Ukraine-Krise: Aktuelles Geschehen am Samstag

Foto: epa/dpa
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Selenskyj: Wollen alle Städte zurückerobern

KIEW: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj will die von Russland eingenommenen Städte zurückerobern. Das sagte er in seiner abendlichen Videoansprache am Samstag. Er verwies dabei auf Sjewjerodonezk, Donezk und Lugansk. Auch Melitopol und Mariupol seien nicht in Vergessenheit geraten. «Alle anderen Städte der Ukraine, die vorübergehend besetzt sind, werden ukrainisch sein.» Russland hatte am Abend die Einnahme von Sjewjerodonezk bekannt gegeben.

Selenskyj zufolge ist sein Land am Samstag innerhalb eines halben Tages von 45 russischen Raketen getroffen worden. «Sie sind eine weitere Bestätigung unserer Position, dass Sanktionen gegen Russland nicht ausreichen.» Sein Land benötige mehr militärische Hilfe.

Die Ukraine befinde sich in einer moralisch und emotional schwierigen Phase des Krieges. «Wir verstehen, dass wir den Staat immer noch schützen können», meinte das Staatsoberhaupt. Er wisse aber nicht, wie groß die Verluste und Anstrengungen noch sein werden, bis sich ein Sieg am Horizont abzeichne.


Mindestens drei Tote bei Angriff in westukrainischer Stadt

KIEW: Bei einem Raketenangriff auf die westukrainische Stadt Sarny sind nach Behördenangaben mindestens drei Menschen getötet worden.

Vier weitere wurden verletzt ins Krankenhaus gebracht. Es seien eine Autowaschanlage und eine Werkstatt getroffen worden, teilte der zuständige Chef der Militärverwaltung am Samstagabend der Nachrichtenagentur Unian zufolge mit. Er machte Russland dafür verantwortlich. Das ließ sich nicht überprüfen. Unter den Trümmern könnten noch weitere Opfer liegen. Von den russischen Angriffen ist seit Beginn des Krieges am 24. Februar überwiegend der Osten der Ukraine betroffen gewesen.


Nukleares Forschungszentrum in Charkiw unter Beschuss

CHARKIW: Die nukleare Forschungseinrichtung «Neutronenquelle» in der ostukrainischen Stadt Charkiw ist nach ukrainischen Angaben erneut unter Beschuss geraten. Dabei seien Gebäude und Infrastruktur wie Lüftungskanäle beschädigt worden, teilte die Nuklearaufsichtsbehörde des Landes am Samstag mit. Der Teil der Anlage, wo der Kernbrennstoff gelagert wird, wurde nicht in der Auflistung der Schäden erwähnt. Es sei keine erhöhte Strahlung festgestellt worden.

Die Ukraine machte Russland für den Angriff verantwortlich. Das ließ sich aber nicht überprüfen.

Derzeit untersuche das Personal die Schäden. Dies werde aber wegen der Gefahr neuer Angriffe erschwert, hieß es. Bei einem neuen Beschuss durch russische Truppen könne nicht ausgeschlossen werden, dass die nukleare Sicherheit beeinträchtigt werden könne, teilte die Behörde weiter mit.

Die «Neutronenquelle» ist in der Datenbank für Forschungsreaktoren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) gelistet, es handelt sich nach Angaben der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln jedoch nicht um einen klassischen Reaktor. Die Anlage ist seit Kriegsbeginn Ende Februar wiederholt unter Beschuss geraten.


Ukraine und Russland bestätigen russische Einnahme von Sjewjerodonezk

KIEW: Das ukrainische Militär hat den Rückzug aus der zuletzt umkämpften Stadt Sjewjerodonezk im Osten des Landes bestätigt. «Nach dem Rückzug von Einheiten unserer Truppen hat sich der Feind in Sjewjerodonezk festgesetzt», teilte der Generalstab am Samstagabend in Kiew mit. Dies sei auch in zwei Vororten der Fall sowie in Syrotyne, einem Dorf westlich von Metjolkine.

Das russische Verteidigungsministerium in Moskau bestätigte diese Angaben. Prorussische Kämpfer der Volksrepublik Luhansk hätten mit Unterstützung russischer Truppen die Stadt «vollständig befreit», sagte Sprecher Igor Konaschenkow der Staatsagentur Tass zufolge.

