Massenhaftes Tiersterben an Halbinsel Kamtschatka - Doch warum?

Das russische Raketenboot
Das russische Raketenboot "Razliv" (Überschwemmung) mit dem russischen Verteidigungsminister Sergej Iwanow an Bord verlässt den Seehafen von Petropawlowsk-Kamtschatski. Foto: epa/Sergei Chirikov

PETROPAWLOWSK-KAMTSCHATSKI: Und wieder kämpft Russland mit den Folgen einer neuen Umweltkatastrophe. Hunderte Meerestiere sind vor der Halbinsel Kamtschatka an Land gespült worden. Was steckt dahinter?

Wo normalerweise Surfer ins Meer gleiten, ist der Strand mit toten Seesternen, Fischen, Kraken und Robben übersäht. Wohin das Auge reicht. Russland kämpft seit Tagen mit den Folgen einer neuen Umweltkatastrophe, deren Ausmaß sich nur langsam abzeichnet. Massenhaft sind Meerestiere verendet. Tierschützer berichten von einem gelblichen Schaum auf dem Wasser. Was genau im Ozean vor der Halbinsel Kamtschatka im Osten des Riesenreichs passierte, ist noch unklar. Doch die russischen Behörden versuchen wie so oft in solchen Fällen, das Ausmaß für Mensch und Umwelt herunterzuspielen.

Nicht zuletzt deshalb wird wild über die Gründe spekuliert: von Algen, die sich massenhaft vermehrt hätten, über einen Vulkan bis hin zum Test einer Hyperschallrakete. Aber auch Schiffe gelten als mögliche Verursacher. Die regionalen Behörden nahmen Wasserproben und erklärten danach, dass die Konzentration an Ölprodukten zeitweise um das Vierfache und die von Phenol um mehr als das Zweifache gestiegen sei. Umgehend ließ die russische Marine mitteilen, dass Schiffe der Pazifikflotte nicht für die Umweltschäden verantwortlich seien.

Das Problem ist: Selbst Proben von Wasser, Strand, Tieren und Mikroorganismen haben bislang keinen Aufschluss über die Hintergründe für das Tiersterben gegeben. Fest steht aber: «Taucher berichteten, dass in 10 bis 15 Metern Tiefe bis zu 95 Prozent der Tiere tot waren», sagte Gouverneur Wladimir Solodow vor wenigen Tagen zu dem Massensterben in der Bucht vor der Regionalhauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatski. «Einige große Fische, Garnelen und Krabben haben überlebt, aber es waren nicht viele.»

All das beunruhigt Umweltschützer. Die Organisation Greenpeace spricht von einer ökologischen Katastrophe. Um einen Überblick über das Ausmaß zu bekommen, ist seit dem Wochenende ein Schiff mit Wissenschaftlern an der Südseite von Kamtschatka unterwegs. Am Montag wurde auch eine Unterwasser-Drohne eingesetzt.

Die Küsten sind vor allem bei Surfern beliebt. Sie waren es, die Mitte September bemerkt haben, dass sich die Farbe des Wassers veränderte. «Das Wasser riecht nicht nach Ozean, die Robben verhalten sich unnatürlich. Sie tauchen nicht mehr ab, wenn wir in der Nähe sind», schrieb Tauchlehrer Anton Morosow bei Instagram.

Surfer klagten dann über Übelkeit und Sehverlust. Mehr als 200 Menschen sollen mit dem verschmutzten Wasser in Kontakt gekommen und danach krank geworden sein. Den Behörden zufolge haben mehr als zehn von ihnen Hilfe bei Ärzten gesucht. Die Mediziner diagnostizierten eine Verätzung der Hornhaut.

«Es gab viele Diskussionen über die Militärübungen vor etwa einem Monat an den Küsten. Ob alles glatt gelaufen ist oder nicht, wissen wir nicht», meint Morosow. «Aber es gab Explosionen, wir haben sie 100 Prozent gehört und gespürt.» Immer wieder hatte das russische Militär neuartige Raketen auf der Halbinsel getestet.

Kamtschatka liegt rund 9000 Kilometer von Deutschland entfernt - bei zehn Stunden Zeitunterschied. Zu Sowjetzeiten war die Halbinsel militärisches Sperrgebiet - zugänglich nur mit Sondererlaubnis des KGB. Die Region mit seinen viele Vulkanen, Bären und seltenen Vogelarten gehört zum Unesco-Weltnaturerbe.

Es ist nicht der erste Umweltskandal in Russland. Die Liste allein in diesem Jahr ist schon lang: Im Frühjahr liefen in der Nähe des Nordpolarmeeres in der Industrieregion Norilsk 21.000 Tonnen Öl auf dem Gelände eines Heizkraftwerkes aus. Danach gelangten aus einem anderen Kraftwerk in der Gegend 44,5 Tonnen Kraftstoff in die Umwelt. Zudem brannte in der Nähe von Norilsk eine Müllkippe mit Industrieabfällen.

Zwei Mülldeponien in der Nähe von Petropawlowsk-Kamtschatski auf Kamtschatka gerieten zunächst als Auslöser für das Tiersterben in Verdacht. Das Institut für Vulkanologie und Seismologie hat aber nach eigenen Angaben keine Hinweise gefunden. Auch ein Schießplatz der Armee komme nicht infrage, teilten die Experten am Montag mit. Dort würden weder Raketentreibstoffe noch Schmierstoffe gelagert.

Die Hauptversion der Behörden für die Verschmutzung sind mikroskopisch kleine Algen, die Giftstoffe produzieren und deshalb für den Tod Hunderter Meerestiere verantwortlich sind. Doch das Misstrauen ist groß. Nachdem der Strand von toten Tieren gereinigt war, veröffentlichten staatliche Stellen ein Video mit der Botschaft: Alles ist wieder in Ordnung. Doch schon Tage danach berichtete Greenpeace von neuen angeschwemmten toten Tieren.

Russlands Umweltminister Dmitri Kobylkin behauptete in der vergangenen Woche: «Es gibt keine Katastrophe. Niemand ist gestorben oder verletzt worden.» Die Umweltschützer von WWF sehen das völlig anders: Zu Wochenbeginn seien an noch mehr Stellen tote Meerestiere gefunden worden. Sie dringen nun darauf, dass schnell geklärt wird, warum beispielsweise toten Seeigeln Stachel ausgefallen sind. Gouverneur Solodow hat bereits um internationale Hilfe gebeten.

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