Viele Mittel gegen Heimweh

Wie Expats die deutsch-thailändische Distanz kontrollieren können

Heimweh kann alles überdecken. Allerdings will man sich ja auch nicht gänzlich abnabeln. Die Lösung ist wie so oft ein Weg der Mitte. (stock.adobe.com © Ratta Lapnan)
Heimweh kann alles überdecken. Allerdings will man sich ja auch nicht gänzlich abnabeln. Die Lösung ist wie so oft ein Weg der Mitte. (stock.adobe.com © Ratta Lapnan)

Wer als Deutschstämmiger in Thailand lebt, hinterlässt meist zuhause Freunde, Verwandte, Familie, ein Leben. Viel Zündstoff für Heimweh – wenn man es nicht richtig angeht.

Was haben das sächsische Deschka und das thailändische Sao Hin (in Mae Hong Son) gemeinsam? Ersteres ist der östlichste bewohnte Ort Deutschlands, letzteres das westlichste Pendant Thailands. 7930 Kilometer Luftlinie liegen zwischen beiden Orten; die kürzeste Distanz zwischen Deutschland und Thailand.

Ganz gleich, ob das per Flugzeug nur wenige Stunden sind, es ist auch im 21. Jahrhundert eine ganze Welt. Denn wer in Thailand lebt, ist deshalb zumindest körperlich tausende Meilen von seinen daheimgebliebenen Lieben entfernt. Und so schön es hier auch ist, ganz lässt die alte Heimat und vor allem ihre Menschen die wenigsten Expats los. Besonders heftig können die Gefühle vor allem im ersten Jahr hier sein.

Doch was tun? Ignorieren? Einmal jährlich zurückfliegen? Beides sind keine dauerhaften Lösungen. Ziel sollte es sein, diese „Lücke“ zwischen beiden Ländern dauerhaft so zu kontrollieren, dass Heimweh gar nicht erst aufkommen kann. Und dazu stehen definitiv einige Tricks zur Verfügung. Vielleicht können von ihnen sogar noch einige „alte Hasen“ unter den Lesern profitieren.

1. Den Kontakt minimieren

Als ersten Punkt gleich eine kleine Kontroverse: Natürlich birgt die heutige Zeit mit ihren digitalen Helfern zahllose Ansatzpunkte, um mit den Daheimgebliebenen zu kommunizieren – in Bild und Ton, dank WLAN und Flatrate ohne weitere Kosten, sooft einem nur der Sinn danach steht.

Doch genau das ist das Problem: Sowohl viele neue Expats wie Routiniers, die aber erst später Skype und Co. für sich entdeckten, nutzen vor allem die Videotelefonie viel zu exzessiv. Oberflächlich mag es der Seele guttun, täglich und vielleicht sogar mehrere Stunden mit „seinen“ Deutschen zu kommunizieren. Unter der Oberfläche ist es jedoch kein Gegenmittel für Heimweh sondern, ganz im Gegenteil, erst ein Auslöser und Verstärker – denn Heimweh ist psychologisch zutiefst verworren und kann oft nur durch scheinbar gegenteilige Handlungen besiegt werden. So auch hier:

Jedes Mal, wenn die bekannten Gesichter auf dem Display erscheinen, die gewohnten Stimmen aus Kopfhörern und Lautsprechern perlen, wird unserem Unterbewusstsein einmal mehr bewusst, wie weit diese Menschen weg sind. Die „Nabelschnur“, die uns mit ihnen verbindet, bleibt viel zu stark. Die Folge: Jedes Telefonat reißt wieder neue Wunden auf.

Das ist nicht nur ein psychologisches Problem, sondern auch ein reales für das Leben hier: Je häufiger und länger der Kontakt mit den Daheimgebliebenen, desto geringer der Anreiz, sich mit dem Hier und Jetzt zu befassen. Das kann den Integrationsprozess nicht nur erheblich verlangsamen, sondern insgesamt hemmen. Die Lösung lautet deshalb: Auflegen. Höchstens alle zwei Wochen, besser sogar nur einmal monatlich sollte man mit Deutschland telefonieren. Das muss nicht heißen, dass der Kontakt einschläft, er sollte nur anders ablaufen.

Übrigens: Das inkludiert auch Ersatzhandlungen. Wer sich statt der Telefonie mit Alt-Daheim alternativ nur noch mit anderen deutschen Expats umgibt, macht den gleichen Fehler.

