Temporäre Stilllegung zugunsten sozialer Distanz

In Corona-Zeiten präsentiert sich Pattaya von seiner dunklen Seite

Motorradtaxifahrer spüren die Auswirkungen der Coronakrise in jeder Hinsicht: Von der Armut der Bevölkerung über die nächtliche Ausgangssperre bis hin zur Schließung der Landesgrenzen. Fotos: Jahner
Motorradtaxifahrer spüren die Auswirkungen der Coronakrise in jeder Hinsicht: Von der Armut der Bevölkerung über die nächtliche Ausgangssperre bis hin zur Schließung der Landesgrenzen. Fotos: Jahner

PATTAYA: Ob Beach Road, Soi LK Metro, Soi Made in Thailand oder Walking Street: In Pattayas einschlägig bekannten Hotspots des Nachtlebens, wo eigentlich immer was los ist und die Puppen tanzen, herrscht auch im dritten Monat seit dem Inkrafttreten des Entertainment-Verbots gespenstische Ruhe. Im Rahmen der Notstandsgesetzgebung unterliegen fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens strikten Beschränkungen, die auf eine deutliche Erhöhung der sozialen Distanz zwischen den Menschen abzielen. Durch die temporäre Schließung von Bars, Restaurants, Hotels, Einkaufszentren und vielen weiteren touristischen Einrichtungen hat sich Thailands bekanntestes Touristenziel in eine verlassene Geisterstadt verwandelt. Impressionen von einem Abendspaziergang durch die City Ende April:

Menschenleer und verwaist: Pattaya Second Road.
Menschenleer und verwaist: Pattaya Second Road.

Pattaya an einem Freitagabend um 18 Uhr im April 2020: Am „Loma“-Kreisel, das berühmt-berüchtigte Nadelöhr von Nord-Pattaya, wo die Naklua Road, North Pattaya Road, Second Road und Beach Road aufeinandertreffen, herrscht absoluter Stillstand. Doch nicht etwa auf den Straßen, wo sich um diese Uhrzeit normalerweise die Blechlawine kilometerlang in jede Richtung stauen würde, sondern im gesamten Geschehen rund um den Kreisverkehr mit der unverwechselbaren Delfinstatue in der Mitte, die dem Standort seinen Namen beschert hat. Im ansonsten stets grandios in Szene gesetzten Mega-Einkaufszentrum Terminal 21 und im benachbartem Luxushotel Grande Centre Point Pattaya brennt kein einziges Licht, auf den Straßen gähnende Leere – kein Fahrzeug weit und breit, noch nicht einmal eines der unzähligen Pick-up-Taxis, nähert sich dem Verkehrsknotenpunkt. Lediglich ein betagter Jogger mit europäischem Aussehen läuft auf der Straße am Loma vorbei und bringt etwas Bewegung in das Stillleben.

Freie fahrt auf dunklen Straßen

Freie Fahrt am Delfin-Kreisel: Ein Schnappschuss, der die Folgen der Krise für Pattaya bildhaft auf den Punkt bringt.
Freie Fahrt am Delfin-Kreisel: Ein Schnappschuss, der die Folgen der Krise für Pattaya bildhaft auf den Punkt bringt.

Läuft man in Richtung Beach Road hinunter zum Strand, fällt einem erst jetzt auf, wie dunkel es ohne das Scheinwerferlicht der ansons­ten im Sekundentakt vorbeidüsenden Autos auf dem Straßenabschnitt zwischen dem Delfin-Kreisel und dem Torbogen mit dem Konterfrei Seiner Majestät ist, der jedoch durch behagliches gelbes Laternenlicht erhellt wird.

Die ungewohnt ruhige Atmosphäre setzt sich auch auf der Beach Road fort, wo lediglich vereinzelte Farangs auf Fahrrädern und Jogger den Weg kreuzen. Jedoch nicht auf der großzügig angelegten Strandpromenade, sondern auf dem engen Bürgersteig auf der gegenüberliegenden Straßenseite oder – mangels Verkehr – auch direkt auf der Beach Road. Mit der Festnahme von 11 Ausländern und 12 Thais Ende April, die trotz Verbot die Promenade und den Strand betraten und damit gegen die Notstandsgesetzgebung verstoßen hatten, statuierte Pattayas Polizei ein wirkungsvolles Exempel: Sowohl Einheimische als auch Ausländer halten sich seit dem Einsatz an das Verbot jeglicher Aktivitäten am Strand und auf der Promenade.

Nachtschicht in der Einsamkeit

Ein Bild, das bei Pattaya-Fans dicke Tränen kullern lässt. Der verwaiste Eingang zur stockdunklen Walking Street.
Ein Bild, das bei Pattaya-Fans dicke Tränen kullern lässt. Der verwaiste Eingang zur stockdunklen Walking Street.

Läuft man weiter in Richtung Pattaya Klang, stößt man nur selten auf eine Menschenseele, abgesehen von den Wachmännern der anliegenden Hotels, die in der Einsamkeit ihre Schicht schieben. Viel zu tun haben sie in Corona-Zeiten nicht: Per Notstandsverordnung wurden alle Beherbergungsbetriebe der Stadt geschlossen und rechtlich eine Situation geschaffen, in der das nunmehr arbeitslose Hotelpersonal Anspruch auf staatliche Unterstützung hat.