Zuvor hatte der Bürgermeister von Sjewjerodonezk am Ostufer des Siwerskyj Donez ukrainischen Medien zufolge gesagt, dass russische Truppen die Stadt besetzt hätten. Der Generalstab machte aber keine Angaben dazu, ob alle Truppen die Stadt verlassen haben.

Nach russischen Angaben wurde mit der Einnahme der Stadt «der Versuch des Feindes vereitelt, das Industriegebiet des Unternehmens Severodonetsk «Azot» in ein Zentrum des Widerstands zu verwandeln». Das Industriegelände werde derzeit von Einheiten der Luhansker Separatisten kontrolliert, sagte Konaschenkow.


Dänische Königin und Minister Habeck eröffnen neues Flüchtlingsmuseum

OKSBØL: Die dänische Königin Margrethe II. hat in Dänemark gemeinsam mit dem deutschen Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) ein neues Museum eröffnet, das sich dem Schicksal von Flüchtlingen widmet. Im Beisein weiterer prominenter Gäste weihten sie im Ort Oksbøl nahe der dänischen Westküste das Flüchtlingsmuseum namens FLUGT ein, wie die dänische Nachrichtenagentur Ritzau meldete. Das Museum solle die Geschichte des größten Flüchtlingsstroms erzählen, den Dänemark je erlebt habe, sagte Museumsdirektor Claus Kjeld Jensen demnach bei der Eröffnung.

Die Stätte entstand auf dem Gelände eines ehemaligen Flüchtlingslagers. Dort wurden etwa 35.000 der 250.000 Deutschen untergebracht, die am Ende des Zweiten Weltkriegs nach Dänemark geflohen waren. Die letzten verließen das Lager erst vier Jahre später, im Februar 1949. Der Bund sowie das Land Schleswig-Holstein haben das Projekt mitgefördert.

Das Foyer des Museums wurde aus mehr als 100 Dachsparren geformt, die dem Haus eine geschwungene Form geben. Man habe dem Museum «einen architektonischen Rahmen geschaffen, der Geschichte und Gegenwart verbindet, und dessen neuer Baukörper direkt durch seine Anbindung an die historischen Gebäude geformt wurde», sagte Bjarke Ingels, der mit seiner Firma die Architektur entworfen hat, einer Mitteilung zufolge.

Neben dem Blick in die Vergangenheit sieht sich das Haus nach eigenen Angaben auch aktuellen Entwicklungen verpflichtet. So würden auch Schicksale von Menschen gezeigt, die aus Vietnam, Chile, Bosnien, Syrien, Afghanistan und zuletzt aus der Ukraine nach Dänemark geflohen seien. Interessierte können das Museum ab dem 29. Juni besuchen.


US-Regierung lobt Deutschland vor G7-Gipfel

ELMAU: Vor Beginn des G7-Gipfels in Bayern hat die US-Regierung die Bedeutung der engen Partnerschaft mit Deutschland unterstrichen. «Deutschland ist ein starker Nato-Verbündeter», sagte der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrates im Weißen Haus, John Kirby, am Samstag vor Journalisten auf dem Flug nach München. «Präsident (Joe) Biden schätzt natürlich die enge Partnerschaft mit Deutschland.» Kirby lobte besonders die Rolle Deutschlands bei der Unterstützung der Ukraine nach dem Angriff Russlands. Dass Deutschland auch «tödliche Waffensysteme» an die Ukraine liefere, sei sehr wichtig.

Kirby spielte auf die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine durch Deutschland an, gegen die die Bundesregierung sich zunächst gesperrt hatte. Andere Waffen hatte Deutschland dagegen zur Verfügung gestellt. Biden will vor Beginn des G7-Gipfels in Schloss Elmau am Sonntag zu einem bilateralen Gespräch mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zusammenkommen. Kirby sagte, Biden und Scholz würden sich weiterhin eng abstimmen, wie sie es zum Beispiel im Fall der Ukraine getan hätten. Ein Schwerpunkt beim G7-Gipfel werde darauf liegen, den russischen Präsidenten Wladimir Putin zur Verantwortung zu ziehen. Der Gipfel werde außerdem nach Möglichkeiten suchen, die Gewinne zu minimieren, die die derzeit hohen Ölpreise Putin bescherten.

