Typisch Thai I

Was unter Sanuk am Strand zu verstehen ist - da geht die Auffassung von Thais und Farangs sicherlich weit useinander. Allein schon deshalb, weil die meisten Einheimischen sich grösseren Spass prinzipiell nur in der Gruppe vorstellen können.
Was unter Sanuk am Strand zu verstehen ist - da geht die Auffassung von Thais und Farangs sicherlich weit useinander. Allein schon deshalb, weil die meisten Einheimischen sich grösseren Spass prinzipiell nur in der Gruppe vorstellen können.

Teil 1Im SPIEGEL wurden die Ergebnisse einer weitgefassten Befragung veröffentlicht. Damit sollte ermittelt werden was "typisch deutsch” ist. Man konnte erfahren, dass der typische Deutsche zweimal in der Woche Sex hat und im Jahr 67,6 Kilo Kartoffeln isst. Das zu wissen, mag ganz interessant sein, hat jedoch - zumindest für mich - nicht den geringsten Nutzen.

Anders sieht es bei der Frage aus: Was ist typisch Thai? Natürlich kann man genau so wenig alle Thais über einen Kamm scheren bzw. unter einem Label einordnen, wie alle Deutschen. Für den Farang, der hier längere Zeit zu verweilen gedenkt und etwas mehr Interesse an diesem Land hat als die warme Witterung und die vielen Naturschönheiten zu geniessen (von den Traumstränden bis zu denen, die an den Bars von Pattaya zu besichtigen sind), mag es jedoch ganz nützlich sein, sich von vornherein über typische Thai-Eigenarten klar zu sein und sich darauf einzustellen. Thais ticken nun einmal anders als Farang, und man muss ja nicht jede negative Erfahrung selber machen, sondern kann auch von Erfahrungen anderer Leute profitieren. Man wird sich eventuell einige seelische und finanzielle Verluste ersparen können, wenn man sich darüber informiert, was typisch thailändisch ist, und worauf man sich beim Umgang mit Thais einstellen muss.

Hier deswegen einmal der Versuch, einige Eigenschaften herauszustellen, die ein Farang beim Zusammenleben mit Thais in Rechnung stellen muss:

Die typischste Eigenart der Thais ist ihr Bestreben, in jeder Lebenslage "sanuk” zu haben. Sanuk bedeutet Spass, Freude. Alles, was man tun muss, oder was einem begegnet, wird danach beurteilt, ob es "sanuk” bringt. Manchmal muss man Dinge tun, die nicht "sanuk” sind, wie zum Beispiel arbeiten. Dann wird man aber bemüht sein, das Unvermeidliche mit etwas "sanuk” zu würzen. Thais haben eine uns Farang abgehende Fähigkeit, auch aus kleinen Dingen Freude zu gewinnen und jede Gelegenheit zu einem Fest zu nutzen, um so den trüben Alltag zu vergessen.

Sanuk, Sanuk, Sanuk

Sie wollen aus ihren für unsere Begriffe mühseligen Lebensumständen soviel "sanuk" wie möglich herauszuholen. Alle Erfahrungen werden in "sanuk” und "mai sanuk” (kein Spass) eingeteilt. Gut essen, mit Freunden zusammensitzen, einen Film sehen, und natürlich feiern, das ist "sanuk”. Arbeit dagegen ist "mai sanuk”, vor allem wenn sie eintönig ist und nicht mit Freunden zusammen durchgeführt wird, so dass auch Gelegenheit zu einem Schwätzchen oder Spässchen ist. Auch bei der Arbeit versucht man deshalb, möglichst in Gruppen zu arbeiten und soviel Spass wie möglich zu haben. Anders als bei uns, wo Lachen, Scherzen und Geschwätz bei der Arbeit als unproduktiv angesehen werden, ist dies in Thailand eine Notwendigkeit.

Ein weiteres typisches Merkmal der Thais ist, dass sie ständig an das Essen denken. Die Thai können den ganzen lieben Tag vom Essen reden. Ist man mit der ersten Mahlzeit fertig, fragt man sich schon wieder, was kochen wir als nächstes. Und statt des höflichen Grusses "sawadee kap” hört man viel häufiger die Frage "gin khao laeo” (hast du schon gegessen). Man ist als Farang erstaunt über die Unzahl kleiner Garküchen, die es selbst auf den entlegenen Dörfern gibt. Man hat manchmal den Eindruck, dass die eine Hälfte der Thais damit beschäftigt ist, die andere Hälfte zu bekochen.

