Deutsche Industrie optimistisch

VDMA-Verbandspräsident Carl Martin Welcker. Foto: epa/Focke Strangmann
VDMA-Verbandspräsident Carl Martin Welcker. Foto: epa/Focke Strangmann

HANNOVER (dpa) - Brexit, Fachkräftemangel, zunehmender Protektionismus: An Risiken mangelt es der deutschen Industrie nicht. Dennoch schaut sie optimistisch in die Zukunft. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt.

Zum Auftakt der Hannover Messe präsentiert sich die deutsche Industrie trotz einiger Konjunkturdämpfer in Top-Form. Deutschlands exportorientierte Maschinenbauer spüren so starken Aufwind, dass sie für 2018 ihre Wachstumsprognose von 3 auf 5 Prozent nach oben revidierten. VDMA-Verbandspräsident Carl Martin Welcker begründete dies mit dynamischen Auftragseingängen, «die jetzt nach und nach zu Umsatz werden», sowie mit guten Nachfrage-Perspektiven. Verhaltener fiel die Prognose des BDI aus, der im laufenden Jahr von einem 2,25-prozentigen Wachstum ausgeht.

Zwar setzt sich der Boom auch nach Ansicht des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) fort, doch bei dem seit Jahren anhaltenden Wirtschaftsaufschwung in Deutschland verstärkten sich die Risiken. Im laufenden Jahr sei daher ein eher moderates Wachstum der realen Wirtschaftsleistung zu erwarten. «Besser als in diesem Jahr wird die Konjunktur wohl nicht mehr», meinte BDI-Präsident Dieter Kempf am Montag auf der Hannover Messe. Im neunten Jahr des Aufschwungs basiere das Wachstum vor allem auf dem Heimatmarkt Europa: Erstmals seit zehn Jahren wachse die Wirtschaft aller 28 EU-Staaten wieder.

Die deutsche Industrie wird nach BDI-Angaben vor allem durch Fachkräftemangel, den schleppenden Breitbandausbau sowie ausbleibende Anreize für private Investitionen ausgebremst. Er schlägt eine Förderung vor, bei der 10 Prozent der Personalausgaben in Forschung und Entwicklung bei der Steuerlast angerechnet werden.

Wie Kempf sprach sich auch VDMA-Chef Welcker für offene Märkte als unverzichtbar für die Branche aus. Welcker plädierte zudem für «ein neues - schlankeres - Freihandelsabkommen» zwischen der EU und den USA. Für die EU-Länder erwartet er anhaltend hohe Lieferungen - mit Ausnahme Großbritanniens. «Selbst ein Minus in zweistelliger Größenordnung schließen wir nicht aus - der Brexit wird deutliche Spuren bei den Investitionen auf der Insel hinterlassen», so Welcker.

Mit Blick auf den industriellen Mittelstand forderte der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) von der Bundesregierung einfachere Vorgaben bei der Absicherung von Exportgeschäften über die Hermes-Deckung für Kredite bis 5 Millionen Euro. Nötig seien auch klare Leitlinien für den Einsatz der Künstlichen Intelligenz (KI). Das könne nur über eine europäische Strategie geregelt werden.

Die KI ist Trendthema auf der Hannover Messe und zählt zu den Schlüsseltechnologien, die nicht nur in Produktionshallen für umfassende Veränderungen sorgen wird. Sie wird begleitet von Ängsten vor einem Kontrollverlust. Ob es dazu kommen könne, liege in den Händen der Entwickler und Anwender, meint Ralph Appel, Direktor des Vereins Deutscher Ingenieure VDI. Laut einer Studie des Bundesverbands Digitale Wirtschaft BVDW fürchten 48 Prozent der Befragten, dass der Mensch die Kontrolle beim Verhältnis Mensch-Maschine verlieren werde. 69 Prozent glauben demnach, dass durch Künstliche Intelligenz massenhaft Arbeitsplätze entfallen werden.

Der VDI sieht das ganz anders. «Wenn wir die digitale Transformation und die Möglichkeiten der KI richtig bewerten und angehen, wird daraus ein Jobmotor», meint Appel. Das Thema stecke in Deutschland aber noch in den Kinderschuhen. In einer Verbandsumfrage ist eine überwältigende Mehrheit der Mitglieder der Meinung, dass das Thema in einem breiten gesellschaftlichen Rahmen diskutiert werden muss. Neben den USA wird vor allem China als mächtiger Konkurrent gesehen.

Angesichts der neuen Kundenbedürfnisse bei der Digitalisierung richten sich Unternehmen wie Bosch und Telekom neu aus. T-Systems will zum größten deutschen Digitalanbieter aufsteigen, indem das Unternehmen das kundenspezifische Digitalgeschäft in einer neuen Einheit namens Digital Solutions bündelt. Bosch dagegen fasst seine Software und Dienstleistungen für Produktion und Logistik unter dem Namen Nexeed zusammen. Das Unternehmen steigerte 2017 den Umsatz im Bereich Industrietechnik um 7,7 Prozent auf 6,7 Milliarden Euro. Im diesjährigen Messe-Partnerland Mexiko will Bosch bis 2019 in dem Ort Celaya für rund 100 Millionen Euro ein Elektrokomponentenwerk bauen.

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