Das G7-Spitzentreffen in Bayern dauert bis Dienstag. Anschließend will Biden zum Nato-Gipfel nach Madrid weiterreisen, bevor er am Donnerstag nach Washington zurückkehrt. Für Biden ist es die erste Reise nach Deutschland seit seinem Amtsantritt Anfang 2021. Deutschland hat in der «Gruppe der Sieben» derzeit den Vorsitz. Zur G7 gehören neben Deutschland und den USA auch Kanada, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan. Im Zentrum der Gipfel wird der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und seine Folgen stehen.


G7-Gipfel beginnt mit Thema Weltwirtschaft - Scholz trifft Biden

ELMAU: Mit Beratungen über die weltwirtschaftliche Lage, den Kampf gegen den Klimawandel und Sicherheitspolitik beginnt am Sonntag (12.00 Uhr) der G7-Gipfel demokratischer Wirtschaftsmächte. Im Mittelpunkt des dreitägigen Treffens unter der Leitung von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) auf Schloss Elmau in den bayerischen Alpen werden der Ukraine-Krieg und seine Folgen stehen. Vor der ersten Arbeitssitzung trifft sich Scholz mit US-Präsident Joe Biden, der zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt Anfang 2021 Deutschland besucht.

Der G7 gehören neben Deutschland und den USA auch Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada und Japan an. Neben den Staats- und Regierungschefs dieser Länder nehmen auch EU-Ratspräsident Charles Michel und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an dem Gipfel teil. Zudem hat Scholz fünf Gastländer eingeladen: Indonesien, Indien, Südafrika, Senegal und Argentinien.

Scholz ist erstmals Gastgeber bei einem großen internationalen Gipfel. Die «Gruppe der Sieben» fällt keine bindenden Beschlüsse, trotzdem gilt sie als wichtiges Forum für die Abstimmung zwischen den mächtigsten westlichen Ländern. Der Gipfel wird am Dienstag mit einer Abschlusserklärung zu Ende gehen.


«Der Feind hat sich in Sjewjerodonezk festgesetzt»

KIEW: Das ukrainische Militär hat den Rückzug aus der zuletzt umkämpften Stadt Sjewjerodonezk im Osten des Landes bestätigt. «Nach dem Rückzug von Einheiten unserer Truppen hat sich der Feind in Sjewjerodonezk festgesetzt», teilte der Generalstab am Samstagabend in Kiew mit. Dies sei auch in zwei Vororten der Fall sowie in Syrotyne, einem Dorf westlich von Metjolkine.

Zuvor hatte der Bürgermeister von Sjewjerodonezk am Ostufer des Siwerskyj Donez ukrainischen Medien zufolge gesagt, dass russische Truppen die Stadt besetzt hätten. Der Generalstab machte aber keine Angaben dazu, ob alle Truppen die Stadt verlassen haben.


Janine Wissler: Trotz Rückschlägen führt sie die Linke weiter

ERFURT: Die letzten Monate waren für Janine Wissler «alles andere als einfach, für die Partei, auch für mich persönlich». So sagte es die 41-Jährige vor ihrer Wiederwahl als Vorsitzende der Linken beim Parteitag in Erfurt. Erst seit Februar 2021 hat die frühere Fraktionschefin im hessischen Landtag dieses Amt. Und seither ging für die Partei fast alles schief: bittere Niederlagen bei der Bundestagswahl sowie den Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, ein Sexismusskandal in der Partei, der Rücktritt ihrer Co-Vorsitzenden Susanne Hennig-Wellsow.

Trotzdem trat die Diplompolitologin aus Langen wieder an - auch wenn sie wackelte. Denn nach Belästigungsvorwürfen gegen einen Mann in ihrem Landesverband Hessen musste Wissler ihr Privatleben öffentlich machen - der Beschuldigte war früher ihr Lebensgefährte. Sie fühlt sich von ihm betrogen und weist jede Verantwortung für sein Handeln von sich. In ihrer Bewerbung lag auch ein «Jetzt erst recht».

Wissler war seit 2004 bei der WASG (Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit), die sich 2007 mit der PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) vereinigte. Seit 2021 sitzt Wissler für die Linke im Bundestag. Zuletzt warb sie für eine klare Verurteilung Russlands wegen des Ukraine-Kriegs. Die Linke sieht sie als «sozialistische Gerechtigkeitspartei». «Ich bin mit vollem Herzen Parteivorsitzende, und ich bitte euch um euer Vertrauen», sagte sie in ihrer Bewerbungsrede.