Unterwelt im Schutze der Dunkelheit

Das Rama-X.-Monument in Pattaya Klang sorgt für goldenen Glanz in der ansonsten dunklen Umgebung.
Das Rama-X.-Monument in Pattaya Klang sorgt für goldenen Glanz in der ansonsten dunklen Umgebung.

Je mehr man sich dem südlichen Ende der Beach Road nähert, umso spannender gestaltet sich – nicht nur in Corona-Zeiten – der abendliche Spaziergang. Seit Jahrzehnten gilt der Abschnitt zwischen der Mike Shopping Mall und der Walking Street als „heißes Pflaster“, bzw. als berüchtigtes Revier von Bordsteinschwalben des dritten Geschlechts, Drogendealern und -konsumenten sowie Betrügern jeglicher Couleur. Und das zu Recht: Wer bei der täglichen Pattaya-Nachrichten-Lektüre auf Klassiker der Kiez-Kriminalität wie „Auffällig große Thailänderin fragt indischen Geschäftsmann nach dem Weg zur Walking Street und erleichtert ihn um 10.000 US-Dollar“ oder „Britischer Backpacker nach dem Kauf von Kokain wegen Handel mit weißem Heroin lebenslang verurteilt“ stößt, der kann sich ziemlich sicher sein, dass der Tatverlauf hier begann oder sein Ende fand! Auf keinen Fall sollte man sich hier auf ein zugeflüstertes Angebot einlassen – egal, ob es sich dabei um sexuelle Dienstleistungen oder illegales Rauschgift handelt. Anderenfalls stehen die Chancen nicht schlecht, dass sich das offerierte „Happy End“ mittels K.o.-Tropfen als Raubüberfall entpuppt oder der verlockende Drogendeal auf direktem Wege von der Straße in den Knast führt.

Walking Street lässt dicke Tränen kullern

Eine Tafel informiert über die Schließung des Strandes einschließlich Promenade und das Strafmaß bei Verstößen.
Eine Tafel informiert über die Schließung des Strandes einschließlich Promenade und das Strafmaß bei Verstößen.

Nachdem man den Sumpf der Beschaffungskriminalität hinter sich gelassen hat, folgen traurige Emotionen: Zum einen beim Passieren der vielen Obdachlosen auf der Straße, deren Zahl in der Corona-Krise alarmierend in die Höhe geschossen ist, zum anderen hinsichtlich des traurigen Zustandes der Walking Street, der selbst hartgesottenen Pattaya-Fans eine dicke Träne über die Wange kullern lässt. Personen, die bereits euphorisch zu stottern beginnen, wenn sie aus der Ferne den überdimensionalen LED-Werbemonitor am Eingang zur „goldenen Meile“ flackern sehen, müssen jetzt ganz stark sein: Der Monitor ist bereits seit drei Monaten schwarz und auch im Strip sind alle Lichter aus.

Ein bedrückendes Gefühl macht sich breit, wenn man in den Abendstunden über die leere Second Road fährt.
Ein bedrückendes Gefühl macht sich breit, wenn man in den Abendstunden über die leere Second Road fährt.

Der perfekte Zeitpunkt, um sich auf den Rückweg zu begeben, auch hinsichtlich der nahenden Ausgangssperre (22.00–04.00 Uhr). Mit dem Baht-Bus geht es über die stockdunkle Second Road zurück nach Naklua. Ein bedrückendes Gefühl, als einziger Fahrgast an Bord des Songthaew. Allein, in sozialer Distanz.

Als einziger Passagier im Baht-Bus ist „Social Distancing“ auf der Rückfahrt nach Naklua ein Kinderspiel.
Als einziger Passagier im Baht-Bus ist „Social Distancing“ auf der Rückfahrt nach Naklua ein Kinderspiel.
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Martin Reinhart Berger 10.05.20 14:48
temporäre Stilllegung
Ja, ich kennen als Expat, der hier inzwischen mehr als 16 Jahre lebt, die Beach Rd. auch ganz anders. Aber sie ist nicht wirklich tot. Das fand ich gestern bei einem Spaziergang an derselben und auch in der Soi 13/1 und 13/2. An der Soi 6 und 6/1 das gleiche Bild und auch in der dunklen Walking Street ist Leben im Verborgenen. Viel Polizei, meist im Pulk und mehr mit den Smartphones beschäftigt, als der Kontrolle. Die Damen stehen auf der Fusswegseite und in den Anfängen der Sois, recht zahlreich in Sichtweite der Polizei und alles scheint in gutem Einvernehmen abzulaufen. Bei mannigfaltigen Angeboten , fragte ich nach, wo man denn hingehen könnte? Das wäre doch kein Problem, erklärte man mir lächelnd, das Licht der Stundenhotels aussen sei zwar ausgeschaltet, aber wundersamer Weise brennt es noch im Innern. Viele, einem Langzeit"urlauber" bekannten Orte der " Sünde, sind also in Wirklichkeit aktiv. Das unter den " wachsamen" Augen der Polizei- Das konterkarriert natürlich wieder das laut vorgetragene Schutzansinnen erheblich. 1/2 Polizisten, die täglich die bekannten Örtlichkeiten 2-3 mal kontrollieren würden, würden ausreichen, da braucht es kein Massenaufgebot auf der Beachseite. Wohl nicht wirklich gewollt oder wie läuft es? Allerdings gut für die Mädels, sie müssen leben