Thailand Mon Amour

Meine Lieblingskatastrophen

Das war das Gewitter meines Lebens. So gegen vier Uhr morgens krachte es wie einst bei Pompeji, das Haus vibrierte und dann prasselte und trommelte es aufs Dach wie Hammerschläge eines entfesselten Dämons. Der Strom war weg, dafür gab es ein Blitzlichtgewitter wie in Cannes bei der Premiere. Nur, wir waren keine Stars, sondern zwei Schlafmützen, die sich die Augen rieben und dachten: hoffentlich hält das Dach, hoffentlich schlägt der Blitz nicht... hoffentlich...

Aber Angst hatten wir nicht. Im Gegenteil: Ich stand auf und lief mit einer Kerze ein bisschen auf der Veranda herum. Ich wollte nicht, dass der Weltuntergang unbemerkt an mir vorüberging – man gönnt sich ja sonst nichts.

Und meine Frau? Sie schlief einfach wieder ein. Apokalypse? Hatte sie im Isaan ganz andere erlebt. Da wackelte nicht nur die Hütte, sie muss­ten froh sein, wenn sie nicht mit Mann und Maus im Flutwasser versanken. Was mich am meisten wunderte war die Dauer. Es krachte, blitzte und trommelte stundenlang so weiter. Gespenstisch.

Asiatische Gelassenheit beim Weltuntergang

Um sechs Uhr fragte ich: „Was ist mit der Schule, geht die Kleine hin?“ Schulterzu­cken. Will heißen: Wenn sie noch da ist... sonst bleibt sie halt zuhause, mal sehen. So viel asiatische Gelassenheit verwirrt mich immer noch, aber fordert mich gleichzeitig heraus. Um herauszufinden, ob sie noch da war, musste ich hinfahren, Weltuntergang hin oder her. Am Telefon meldete sich niemand.

Ich fuhr mit dem Rad, die Tochter auf dem Gepäckträger, durch die völlig überfluteten Straßen in Richtung Schule und fragte mich, ob die Welt nicht auf die Erfindung eines U-Bikes gewartet hatte, auf dem man mit einem Schnorchel durch den Monsun pflügen könnte, garantiert emissionsfrei und CO2-neutral. Wir kamen aber auch so bei der Schule an, nur: da war niemand. Es gab auch nirgends ein Schild zu sehen: „Sorry people, school closed, swim back home! Your teachers.“

Also rechts und kehrt nach Hause. Beim Bahnübergang ging genau dann die Barriere runter, als wir hinkamen. Wir warteten im strömenden Regen, die Füße im Wasser, auf den Zug. Die Arche Noah wäre mir auch recht gewesen. Aber keine von beiden traf ein. Dafür duckte sich ein großer, schwarzer Hund mit pudelnassem Fell unter dem Schlagbaum hindurch und legte sich – ausgerechnet – auf die Schienen. Ein suizidaler Hund? Vermutlich konnte er nicht schwimmen und zog es vor, einen bühnenreifen Abgang zu wählen – Zuschauer gab es ja genug, denn zu beiden Seiten des Schlagbaumes hatte sich der Verkehr gestaut.

Ein „Requiem für Bello“

Irgendwann begann einer zu hupen. Dann ein Zweiter und plötzlich war da ein regelrechtes Konzert. Ein „Requiem für Bello“, das dem Todgeweihten den Ausgang aus dem irdischen Jammertal erleichtern sollte? Nicht doch. Man wollte dem Tier nur klar machen: „Hau endlich ab. Bloß kein Blutbad zum Frühstück, wir sind schließlich sensibel du blödes Vieh!“ Plötzlich hupte es noch aus einer anderen Himmelsrichtung, weit kraftvoller und energischer: das war die Lok.

Das muss der Weckruf gewesen sein. Das Tier erhob sich scheinbar widerstrebend, schüttelte sich aufreizend lange auf den Schienen das Wasser aus dem Fell und trottete von dannen, als der Zug heranbrauste. Es hatte das perfekte Gefühl fürs Timing – das muss man diesem animalischen Selbstdarsteller lassen. Alles nur Show? Ok, aber was für eine! War das Donald Trumps Hund?

Als der Schlagbaum sich hob, wälzte sich der Verkehr tastend durch die Fluten. Jene, die gehupt hatten, wähnten sich als Lebensretter. Der Bonus für ihr Karma war gesichert.

Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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THOMAS S 06.01.19 13:57
Gelassenheit
Thai's sind nur hell wach,wenn man ihnen das Handy,Essen,TV oder den Schlaf raubt.555