Zehntausende demonstrieren bei Pride-Parade in Polen

WARSCHAU: Zehntausende Menschen haben in Warschau für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und queeren Menschen (LGBTQ) demonstriert. Die teils in bunte Kostüme gekleideten Teilnehmer der Gleichheitsparade zogen am Samstag bei hochsommerlicher Hitze auf einer vier Kilometer langen Route durch das Zentrum der polnischen Hauptstadt. Sie forderten mehr Toleranz und Gleichberechtigung in dem EU-Land. Manche schwenkten Regenbogenfahnen, manche trugen Plakate mit den Aufschriften «Akzeptanz» und «Liebe ist Liebe». In Polen sind gleichgeschlechtliche Ehen nicht erlaubt.

In diesem Jahr findet die Veranstaltung gemeinsam mit der «Kiew Pride»-Parade statt, die wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine nicht dort abgehalten werden kann. Das in der Ukraine verhängte Kriegsrecht verbietet große Versammlungen. Polen hat nach Regierungsangaben mehr als zwei Millionen Flüchtlinge aus dem östlichen Nachbarland aufgenommen. «Das ist eine große moralische Unterstützung für uns, dass die Parade hier stattfindet», sagte Maria (42), die mit ihrer Partnerin für die Demonstration aus Kiew nach Warschau gereist war.

Polens nationalkonservative PiS-Regierung engagiert sich sehr bei der humanitären und militärischen Hilfe für die Ukraine. Sie vertritt gleichzeitig gegenüber der LGBTQ-Community eine sehr restriktive Linie. Nach ihrer Darstellung ist der Kampf für mehr Recht von Schwulen, Lesben und Transsexuellen eine Bedrohung für die Werte der katholischen Kirche. Der Warschauer Oberbürgermeister Rafal Trzaskowski von der oppositionellen Bürgerplattform (PO) unterstützte die Pride-Parade dagegen und nahm auch selbst an ihr teil.


US-Präsident Biden zu G7-Gipfel in Bayern aufgebrochen

WASHINGTON/ELMAU: US-Präsident Joe Biden ist am Samstag zum G7-Gipfel in Bayern aufgebrochen. Die Air Force One mit dem US-Präsidenten an Bord sollte am späten Abend in München landen, wie das Weiße Haus mitteilte. Von dort aus wollte Biden nach Schloss Elmau weiterfliegen, wo an diesem Sonntag der Gipfel der sieben führenden westlichen Industriestaaten beginnt. Noch vor Beginn des Gipfels will Biden zu einem bilateralen Gespräch mit Bundeskanzler Olaf Scholz zusammenkommen. Das G7-Spitzentreffen in Bayern dauert bis Dienstag. Anschließend will Biden zum Nato-Gipfel nach Madrid weiterreisen, bevor er am Donnerstag nach Washington zurückkehrt.

Deutschland hat in der «Gruppe der Sieben» derzeit den Vorsitz. Zur G7 gehören neben Deutschland und den USA auch Kanada, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan. Im Zentrum der Treffen der G7 und der Nato wird der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und seine Folgen stehen. Erst am vergangenen Donnerstag hatten die USA weitere Waffenlieferungen an die Ukraine im Umfang von 450 Millionen Dollar (etwa 428 Millionen Euro) angekündigt. Seit Beginn des Krieges vor vier Monaten hat die US-Regierung der Ukraine nach eigenen Angaben Waffen und Ausrüstung im Wert von rund 6,1 Milliarden US-Dollar (5,8 Milliarden Euro) zugesagt oder bereits geliefert.


Anmelder der G7-Demo zu Teilnehmerzahl: Verunsicherung durch Krieg

MÜNCHEN: Der Anmelder der G7-Großdemonstration, Uwe Hiksch, hat die hinter den Erwartungen zurückbleibende Teilnehmerzahl mit dem Ukraine-Krieg erklärt. «Wir haben den Eindruck, dass ganz viele Menschen durch den Krieg in der Ukraine verunsichert sind», sagte er am Samstag während der Demonstration in München. Gerade im rot-grünen Spektrum, das man normalerweise für die Demonstrationen mobilisiere, gebe es derzeit viele Menschen die sagten: «Es ist jetzt nicht die Zeit, dass man eine Gegenposition zu den Regierungschefs bezieht.»