Besonders Videotelefonate sind häufige Auslöser und Verstärker von Heimweh. Sie sollten sehr wohldosiert eingesetzt werden. (stock.adobe.com © insta_photos)
Besonders Videotelefonate sind häufige Auslöser und Verstärker von Heimweh. Sie sollten sehr wohldosiert eingesetzt werden. (stock.adobe.com © insta_photos)












2. Postalische Grüße senden

Was haben alle digitalen Kommunikationswege zwischen Facebook-Messenger, E-Mail, Skype und WhatsApp gemeinsam? Sie alle funktionieren in Echtzeit und erlauben den Austausch beträchtlicher Datenmengen – etwa das gleich paketweise Versenden von Fotos.

Doch so schön das ist, es schlägt in die gleiche Kerbe wie im ersten Kapitel. Überdies macht die Menge der Medien die Sache auch noch inflationär. Dadurch wird eine Nachricht von oder an die Daheimgebliebenen von etwas Außergewöhnlichem zu etwas Beliebigem.

An diesem Punkt fungieren analoge Kommunikationsmittel als weit mehr als bloßer „Digital Detox“. Sie bringen Langsamkeit und vor allem Wertigkeit zurück in die Kommunikation. Die Reizüberflutung wird eingedämmt, es wird sich auf wenige Bilder, auf handgeschriebene Worte, auf greifbare Erinnerungen fokussiert.

Und dafür gibt es viele Optionen:

  1. Der klassische handgeschriebene Brief. Er zeigt, dass sich da jemand wirklich Zeit genommen hat, nicht nur rasch auf ein Display, eine Tastatur tippte.
  2. Fotogrußkarten. Sie dank personalisierter Fotos die bessere Alternative zur klassischen Postkarte und außerdem auch noch für viele Anlässe einzusetzen.

  3. Kleine Geschenke aus der neuen Heimat in die alte – oder auch umgekehrt. Schließlich gibt es selbst in Bangkok nicht alles zu kaufen, was in jedem deutschen Supermarkt zu finden ist.

  4. Handgemachtes versenden. Die handfeste Alternative zum Brief, jedoch mit den gleichen Vorteilen. Kaufen kann ja schließlich jeder.

  5. Regelrechte Tagebücher mit (Alltags-)Handlungen und Gedanken verschicken. Ganz nah, aber mangels Unmittelbarkeit der Kommunikation nicht zu nah.

Besonders letzteres erfüllt überdies auch noch die Funktion einer „Seelenreinigung“. Denn natürlich wird in der neuen Heimat nicht alles perfekt sein, aber vieles wahrscheinlich auch besser als in Deutschland. Beide Gefühlsarten niederzuschreiben nimmt Last von der Seele – wichtig nicht zuletzt, um das häufig bei Expats aufkommende schlechte Gewissen gegenüber Zurückgebliebenen zu hemmen.

Wichtig: Einzelne Fotos seiner Lieben in der thailändischen Wohnung sind okay. Aber wenn die Wände nur Mama, Opa und Co. zeigen, stellt sich der gleiche Effekt wie bei der dauernden Telefonie ein.

3. Kleine deutsche Rituale etablieren

Wie bereits erwähnt wäre es völlig falsch, in Thailand so deutsch zu leben wie in Deutschland. Das würde jede Integration im Keim ersticken. Wer hier lebt, sollte maximal daran arbeiten, zu einem Thai-Germanen zu werden – deutsche Wurzeln, thailändisches Ich.

Allerdings gilt auch hier, dass Integration nicht mit Assimilation gleichzusetzen ist. Anders formuliert, es wäre ebenso falsch, seine deutsch-europäischen Wurzeln gänzlich zu unterdrücken. Wichtig ist nur, eine gute Balance zu finden – eine Handvoll genuin deutscher Eigenheiten. Mit ihnen finden Expats Halt in der neuen Heimat, bleiben sich und ihrer Herkunft treu, verhindern jedoch nicht, dass die Integration voranschreitet.

Was das genau ist, dürfte für jeden anders gelagert sein – vielleicht ist es das Tragen eines Trikots vom deutschen Lieblingsverein am Spieltag, auch wenn man das Match nicht übers Netz schauen kann. Vielleicht ist es auch das Kochen eines ur-deutschen Gerichts einmal wöchentlich. Erlaubt ist wirklich, was gefällt, solange es bei einzelnen Punkten bleibt. Werden es zu viele, wird auch das Thema Heimweh wieder überpräsent.