Schlafbedürfnis

Eine weitere typische Thai-Eigenschaft ist ihr Schlafbedürfnis. Thais können in jeder Situation und Körperlage schlafen, liegend, stehend oder sitzend mit dem Kopf auf dem Tisch. Man wird an den Strassenverkaufsständen nicht selten Verkäufer sehen, die, den Kopf auf ihr Warenangebot gebettet, die Zeit, bis sich ein interessierter Käufer meldet, zu einem Nickerchen nutzen. Aber auch auf voll beladenen Lkws lässt sich gut schlafen, wie man immer wieder beobachten kann, wenn man auf Thailands Strassen unterwegs ist. Lärm und Hitze spielen keine Rolle und können niemand bei seinem Nickerchen stören. Bei einer Fahrt im Langstreckenbus ist man von lauter nickenden Köpfen umgeben.

Typisch für Thais ist sicherlich auch die Wettleidenschaft. Um der fatalen Sucht vieler Menschen in diesem Land einen Riegel vorzuschieben, sind in Thailand Wetten und Glücksspiele gesetzlich verboten. Um ein kleines Ventil für die Spielleidenschaften zu schaffen, gibt es in Thailand eine staatliche Lotterie. Losverkäufer, die überall in den Städten in ganzen Rudeln ihre Lose anbieten, verkaufen etwa 35 Millionen Lose für die alle 15 Tage stattfindende Ziehung. Um auch das Potential der kleinen Spieleinsätze abzuschöpfen, gibt es überall im Land schwarze Lotterien, bei denen man auf die letzten zwei Nummern der nächsten Ziehung wettet. Am Tag der öffentlichen Ziehung gibt es den ganzen Tag bis um 16 Uhr, wenn die Ziehung vom Fernsehen in voller Länge übertragen wird, nur ein Thema. Welche Zahlen kommen wohl raus? Welche Zahlen hast du gekauft? Von welchen Zahlen hast du geträumt? Und nach 16 Uhr, wenn die Zahlen raus sind, ärgert man sich, warum man nicht auf diese Zahlen gesetzt und deshalb nicht gewonnen hat.

Familiensinn

 Wer hätte gedacht, dass auch Essen als Sanuk gilt.....? Schliesslich sind die Thais passionierte Schlemmermäuler und die ständigen Mahlzeiten die Höhepunkte eines jeglichen Tages
Wer hätte gedacht, dass auch Essen als Sanuk gilt.....? Schliesslich sind die Thais passionierte Schlemmermäuler und die ständigen Mahlzeiten die Höhepunkte eines jeglichen Tages

Thais haben auch einen ausgeprägten Familiensinn. Die meisten Familien auf dem Lande leben in einfachen Holzhäusern, die nur aus einem Raum bestehen und die die aus mehreren Generationen bestehende Grossfamilie unter einem Dach vereint. Der einzige Raum dient als Aufenthaltsraum, als Schlafzimmer oder als Küche, oft alles zur gleichen Zeit. In der Regel leben nicht nur Eltern und Kinder, sondern auch die zu versorgenden Grosseltern der Frau, also oft drei Generationen in demselben Heim. Der Familienverband bietet jedem Sicherheit und Geborgenheit und ist die Grundlage der Gesellschaft. Die jüngeren Mitglieder werden angehalten, die ältere Generation zu achten und zu unterstützen. Den Kindern wird schon in der Schule der Respekt vor den Älteren gelehrt. Ebenso wie die Eltern geniessen auch Lehrer, religiöse und politische Oberhäupter, oft auch Vorgesetzte in Betrieben, unbestrittene Autorität. Der Farang, der eine Thai-Frau heiratet und nach Deutschland holt, muss sich darüber klar sein, was es für die Frau bedeutet, plötzlich diese Geborgenheit in einer Familie zu verlieren. Er wird sich entsprechend bemühen müssen, ihr nicht nur sexuell und auch finanziell etwas zu bieten, sondern auch einen Ersatz für die Geborgenheit in der Grossfamilie zu verschaffen.

Thais tun sich schwer damit, alternative Lösungen für ein Problem zu suchen oder gar Ratschläge von einem Farang anzunehmen, selbst wenn es der eigene Ehemann ist. Der Grund, weil sie etwas auf eine bestimmte Weise tun, ist, dass man ihnen es so beigebracht hat, im Elternhaus oder in der Schule. Sie sind deshalb der Meinung, dass dies der beste Weg ist. Sie weigern sich, etwas auf eine andere Weise zu tun, selbst wenn der Farang versucht, sie mit logischen Gründen zu überzeugen. Auch wenn der Farang darüber manchmal frustriert ist, es ist kaum möglich, einem Thai beizubringen, dass es bessere und effektivere Wege gibt, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Dem Farang, der versucht, einem Thai begreiflich zu machen, dass etwas anderes besser geht, wie er es gewohnt ist, wird man anlächeln und zunicken, aber ändern wird man nichts. Wozu auch, es funktioniert doch! In Thailand ist eben zwei und zwei manchmal drei, und es hat für den Farang wenig Sinn, sich darüber aufzuregen, denn es ist nun mal so.