Für die Demonstration waren laut Hiksch 20.000 Menschen angemeldet, die Polizei hatte mit mindestens dieser Zahl und bei gutem Wetter sogar noch mehr Teilnehmern gerechnet. Während des Zuges ging die Polizei am Samstag allerdings von nur 4000 Teilnehmern aus, die Veranstalter sprachen von 6000. Das sei «deutlich unter dem was wir erwartet haben», sagte Hiksch. Enttäuscht sei er aber nicht, denn es habe sich schon seit etwa eineinhalb Wochen abgezeichnet, dass die Mobilisierung nicht so dynamisch sei. «Wir haben getan, was wir konnten und ein Angebot gemacht. Die Themen, die wir ansprechen, sind genauso wichtig wie sonst - und wir werden sie weiter an die Regierungschefs herantragen.»


Boris Johnson will keine «psychologische Transformation» vollziehen

LONDON: Nach herben Wahlniederlagen und viel Kritik will der britische Premierminister Boris Johnson sich selbst treu bleiben. Er werde keine «psychologische Transformation» vollziehen, sagte Johnson am Samstag in einem BBC-Interview. Er akzeptiere Kritik, müsse aber als Regierungschef unterscheiden, welche Kritik zähle und welche nicht.

Am Freitag hatte der Generalsekretär seiner Konservativen Partei, Oliver Dowden, nach Niederlagen für die Tories bei zwei Nachwahlen seinen Hut genommen. «Jemand muss Verantwortung übernehmen. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich unter diesen Umständen nicht im Amt bleiben kann», schrieb Dowden in seinem Rücktrittsschreiben. Auch andere ranghohe Parteikollegen hatten Johnson wiederholt kritisiert und aufgefordert, sein Amt aufzugeben.

In einem Misstrauensvotum hatten sich kürzlich 148 von 359 konservativen Abgeordneten gegen Johnson als Parteichef ausgesprochen. Der 58-Jährige gilt spätestens seitdem als angezählt. In der «Partygate»-Affäre um verbotene Lockdown-Partys in der Downing Street musste Johnson ein Strafgeld zahlen und sich Führungsversagen in seinem Amtssitz bescheinigen lassen.

Der Premier betonte im BBC-Interview jedoch, es sei nun genug über seine Person geredet worden. Er wolle sich stattdessen darauf konzentrieren, die echten Herausforderungen der aktuellen Zeit - aus seiner Sicht die Lebenshaltungskostenkrise und die russische Aggression in der Ukraine - zu bekämpfen.


Klitschko: Fake-Anrufe dringend aufklären

BERLIN: Nach Fake-Anrufen eines angeblichen Vitali Klitschko in europäischen Rathäusern fordert der Kiewer Bürgermeister Aufklärung. «Das ist kriminelle Energie. Es muss dringend ermittelt werden, wer dahinter steckt», sagte Klitschko in einem Video, das «Bild» am Samstag verbreitete. Betroffen von den Anrufen war unter anderem Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD).

Klitschko sagte: «Bei mehreren Bürgermeistern in Europa hat sich ein falscher Klitschko gemeldet, der absurde Dinge von sich gegeben hat.» Klitschko betonte, offizielle Gespräch könne es nur über offizielle Kanäle in Kiew geben. Für Gespräche auf Deutsch oder Englisch brauche er auch nie einen Übersetzer, fügte er hinzu.

Giffey hatte bei einer Videoschalte am Freitag Zweifel bekommen, ob sie tatsächlich wie erwartet mit Kiews Bürgermeister verbunden war. Das Gespräch endete dann vorzeitig. Die Senatskanzlei geht von einer digitalen Manipulation aus. Der für politisch motivierte Straftaten zuständige Staatsschutz der Kriminalpolizei hat Ermittlungen aufgenommen.


Russisches Militär meldet Tötung von 80 polnischen Kämpfern

MOSKAU: Das russische Militär hat nach eigenen Angaben im Osten der Ukraine 80 polnische Kämpfer in den Reihen der ukrainischen Armee getötet. Durch einen Raketenangriff auf das Zinkwerk «Megatex» in der Stadt Kostjantyniwka seien 80 polnische «Söldner» liquidiert worden, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Samstag in Moskau. Russland bezeichnet alle auf Seiten der Ukraine kämpfenden Freiwilligen als Söldner. Konaschenkow berichtete zudem über einen Raketenangriff auf Mykolajiw im Süden der Ukraine, bei dem 300 Soldaten getötet worden seien.

