Vergebliches Wissen?

Sie könnten mich aus dem tiefsten Schlaf reißen, ich würde prompt antworten, denn ich weiß natürlich, wer den Film „Metropolis“ gedreht, wer den Roman „Der Zauberberg“ geschrieben oder wer das Atom entdeckt hat.

Und jetzt, im hohen Alter soll ich noch Thai lernen? Mit meinem Tod ist doch auch all mein Wissen ausgelöscht. Ich kann es nicht einmal vererben. Nein, ich werde die thailändische Sprache und Schrift nicht mehr lernen, außer den üblichen, täglich verwendeten Alltagssprüchen. Es reicht. Es reicht auch, um in Thailand gut zu überleben. Ich will mich hier gar nicht integrieren. Ich lebe hier auf einem relativ hohen Niveau, bedingt durch meine gute Rente. Alt und sorgenfrei in Thailand – wie geht man damit um? Ich schlafe viel und lange. Ich lese sehr viel. Ich bewege mich viel zu wenig und ich trinke mehr Wein als mir guttut. Außerdem schreibe ich seit vielen Jahren Kolumnen für den FARANG. Schreiben war schon im meiner frühesten Jugend meine Lieblingsbeschäftigung. Als ich 16 Jahre alt war, schrieb ich einen Roman, las ihn meinem besten Freund vor und schickte das Manuskript an einen großen Verlag. Nach einigen Wochen kam es zurück, versehen mit dem Ratschlag, ich sollte mich besser an Brecht als an die Romantiker halten. Trotzdem: „Mit großem Respekt und alles Gute für Ihre weitere schriftstellerische Arbeit.“ Ich habe mich an diesen Rat gehalten, habe politische Gedichte und Geschichten verfasst und sie an Zeitungen geschickt, die damals noch dafür offen waren. Sie wurden auch gegen ein bescheidenes Honorar veröffentlicht, aber den Zeitgeschmack habe ich nie getroffen. Verständlich, denn ich bin keiner, der dem jeweiligen Zeitgeschmack entspricht. Ich gehe meinen eigenen Weg. Nicht jeder ist bereit, diesem Weg zu folgen, denn er folgt seinem natürlichen Lebensweg. Thais gehen in den Tempel oder ins Kloster, ich gehe in mich. Ich horche auf mein Bauchgefühl und auf meine innere Stimme. Manchmal bin ich dabei enttäuscht worden, meistens aber bestätigt. Jeder muss für sich entscheiden, welchen Weg er einschlagen will. Gut, wenn es klappt, schlimm, wenn alles daneben geht. Dann ist oft die Armut vorprogrammiert oder Irrwege, die nicht selten in die Kriminalität führen. Ich bewege mich auf dem positiven Weg, obwohl ich weiß, dass meine Lebensuhr schon weit fortgeschritten ist. Na, und? Die Welt wird sich weiterdrehen. Trotzdem melde ich mich immer wieder zu Wort – solange es noch möglich ist. Und ich frage: Finden Sie es in Ordnung, dass aus Syrien eingereiste, gut ausgebildete Ärzte mit guten Sprachkenntnissen in Deutschland nicht arbeiten dürfen, obwohl wir sie, vor allem in ländlichen Gebieten, dringend brauchen? Ich könnte noch Hunderte Fragen anhängen. Aber ich bin es inzwischen leid. Die meisten Politiker haben vom Alltagsleben ihrer Wähler keine Ahnung. Sie waren und sind das Establishment. Und so soll es bleiben. Abgesehen von den Sonntagsreden wird sich nichts ändern, wenn die Menschen nicht endlich ihre eigene Macht und Stärke erkennen und dagegen vorgehen. Solche Gegenbewegungen gab es schon früher, bei uns und überall auf der Welt. Manchmal waren sie erfolgreich, zum Beispiel bei der Überwindung des SED-Staates, der uns die Wiedervereinigung bescherte. Andere Aufstände wurden mit Waffen niedergeschlagen. Wenn man zurückdenkt, wie Bismarck die kleinen Staaten zum deutschen Reich vereinigte, dann darf man – trotz einiger Skrupel – doch auch ein wenig stolz sein. Ich gehöre einer Generation an, die sich nichts vorzuwerfen hat in Bezug auf das Nazi-Regime. Trotzdem nehme ich die Verantwortung, alles dafür zu tun, dass so etwas nie wieder geschieht, als meine persönliche Aufgabe an. Zu viele Deutsche haben damals tatenlos zugesehen, wenn jüdische Nachbarn abgeholt wurden, wenn Bücher verbrannt wurden oder Synagogen in Brand gesetzt wurden. Nach dem Krieg waren sie natürlich alle Anti-Nazis. Mein Vater bekam damals – wir lebten damals ausgebombt in einer Notunterkunft - von einem Alt-Nazi eine Wohnung angeboten, weil er ihm einen sogenannten „Persil-Schein“ ausgestellt hatte, der ihn als Mitläufer bezeichnete, und für die sogenannte Entnazifizierung hilfreich war. Motto: Leben und leben lassen.

