«Egoistisch»: Debatten um US Open - Federer beendet Tennis-Saison

Tennisspieler Roger Federer aus der Schweiz Foto: epa/Nic Bothma
Tennisspieler Roger Federer aus der Schweiz Foto: epa/Nic Bothma

NEW YORK: Bei einer Videokonferenz zu den US Open gingen die Meinungen nach Teilnehmerangaben «sehr weit auseinander». Der amerikanische Tennisverband will das Grand-Slam-Event in New York unbedingt durchführen. Roger Federer wird definitiv nicht dabei sein.

Eines der wichtigsten Tennisturniere noch in diesem Sommer? Im von der Coronavirus-Pandemie ganz besonders betroffenen New York? Möglicherweise ohne die eher unwilligen oder bereits verletzt abwinkenden Top-Stars der Branche? Rafael Nadal und Novak Djokovic stehen den Plänen äußerst kritisch gegenüber, Roger Federer hatte bereits am Mittwoch nach einem erneuten Eingriff an seinem bereits im Februar erstmals operierten rechten Knie sein Saison-Aus verkündet. Was vor wenigen Wochen in der weltweiten Corona-Krise noch absolut undenkbar erschien, soll nach dem Willen des finanziell angeschlagenen US-Verbandes nun doch noch umgesetzt werden.

Die USTA wolle «unbedingt spielen», sagte ein Teilnehmer der Videokonferenz mit mehr als 400 Tennisprofis, -trainern und -betreuern am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Tags zuvor hatte der amerikanische Verband über den aktuellen Stand der Dinge in der Debatte um das vom 31. August bis 13. September in New York geplante Grand-Slam-Turnier informiert. Die Entscheidung über die Ausrichtung fällt laut übereinstimmenden Medienberichten am kommenden Montag. Die Mehrzahl der Spieler sei «eher kritisch» gewesen, «aber die Meinungen gingen sehr weit auseinander», hieß es von Teilnehmern.

Der Australier Nick Kyrgios twitterte: «Die ATP versucht, die US Open stattfinden zu lassen. Egoistisch bei all dem, was gerade passiert. Natürlich Covid, aber auch die Proteste - meiner Meinung nach müssen wir diese Herausforderungen überstehen, bevor Tennis zurückkehrt.»

Die weltweite Tennis-Tour ist derzeit bis zum 31. Juli ausgesetzt, Wimbledon wurde für dieses Jahr bereits ersatzlos gestrichen, die Organisatoren der French Open hatten ihr Grand-Slam-Sandplatz-Event eigenmächtig von Ende Mai auf September verlegt. Für die US Open gibt es nun nach Informationen der französischen Zeitung «L'Équipe» drei Szenarien: Beim ersten soll auch das Masters-Event von Cincinnati in New York ausgetragen werden - quasi als Probelauf für die US Open. Das Grand-Slam-Turnier würde dann ohne Qualifikation und mit einem kleineren Teilnehmerfeld im Doppel ausgetragen.

Beim zweiten wird Cincinnati gestrichen und die Doppel-Konkurrenz der US Open ausgeweitet. Das dritte Szenario sieht eine ersatzlose Absage von Cincinnati und den US Open für dieses Jahr vor.

Sollte gespielt werden, wären die Bedingungen außergewöhnlich: Die Spielerinnen und Spieler würden für vier Wochen in dem modernen TWA-Hotel direkt am Flughafen untergebracht sein und keinen Zugang nach Manhattan haben, wo die meisten normalerweise während des Turniers wohnen. Zudem soll jeder Profi nur einen Trainer oder Betreuer mit auf die Anlage nehmen dürfen. Zuschauer wären im Flushing Meadows Corona Park, der mit dem Arthur-Ashe-Stadium über das größte Tennisstadion der Welt verfügt, nicht zugelassen.

Wie auch immer die Entscheidung ausfallen wird: Federer hat bereits Gewissheit. Die Schweizer Tennis-Legende wird in diesem Jahr nicht mehr auf die Tour zurückkehren. Ein erneuter Eingriff am Knie zwingt den 38-Jährigen zu einer längeren Zwangspause. Er wolle sich nun «die notwendige Zeit nehmen, um 100 Prozent bereit zu sein, um auf meinem höchsten Level zu spielen», verkündete der Rekord-Grand-Slam-Turniersieger am Mittwoch in den sozialen Medien.

Der US-Verband scheint vor allem aus finanziellen Gründen gewillt, die zweiwöchige Veranstaltung durchzuziehen. Zu Beginn der Woche hatte die USTA die Entlassung von mehr als 100 Mitarbeitern verkündet. Das zeigt, wie groß der finanzielle Druck auf die Macher ist.

Federers Rivalen Djokovic und Nadal hatten zuletzt Kritik an den geplanten strengen Hygieneregeln geübt. Djokovic deutete nun in serbischen Medien an, dass er auf die US Open verzichten wolle, um sich auf die für Ende September geplanten French Open vorzubereiten. Auch Nadal wird sich reiflich überlegen, ob er in diesen unsicheren Zeiten nach New York fliegt oder sich nicht auch lieber in Europa auf den Sandplatz-Klassiker in Paris einstimmt, den er bereits elf Mal gewonnen hat und der stets der Höhepunkt seiner Saison ist.

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