Insgesamt bezifferte der Generalleutnant die ukrainischen Verluste allein durch Luft-, Raketen- und Artillerieangriffe innerhalb von 24 Stunden auf 780 «Nationalisten». Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Einzelheiten zur Bodenoffensive der russischen Truppen im Donbass nannte Konaschenkow nicht. In den vergangenen Tagen hatten die russischen Streitkräfte mehrere Ortschaften im Ballungsraum Sjewjerodonezk-Lyssytschansk eingenommen. Die erste der beiden Großstädte ist inzwischen unter russischer Kontrolle. Zudem stehen moskautreue Truppen am südlichen Stadtrand von Lyssytschansk.


Ukraine meldet viele russische Raketenangriffe

KIEW: Im Ukraine-Krieg hat Russland nach Angaben aus Kiew am Samstag mehrere ukrainische Regionen mit Raketen unter Beschuss genommen, auch aus dem Nachbarland Belarus. In den Gebieten Chmelnyzkyj, Lwiw, Mykolajiw, Schytomyr und Tschernihiw seien Einschläge registriert worden, meldete die Nachrichtenagentur Unian am Samstag. Die Region Dnipropetrowsk sei zudem mit Artillerie beschossen worden. Allein in der Umgebung von Schytomyr - einer Großstadt westlich von Kiew- schlugen nach Angaben von Bürgermeister Serhij Suchomlin 24 Raketen ein. Dabei sei ein Soldat getötet worden.

Dem ukrainischen Generalstab zufolge feuerte Russland die Raketen auf Schytomyr und Tschernihiw aus Belarus ab. Die Ex-Sowjetrepublik unter Machthaber Alexander Lukaschenko bezeichnet sich in dem seit mehr als vier Monaten dauernden Krieg eigentlich als neutral. Im Gebiet Lwiw (früher: Lemberg) war einmal mehr das Militärgelände in Jaworiw Ziel der Angriffe. Ukrainischen Angaben zufolge wurden sechs Marschflugkörper von Schiffen auf dem Schwarzen Meer abgeschossen. Vier Menschen seien verletzt worden.

Im Gebiet Chmelnytzkyj konnte die ukrainische Luftabwehr nach eigenen Angaben zwei Raketen abschießen. Deren Trümmer sollen keine Schäden angerichtet haben. Dafür meldete das Gebiet Mykolajiwka im Süden der Ukraine einen schweren Angriff. «Das Ausmaß der Schäden und mögliche Opferzahlen werden noch geprüft», sagte eine Sprecherin der Verwaltung. «Aber wir wissen, dass die Hafeninfrastruktur, Wohnviertel und Erholungsgebiete von Zivilisten angegriffen wurden.»


Ukrainer halten Nachschubweg Richtung Lyssytschansk

KIEW: Die ukrainischen Streitkräfte haben nach eigenen Angaben Angriffe auf eine wichtige Nachschubroute für die Großstadt Lyssytschansk im Osten des Landes abgewehrt. «In Richtung Bachmut haben die ukrainischen Kämpfer den Angriff feindlicher Infanterie zwischen den Ortschaften Wolodymyriwka und Pokrowske gestoppt», teilte der ukrainische Generalstab am Samstag mit. Von Bachmut aus führt eine wichtige Versorgungsstraße an den genannten Ortschaften vorbei nach Lyssytschansk.

Die Stadt selbst, die nach dem weitgehenden Rückzug der Ukrainer aus dem benachbarten Sjewjerodonezk zum nächsten strategischen Angriffsziel der Russen geworden ist, steht weiter schwer unter Beschuss. Sowohl Artillerie als auch die russische Luftwaffe hätten Lyssytschansk unter Feuer genommen. Zudem hätten russische Truppen «versucht, die Stadt von Süden her zu blockieren», berichtete der Generalstab. Das russische Militär hatte zuvor mitgeteilt, dass Lyssytschansk von Süden aus blockiert worden sei.

Angriffe hat es demnach auch auf den Ballungsraum Slowjansk - Kramatorsk - Kostjantyniwka gegeben. Sowohl von Norden als auch von Süden her seien die russischen Sturmversuche aber zurückgeschlagen worden, heißt es im Lagebericht.

Im Süden des Landes hätten die Russen zudem erfolglos versucht, zuvor verloren gegangene Positionen im Gebiet Cherson mit einem Gegenangriff zurückzuerobern. In der Schwarzmeerregion, die bereits in den ersten Kriegstagen von Russland besetzt wurde, haben die Ukrainer zuletzt eine begrenzte Offensive gestartet und einige Ortschaften zurückerobert. Von strategischer Bedeutung sind diese Gebietsgewinne bislang allerdings nicht.


