Nach Fall von Mariupol neue Offensive befürchtet

Das Stahlwerk von Azovstal in Mariupol. Foto: epa/Alessandro Guerradas Stahlwerk Von Azovstal In Mariupol. |||foto: epa/alessandro Guerra
Das Stahlwerk von Azovstal in Mariupol. Foto: epa/Alessandro Guerradas Stahlwerk Von Azovstal In Mariupol. |||foto: epa/alessandro Guerra

KIEW/MOSKAU: Mariupol war Symbol des ukrainischen Widerstands. Was bedeutet die Eroberung durch die Russen jetzt für den Kriegsverlauf? Die Auswirkungen reichen längst über die Ukraine hinaus. Kanzler Scholz kommt nicht einmal in Afrika davon weg.

Die Ukraine fürchtet nach dem Fall der strategisch wichtigen Hafenstadt Mariupol massive neue russische Angriffe in anderen Teilen des Landes. Im Osten gab es am Sonntag schwere Gefechte. Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Lage im Gebiet Donbass als «äußerst schwierig». Zugleich forderte er vom Westen noch strengere Sanktionen gegen Moskau. Der russische Krieg gegen das Nachbarland geht an diesem Dienstag bereits in den vierten Monat - ohne dass es Aussichten auf ein baldiges Ende gibt. Das Parlament in Kiew verlängerte das Kriegsrecht bis Ende August.

Die Eroberung von Mariupol - einer Stadt mit einst fast 500.000 Einwohnern - bedeutet für Russlands Präsidenten Wladimir Putin den bislang größten Erfolg. Im dortigen Stahlwerk gaben die letzten von mehr als 2400 ukrainischen Kämpfern am Freitagabend nach vielen Wochen auf. Ihr Schicksal ist ungewiss. Die Russen versuchen nun insbesondere, die Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk im Gebiet Luhansk schnell unter Kontrolle zu bringen. In Moskau berichtete das Verteidigungsministerium von mehr als 580 Angriffen. Inzwischen sind etwa 6,5 Millionen Menschen auf der Flucht.

Ukraine verlängert Kriegsrecht bis Ende August

Mit der Verlängerung des Kriegsrechts machte die Ukraine deutlich, wie wenig Hoffnung auf Frieden besteht. Auch die Generalmobilmachung wurde bis zum 23. August verlängert - einen Tag später feiert die Ukraine ihre Unabhängigkeit. Das Kriegsrecht gibt dem Militär erweiterte Rechte und schränkt Freiheiten ein. Bislang hatte es Selenskyj in drei Etappen für jeweils 30 Tage verhängt. Vom Westen verlangte er weitere Sanktionen. US-Präsident Joe Biden setzte derweil ein bereits beschlossenes Hilfspaket für die Ukraine von fast 40 Milliarden Dollar (38 Milliarden Euro) in Kraft.

Russland liefert an Finnland kein Gas mehr

Die Auswirkungen des Konfliktes reichen zunehmend über die Ukraine hinaus. So stellte Russland am Wochenende seine Gas-Lieferungen nach Finnland ein. Der Staatskonzern Gazprom begründete dies mit der Weigerung des Nachbarlands, in russischen Rubeln zu bezahlen. Der Lieferstopp dürfte aber auch in Zusammenhang mit Finnlands Entscheidung stehen, gemeinsam mit Schweden der Nato beitreten zu wollen. Das 5,5-Millionen-Einwohner-Land ist weniger stark von russischem Gas abhängig als zum Beispiel Deutschland. Die Energieversorgung dürfte nicht wesentlich beeinträchtigt werden.

Schröder weiter in der Kritik

In Deutschland setzte sich die Diskussion um die Russland-Verbindungen von Ex-Kanzler Gerhard Schröder fort. Dabei geht es jetzt darum, ob der 78-Jährige nach seinem Rückzug aus dem Aufsichtsrat des Energiekonzerns Rosneft auch seine Jobs bei den Gazprom-Töchtern Nord Stream niederlegen muss - so wie das beispielsweise Kanzler Olaf Scholz (ebenfalls SPD) verlangt. FDP-Vize Wolfgang Kubicki mahnte in den Zeitungen der Funke-Mediengruppe, bei Schröder die «Grenze zur Demütigung» nicht zu überschreiten. Aus der SPD gibt es auch Forderungen nach einem Parteiausschluss.

Selenskyj appelliert an Moral der Truppen

Selenskyj appellierte in einer neuen Videobotschaft an die Moral der eigenen Truppen. Jeder Tag, an dem Russlands Pläne durchkreuzt würden, sei ein Beitrag auf dem Weg zum Sieg. Vermutet wird, dass russische Soldaten, die bislang in Mariupol gebunden waren, nun anderswo einsetzt werden. Nach Angaben aus Kiew versuchten die Russen erfolglos, Ortschaften rund um Sjewjerodonezk zu stürmen. Ebenso hart werde um Dörfer südlich der Trasse Lyssytschansk-Bachmut gekämpft. Vermutet wird, dass Russland die komplette Kontrolle über die Gebiete Luhansk und Donezk erlangen will, um einen Landkorridor auf die 2014 annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim abzusichern.

Schicksal der Kämpfer aus Mariupol offen

Unklar ist, was nach der Eroberung des Stahlwerks in Mariupol nun mit den gefangen genommenen Ukrainern geschieht. Nach Angaben der russischen Seite haben sich mehr als 2400 Soldaten ergeben, darunter auch 78 Frauen und einige Ausländer. Als Kriegsgefangene stehen sie eigentlich unter Schutz. Der russische Außenpolitiker Leonid Sluzki brachte auch einen Austausch gegen den prorussischen Politiker Viktor Medwedtschuk ins Spiel. Später erklärte er, die Kämpfer müssten vor Gericht gestellt werden. An diesem Montag wird in der Ukraine im ersten Kriegsverbrecherprozess gegen einen 21 Jahre alten russischen Soldaten das Urteil erwartet.

Ukraine auch Thema von Scholz-Reise nach Afrika

Kanzler Scholz verteidigte unterdessen den Kurs der Bundesregierung bei den deutschen Waffenlieferungen. «Die Grenzen in Europa dürfen nicht mit Gewalt verschoben werden», sagte er bei einem Auftritt in Hildesheim. Der Konflikt ist auch Thema seiner ersten Afrika-Reise als Regierungschef. Der Kontinent ist insbesondere von drastisch steigenden Getreidepreisen betroffen. Die Ukraine ist einer der größten Getreideproduzenten der Welt. Zum Auftakt traf Scholz am Sonntag im Senegal ein.

Manche Experten vermuten, dass Russland in Afrika und im Nahen Osten absichtlich Hungerkrisen auslösen will. Der ehemalige deutsche Botschafter in Russland, Rüdiger von Fritsch, sagte dem «Tagesspiegel» (Sonntag): «Putins Kalkül besteht darin, dass nach dem Zusammenbruch der Getreidelieferungen die hungernden Menschen aus diesen Regionen fliehen werden und versuchen, nach Europa zu kommen.» Nach westlichen Angaben blockiert Russland in der Ukraine die Ausfuhr von 20 Millionen Tonnen Getreide. Auch Silos wurden bombardiert.

Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als vollfarbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.
Pflichtfelder

Es sind keine Kommentare zum Artikel vorhanden, bitte schreiben Sie doch den ersten Kommentar.