Thais sind sehr pragmatisch. Sie halten nicht viel von Planung und Vorausschau, sondern verlassen sich darauf, dass man, wenn ein Problem auftaucht, auch irgendwie damit fertig wird. Was passiert, muss passieren, man kann nichts dagegen tun. Warum soll man sich dann darüber aufregen? Es ist Schicksal, Karma, wahrscheinlich liegen die Ursachen dafür in einem früheren Leben. Das ist nicht mehr zu korrigieren, man kann nur versuchen, in diesem Leben alles richtig zu machen und durch reichliches "tam boon” dafür zu sorgen, dass im nächsten Leben alles besser wird. Jeder der Land und Leute etwas kennt, kann mit Beispielen aus seiner Umgebung hierfür aufwarten. Die Art und Weise. Probleme anzugehen, mag uns manchmal unlogisch oder gar unsinnig erscheinen. Aber wer länger im Lande lebt, und vor allem wer mit Thais zusammenarbeitet, für den ist das eine täglich zu konstatierende Thaieigenart.

No ProblemThais haben nicht nur eine Abneigung davor, möglich auftretende Probleme vorauszusehen und zu überlegen, was geschehen soll, wenn etwas nicht so läuft wie geplant. Sie haben auch eine Scheu davor, über unangenehme Dinge oder Entwicklungen zu sprechen. Wenn ich z.B. mal die Sprache darauf bringen will, was bei meinem Tode zu beachten wäre oder auch nur was zu tun wäre, wenn unsere Zuckerrohrfeldern schon vor der Erntezeit abbrennen würden, höre ich immer nur "yah puht” (sprich nicht davon). Ich weiss nicht, ob dieser Unwille, über unangenehme Dinge zu sprechen, auf den Aberglauben zurückzuführen ist, durch das Aussprechen solch trauriger Dinge erst das Unglück herbeizureden. Oder nur auf das Bemühen, unangenehmen Gedanken auszuweichen, nach dem Motto: Wenn ich die Augen zumache, geht das Böse weg. Wahrscheinlich ist beides der Fall. Geist und Körper sind in Asien nicht so streng getrennt, wie bei uns im alten Westen. Genauso, wie wohl jeder körperliche Pein zu vermeiden sucht, versuchen Thais auch "geistige” Pein zu vermeiden.

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gruffert4(In der kommenden Ausgabe 13 erzählt Günther Ruffert wie Thais mit dem Geld, Geistern und der Wahrheit umgehen.)• • •

Autor der Bücher:Geschichten aus Thailand: Erschienen im Heller Verlag Taufkirchen (D)

Farang in Thailand: Erschienen im Heller Verlag Taufkirchen (D)

Ein Fenster zum Isaan: Erschienen in FARANG-Edition, Chonburi (TH)Neues von Günther RuffertIch lebe seit über 20 Jahren in Thailand, davon fast 15 Jahre in einem typischen kleinen Isaan-Dorf. Natürlich hängt der Standpunkt, den man bei der Beschreibung von Land und Leuten einnimmt, von den persönlichen Verhältnissen ab. Ich erhebe deshalb keineswegs den Anspruch, eine objektive Beschreibung der Sitten und Gebräuche in diesem Land zu Papier zu bringen.

In den Jahren hat sich vieles verändert, auch meine Meinung zu dem, was um mich herum passiert. Ich finde aber, dass gerade in den Dörfern im Isaan die meisten Veränderungen nur oberflächlich sind. Wenn man ein bisschen daran kratzt, kommt schnell das alte Thailand zum Vorschein.

Für den Farang ist es schwierig, das Denken und Handeln der Thai zu verstehen, genauso wie es für den Thai schwierig ist, das Denken und Handeln der Farang zu verstehen. Vor allem bei den Farang, die das Land noch nicht gut kennen, können meine Geschichten vielleicht zum besseren Verständnis all dessen beitragen, was ihnen in Thailand zunächst unverständlich erscheint. Und sie können helfen, Stolpersteine zu vermeiden.

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