Präsidentengattin Selenska wirft Russland Sexualverbrechen vor

BERLIN: Die Frau des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hat die russischen Truppen in ihrem Land mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verglichen und ihnen Sexualverbrechen vorgeworfen. Olena Selenska verwies in der «Welt am Sonntag» auf die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad, die vom IS versklavt worden war und sagte: «Es ist furchtbar, das auszusprechen, aber viele ukrainische Frauen erleben unter der Besatzung dasselbe.» Selenska fügte hinzu: «Weil die russischen Besatzer nicht besser als IS-Terroristen sind.» Ukrainische Frauen erlebten den Horror gerade jetzt.

Murad hat Verbrechen der Terrororganisation Islamischer Staat an Jesiden im Irak überlebt. Sie ist seit 2016 UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel. 2018 erhielt sie gemeinsam mit dem kongolesischen Arzt und Menschenrechtsaktivisten Denis Mukwege den Nobelpreis.

Olena Selenska bedankte sich dafür, dass die Bundesrepublik zahlreichen ihrer Landsleute Asyl gewährt. «Ich bin Deutschland und dem deutschen Volk für die Aufnahme unserer Flüchtlinge sehr dankbar - hier empfinde ich nur Dankbarkeit, Dankbarkeit von ganzem Herzen», sagte Selenska. Als First Lady sei sie nicht für Rüstungsfragen zuständig. «Wenn aber jemand der Ukraine auch an der Front - und nicht nur bei den humanitären Fragen - helfen kann, dann ist das natürlich Deutschland.»

Sie appellierte an ihre geflüchteten Landsleute, in das Land zurückzukehren, wenn es wieder sicher werde, um beim Wiederaufbau zu helfen. «Ukrainer und Ukrainerinnen, die weltweit eine Zuflucht suchen mussten, sollen wissen: Man wartet auf sie in der Ukraine, ihr Land braucht sie.» Bereits jetzt seien mehr als 1600 Schulen, 600 Krankenhäuser und zahllose Wohnungen ruiniert worden. «Aber wir beginnen schon jetzt mit dem Wiederaufbau, damit zumindest ein Teil der Krankenhäuser und Schulen bis zum Herbst wieder verwendbar sind.»


Diskussion um Zukunft von DB Schenker hält an

BERLIN: Aus Sicht der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG verbieten sich Überlegungen zu einem möglichen Verkauf der Bahntochter Schenker vor einem Ende des Kriegs in der Ukraine. «Tafelsilber kann man nur einmal verkaufen - deshalb muss der Eigentümer hier sehr sorgfältig abwägen und die Folgen eines möglichen Verkaufs von Schenker sehr genau überlegen», sagte der stellvertretende EVG-Vorsitzende Martin Burkert der Deutschen Pressse-Agentur. «So lange der Krieg in der Ukraine dauert, darf ein Verkauf aus Sicht der EVG überhaupt kein Thema sein.»

Neben der Deutschen Bahn selbst habe auch Schenker auf dem Straßenweg große Hilfslieferungen in die Ukraine transportiert, argumentierte Burkert. Das heute zur Deutschen Bahn gehörende Logistikunternehmen wird 150 Jahre alt. Der Schweizer Gottfried Schenker gründete seine Firma am 1. Juli 1872 in Wien. In der Ampelkoalition hat es zuletzt mehrfach Überlegungen gegeben, ob ein Verkauf sinnvoll sein könnte.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Thorsten Herbst, sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Ich glaube, dass sich die Deutsche Bahn auf den Schienenverkehr konzentrieren sollte.» Er halte es für sinnvoll, dass Schenker veräußert werde.

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Martin Pohl 26.06.22 16:00
@Strauss
Sonn-Tag = Stratego-Tag
Viel Spaß noch beim Spielen.
Wer sitzt Ihnen denn gegenüber? Putin?
Strauss 26.06.22 15:50
alle Städte zurück erobern...
Das ist das Ziel der restlichen Welt. Kann die Ukraine aber gar nicht alleine. Will die Nato ihre Waffen behalten, um dann vielleicht mal das Fürstentum Liechtenstein anzugreifen? It s now or never.