Von Geistern und Scharlatanen

​Callolo und seine Herzallerliebste - Eine humorvolle Geschichte 

Von Geistern und Scharlatanen

Vor einigen Tagen kam Nai, meine Herzallerliebste, völlig aufgelöst aus der Stadt zurück und fiel mir zitternd und heulend um den Hals. Ich versuchte sie zu beruhigen: "Was ist denn passiert, mein Schatz?" Es dauerte einige Zeit, bis sie sich gefasst hatte, aber dann sprudelte es aus ihr heraus: "Tante Thani hat letzte Nacht von mir geträumt, bestimmt etwas ganz Schlimmes, sie will mir nicht sagen, was sie geträumt hat, vielleicht hat sie mich ohne Kopf gesehen, und dann muss ich sterben." Wieder begann sie zu schluchzen. Ich streichelte sie, und redete tröstend auf sie ein: "Deine Tante Thani, die angebliche Hellseherin hat schon hundert Mal die richtigen Zahlen für die Lotterie geträumt, nur haben die bisher nicht ein einziges Mal gestimmt. Deine Tante Thani kannst du vergessen. Die ist eine Scharlatanin und sonst nichts."

"Aber, Callolo, auch Khun Somchai"

"Was ist mit Khun Somchai?"

"Er hat mir aus der Hand gelesen."

"Ja, und?"

"Er hat mich nur angeguckt, als ob ich schon tot wäre, und wollte mir nicht sagen, was er gesehen hatte. Er hat nicht einmal Geld dafür von mir genommen, und daran kannst du sehen, wie schlimm es um mich steht."

Wieder fing sie an zu weinen und zu zittern. "Bitte, Callolo, wir müssen zusammen in den Tempel gehen und ein Opfer bringen. Wir müssen alle guten Geister bitten, mich zu beschützen." Und als ich noch zögerte, sah sie mich aus ihren verheulten Augen an und fragte: "Du willst doch nicht, dass ich sterbe, Callolo, oder?"

"Natürlich nicht, mein Schatz."

Was blieb mir also übrig: Wir fuhren auf den Berg zum Goldenen Buddha. Zuerst spendierten wir den Mönchen einen Eimer mit all den Dingen, die sie täglich brauchen und wurden dafür gesegnet und mit geweihtem Wasser besprengt. Danach opferten wir Kerzen, Lotosblumen und Weihrauchstäbchen und warfen Münzen in all die aufgestellten Schalen. Meine Herzallerliebste war immer noch nicht zufrieden. Sie wollte jetzt das Orakel befragen, kniete sich vor den Altar und schüttelte aus einem Becher ein nummeriertes Stäbchen heraus.

"Nummer Sieben, Callolo", rief sie mir zu, "schau mal nach dem Zettel."

In einem kleinen Regal lagen die zu den jeweiligen Nummern passenden Glücksbriefe. Ich überflog die Nummer Sieben, erkannte auf einem Blick, dass es sich um eine negative Schicksalsdeutung handelte und tauschte sie heimlich gegen die Nummer Neun aus.

Neugierig schmiegte meine Herzallerliebste sich an mich: "Lies vor, Callolo", bat sie.

"Sie befinden sich auf einem guten Weg. Nach und nach werden sich ihre Wünsche erfüllen." Hier stockte ich und erfand geistesgegenwärtig einen Nebensatz hinzu: "Sofern Ihre Wünsche bescheiden bleiben." - "Weiter, Callolo, lies weiter."- "Falls Sie sich Kinder wünschen, wird dieser Wunsch ebenfalls in Erfüllung gehen. Materiell müssen Sie sich kaum Sorgen machen, und auch gesundheitlich dürfen Sie mehr als zufrieden sein."

"Ach, ich bin ja so glücklich, Callolo!" Sie zog mich hinaus und stieg freudestrahlend mit mir in das Baht-Taxi, das uns heimfuhr.

"Glaubst du jetzt immer noch an den Blödsinn von deiner Tante Thani" fragte ich sie, als wir zuhause waren.

"Callolo, ich habe es dir doch schon oft gesagt: Kurz bevor ich dich kennengelernt habe, hat sie mir prophezeit, dass ich dich treffen würde."

"Ja, sie hat dir einen reichen jungen Mann aus Amerika geweisssagt. Und was hast du bekommen? Einen armen alten Esel aus Deutschland."

"Das ist gar nicht wahr, Callolo. Ich habe den besten Mann bekommen, den ich mir wünschen kann."

Ich verrate jetzt nicht, wie dieser Tag endete. Aber so ein Kompliment versöhnt mich mit all ihrem Aberglauben, mit all ihren guten und bösen Geistern und sogar mit Tante Thani.

Callolo und seine Herzallerliebste und Angekommen in der Wirklichkeit

Callolo und seine Herzallerliebste

In 130 heiteren Kurzgeschichten hat Autor Carolus in zwei Büchern sich mit unterschiedlichen Erfahrungen, die sich aus dem Zusammenleben zwischen Thais und Farangs ergeben, verfasst. Die humorvollen Geschichten behandeln das Eheleben zwischen Nai und Callolo. Im Leben der beiden wird viel Toleranz abverlangt. Dass es trotzdem immer wieder ein Happy End geben kann, beweist der Autor, im ersten Buch, in vielen unerwarteten Entwicklungen. Im zweiten Werk hat der Autor seine „rosarote Brille“ abgenommen und erzählt auf ehrliche und gewohnt charmante Weise über Probleme und Schwierigkeiten, die in seiner nicht mehr ganz taufrischen Beziehung zu Nai entstehen.

Die beiden Taschenbücher können Sie im FARANG-Onlineshop bestellen.

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Harald Nees 03.08.20 20:36
köstlich...
...mehr kann man dazu nicht sagen :)
See You 26.07.20 16:07
Aha, die Geister ...
... ein bisschen ausgetrickst! Aber es war zum Wohle aller Beteiligten! Und dafür gibt's, egal von welcher Gottheit oder realen Lebewesen, auf jeden Fall ordentlich Pluspunkte! Well done!!!
Dean 26.07.20 13:59
Danke
...mein Tag ist Mal wieder gerettet...mit einem Lächeln auf dem Gesicht..,,