Kein Expat kommt ohne Rituale und Neigungen aus der alten Heimat an. Einige davon sollten durchaus weiterhin gepflegt werden. Vielleicht sogar verstärkt. (stock.adobe.com © Bits and Splits)
Kein Expat kommt ohne Rituale und Neigungen aus der alten Heimat an. Einige davon sollten durchaus weiterhin gepflegt werden. Vielleicht sogar verstärkt. (stock.adobe.com © Bits and Splits)

4. Die (abendlichen) Alleinphasen kurzhalten

Leben und arbeiten als (ehemaliger) Deutscher in Thailand. Das wird zu Anfang wie noch nach Monaten und Jahren meist bedeuten, dass der Tag vollkommen ausgefüllt ist. Pendeln, Arbeit, Ausgehen. Mit etwas Glück ist ein Großteil der wachen Stunden mit so vielen Aktivitäten belegt, dass das Gehirn schlicht keine Zeit bekommt, sich tiefer mit den Daheimgebliebenen zu befassen – besonders zu Anfang ist das sehr wichtig.

Unweigerlich kommen jedoch die Tagesphasen, in denen das Gehirn zur Ruhe kommt. Meist ist das abends der Fall. Dann beginnt bei vielen das „Gedankenkarussell“: Was wohl der beste Freund gerade treibt? In Deutschland ist es ja noch Nachmittag.

Aufhalten lässt sich dieses Grübeln aus eigenem Antrieb kaum. Wenn das Gehirn keine andere Aufgabe hat, neigt es dazu, sich zu verselbstständigen. Dadurch wird die Gefahr für Heimweh regelrecht unkontrollierbar. Lösen lässt sich das Dilemma nur, indem das Hirn keine Zeit bekommt, solche Gedanken lange zu verfolgen. Doch wie geht das, ohne überbordenden Stress zu erzeugen?

  • Möglichst nicht alleinleben. Am besten sogar mit einem Einheimischen. Es muss ja kein Partner sein, auch eine Mini-WG tut es. Der beste Weg gegen grüblerisches Alleinsein.
  • Musik hören, Fernseher schauen, im Internet surfen, Bücher lesen, Thai lernen.

  • Kleine, nicht anstrengende Tätigkeiten im Haushalt durchführen. Notfalls die Kleider im Schrank neu sortieren.

  • Unter Menschen gehen. Ganz gleich ob Club, Bar, Sportverein oder Abendschule.

Wichtig ist letztlich nur, dass vor allem abends, wenn der Tagesstress beendet ist, bis zum Einschlafen keine langen Phasen zum Grübeln vorhanden sind. Letztgenannter Punkt erfüllt auch einen wichtigen weiteren Effekt:

5. In Thailand heimisch werden

Wodurch entsteht Heimweh? Es ist letztlich die Sehnsucht nach etwas Bekanntem – langjährige Expats können es dementsprechend auch nach Thailand empfinden, wenn sie aus irgendwelchen Gründen zurück nach Deutschland müssen.

Wer das versteht, versteht auch, wie immens wichtig es ist, von Tag eins an zu versuchen, möglichst schnell in Südostasien heimisch zu werden. Sprache, Menschen, Speisen, Gebräuche. Das alles gehört dazu und sollte aktiv probiert, selektiert und für sich angenommen werden.

Je schneller das geschieht, desto weniger Nährboden findet Heimweh – es gibt ja schließlich auch am neuen Ort nur wenig Unbekanntes. Und je aktiver daran gearbeitet wird, desto effektiver ist es.

2. Postalische Grüße senden

Was haben alle digitalen Kommunikationswege zwischen Facebook-Messenger, E-Mail, Skype und WhatsApp gemeinsam? Sie alle funktionieren in Echtzeit und erlauben den Austausch beträchtlicher Datenmengen – etwa das gleich paketweise Versenden von Fotos.

Doch so schön das ist, es schlägt in die gleiche Kerbe wie im ersten Kapitel. Überdies macht die Menge der Medien die Sache auch noch inflationär. Dadurch wird eine Nachricht von oder an die Daheimgebliebenen von etwas Außergewöhnlichem zu etwas Beliebigem.

An diesem Punkt fungieren analoge Kommunikationsmittel als weit mehr als bloßer „Digital Detox“. Sie bringen Langsamkeit und vor allem Wertigkeit zurück in die Kommunikation. Die Reizüberflutung wird eingedämmt, es wird sich auf wenige Bilder, auf handgeschriebene Worte, auf greifbare Erinnerungen fokussie
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