Drehen wir den Globus einmal um. Wie läuft es hier in Thailand? Auch hier versucht jeder zu überleben, oftmals in schlimmsten Verhältnissen. Ohne Strom und Wasseranschluss. Und das im Jahre 2019! Wer es hier geschafft hat, die Hoheit über einen Stempel zu erreichen, ist ein gemachter Mann. Seine Hosen haben viele Taschen, die von den Armen gefüllt werden, die auf so einen Stempel angewiesen sind. Selbst in den entferntesten Ecken des Landes leben diese Herren besser als der Mittelstand, beispielsweise in Bangkok. Wer hat sich denn damals um die arme Landbevölkerung gekümmert. Es war der korrupte Ministerpräsident Thaksin. Aber natürlich tat er das nicht aus Nächstenliebe. Er hatte die richtige Nase und wusste, wie er an die Wählerstimmen dieser Menschen kommen konnte. Er würde sie vielleicht auch heute wiederbekommen, denn die Bevölkerung im Isaan fühlt sich von den großen Städten völlig abgehängt, ebenso wie von der Politik. Ich bin neugierig, wie die Wahlen, die für den 24. März angekündigt sind, ausgehen werden. Noch ist das Land politisch getrennt. Es herrscht Ruhe im Land, scheinbare Friedhofsruhe, aber das derzeitige Militär-Regime weiß, dass es im Untergrund immer noch brodelt. Wie das durch eine Wahl zum Zusammenhalt dieses Landes beitragen könnte, ist mir noch nicht vermittelbar. Und selbst, wenn ich es wüsste, es wäre ein vergebliches Wissen, denn es würde am Ergebnis nichts ändern. Deshalb werde ich als Gast in diesem Land diese Wahlen in Ruhe abwarten und zur Kenntnis nehmen. Als Expat bleibt mir sowieso nichts anderes übrig. Im schlimmsten Fall könnte ich jederzeit zurück nach Deutschland, aber das wäre für mich der unangenehmste, der größte anzunehmende Unfall.

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Jürgen Franke 15.03.19 21:09
Danke, Herr Krüger, dass Sie uns Ihre Eindrücke
in Thailand wieder so interessant schildern. Vieles von dem ist nachvollziehbar. Insbesondere, dass Sie nun nicht mehr beabsichtigen, die Sprache zu erlernen, da dafür auch kein Grund besteht. Als Gäste dieses Landes haben wir das Ergebnis der Wahl zur Kenntnis zu nehmen und können dann lediglich abwarten, welchen Einfluss es auf unsere Lebensweise hat.
Norbert Kurt Leupi 15.03.19 16:43
Integration / Herr Ce-eff Krüger ...
hat den ""Kopf wieder auf den Nagel getroffen ""? Integration in einem fremden Land mit Kulturschock ? Wer ins Ausland geht , möchte dort meist gut ankommen ! Aber integrieren , geht das überhaupt ? Integration in einem fremden Land bedeutet für die Meisten , die Sprache lernen, die Gesetze des jeweiligen Landes zu kennen und zu befolgen, sowie , wenn man will, die unbekannten Rituale und die unzähligen Feiertage der " aufnehmenden Gesellschaft " zu respektieren oder auch dabei zu sein ! Wer das alles kann und will , der soll es mit Hand aufheben bezeugen ? (Würde mich wundern , wieviele Hände in die Höhe gingen " ???
mar rio 10.03.19 17:06
Meiner Meinung nach
ist es ein großer Irrglaube, und zeugt zudem von Arroganz, dass man sich schon allein durch eine gute Rente das Recht erworben hätte, sich nicht integrieren zu müssen. Allerdings bestätigt eine solche Einstellung die Berichte, die man oft aus europäischen Einkaufsmailen hört, dass vollverschleierte Araberinnen mit goldener Creditcard dort sehr gerne gesehen sind, während Mädchen mit Hidschab in dt. Fußgängerzonen auch schon mal als Kopftuchmädchen und sowieso als unterdrückt gelten.