen Tourismus, Gesundheit, Tierschutz, Sicherheit, Klimawandel und Landwirtschaft eingesetzt werden.

Die marokkanische Firma Atlan Space hat beispielsweise Software mit künstlicher Intelligenz entwickelt, mit der Drohnen in westafrikanischen Gewässern Umweltstraftaten wie illegale Fischerei und Ölverschmutzungen erkennen und in Echtzeit an Behörden melden können. Sobald eine Drohne gesetzwidrige Aktivitäten entdecke, gäbe sie den Standort und Identifikationsnummer des Schiffs per Satellit an die Behörden weiter, erklärt Atlan-Space-Geschäftsführer Badr Idrissi.

In Südafrika, Simbabwe, Botsuana und Malawi helfen ähnlich programmierte Drohnen, Wilderer zu sichten. Die mit Infrarot-Kameras ausgestatteten Fluggeräte halten nachts nach Menschen in Tierreservaten Ausschau und alarmieren bewaffnete Sicherheitskräfte. «Unsere Statistiken zeigen, dass Vorfälle von Wilderei erheblich sinken, wenn unsere Drohnen in der Gegend sind», sagt Otto Werdmuller Von Elgg, der Leiter des Air-Shepherd-Programms.

Im südafrikanischen Malawi liefern Drohnen außerdem Blutproben für HIV-Tests aus abgelegenen Teilen des Landes in ein Labor. Das bitterarme Land, das eine der höchsten HIV-Infektionsraten weltweit hat, kann damit die Wartezeit auf das Testergebnis deutlich reduzieren. Denn der Transport über Land ist aufgrund schlechter Straßen und hoher Benzinkosten langsam und mühselig.

Auch der von jahrzehntelanger Dürre und Hungersnöten heimgesuchte Sudan setzt Drohnen ein. Die einheimische Firma Massive Dynamics hat Drohnen gebaut, die Samen von Akazienbäumen gezielt in Gegenden abwerfen, in denen Wüstenbildung droht. Gleichzeitig können die unbemannten Fluggeräte aus der Luft den Gesundheitszustand zahlreicher Pflanzen diagnostizieren. Die gesammelten Informationen ermöglichen es Landwirten, Forschern und Hilfsorganisationen, Ernteschäden zu reduzieren.

Im westafrikanischen Nigeria haben Archäologen mit Hilfe von Drohnen Fundstätten in der altertümlichen Stadt Ile-Ife, der Wiege der Yoruba-Zivilisation des 10. bis 12. Jahrhunderts, kartiert. «Mit Hilfe der Luftaufnahmen entscheiden wir, wo wir ausgraben und auf welche Bereiche wir uns konzentrieren», sagt Adisa Ogunfolakan, der Direktor des nigerianischen Naturhistorischen Museums. Auf diese Weise wurden zuvor unbekannte Stadtmauern, verlassene Siedlungen, Töpferhütten und zeremonielle Gruben in Ife-Ife gefunden.

Wie sehr Drohnentechnologie Abläufe verbilligen, vereinfachen und beschleunigen kann, wird auf dem Zipline-Betriebsgelände in Ruanda allzu deutlich. Wenn Patienten eine dringende Bluttransfusion benötigen, kann Gesundheitspersonal per Textnachricht eine Bestellung aufgeben. Innerhalb von Minuten ist die Drohne gepackt. Statt vieler Stunden oder sogar Tage dauert es nur rund 30 Minuten, bis die lebensrettende Ware per Fallschirm an einer entlegenen Klinik abgeworfen wird. Zipline sendet im Schnitt 30 Drohnen pro Tag durchs Land, die bald auch mit Medikamenten und Impfstoffen beladen werden. «Wenn man Leben retten will, zählt jede Sekunde. Drohnen sind für uns die Lösung», sagt Ruandas Gesundheitsministerin Diane Gashumba.

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