Trump-Buch versucht Erklärung des Unerklärlichen

«Täuschung»

Foto: Random House N.y.
Foto: Random House N.y.

WASHINGTON: Die «New York Times»-Reporterin Maggie Haberman ist eine zentrale Chronistin der Trump-Arä - sie sei wie seine Psychiaterin, sagte der Republikaner einmal selbst. Ihre Erkenntnisse über den Ex-Präsidenten verarbeitet Haberman nun in einer tief gehenden Biografie.

Bevor Donald Trump 2021 das Weiße Haus verlassen musste, stopfte mindestens ein Mitarbeiter kopierte Fotos von Hunter Biden - des im Wahlkampf heftig angegriffenen Sohnes des künftigen Präsidenten - in die Öffnung einer Klimaanlage, bis diese kaputtging. Und der vielbelächelte Trump-Tweet von Mai 2017, der mit dem Wort «Covfefe» abbrach, entstand, weil der US-Präsident mitten im Twittern schlicht eingeschlafen war.

Es sind oft solche Anekdoten, die für Medienberichte über die aktuell vielen Bücher zur Amtszeit von Donald Trump herausgepickt werden. So blieb aus dem jüngst erschienenen Buch «The Divider» des «New York Times»-Journalisten Peter Baker und der «New Yorker»-Autorin Susan Glasser hängen, dass Trump sich selbst die Haare mit einer riesigen Schere schnitt, Baltikum und Balkan verwechselte, Finnland für einen Teil Russlands hielt und überrascht schien, dass Abraham Lincoln der Republikanischen Partei angehörte.

Auch in ersten Berichten über das Buch «Täuschung» von Maggie Haberman, der «New York Times»-Reporterin, die als am besten vernetzte Chronistin der Trump-Ära gilt, machte zunächst die Sache mit der Klimaanlage die Runde. Doch das wird nicht annähernd ihrer Ambition gerecht, so etwas wie eine ultimative Trump-Biografie verfasst zu haben.

Denn anders als bei vielen anderen Autoren beginnt Habermans Buch nicht mit dem Einzug Trumps ins Weiße Haus nach dem überraschenden Wahlsieg gegen Hillary Clinton im November 2016. Dazu kommt es erst auf Seite 374 (von immerhin mehr als 700). Erst begibt sich Haberman tief in die Vergangenheit, um in Trumps Kindheit und Werdegang in der New Yorker Immobilienbranche die Wurzeln seines Wesens aufzuspüren.

Ihre These ist: Dort muss man die Erklärung für Trumps Denkweise und Methoden suchen. «In den zwei Wahlkämpfen und den vier Jahren im Amt behandelte er das Land wie eine Version von New York Citys fünf Stadtbezirken.» Als er 2017 ins Amt kam, habe er sich vorgestellt, «die Präsidentschaft funktioniere wie die einst so mächtigen Parteiapparate der Demokraten in diesen Stadtbezirken, wo ein Boss alles in seinem Königreich kontrollierte».

Die Spaltung in «wir» und «die» und das geschickte Schüren von Empörung sieht Haberman dann auch als einen Grund für die Unterstützung, die der Ex-Präsident immer noch in großen Teilen der US-Gesellschaft genießt. «Ein zentraler Grundsatz in Trumps politischer Bewegung war, öffentlich akzeptable Ziele zu finden, die einer bereits vorhandenen Wut als Auffangbecken dienen konnten», schreibt sie. «Diese Wut kennzeichnete seine Unterstützer, die sich eher über gemeinsame Feinde - die Liberalen, die Medien, die Tech-Konzerne, die staatlichen Aufsichtsbehörden - an ihn gebunden fühlten, als über geteilte Werte.» Heute hält Trump die Wut seiner Anhänger weiter am Köcheln, unter anderem mit der Behauptung, sein «Wahlsieg» gegen Joe Biden sei ihm durch Betrug gestohlen worden.

Trump selbst, der Haberman während seiner Amtszeit häufig anging, sprach mit ihr drei Mal für das Buch - vor allem, um seine Sicht der Dinge zu platzieren und seine Errungenschaften zu preisen. «Ich liebe es mit ihr, sie ist wie meine Psychiaterin», habe er während einer der Unterhaltungen zu seinen Beratern gesagt. Vor seinen Anhängern am Wochenende zeigte er sich deutlich weniger begeistert: «Eine wirklich schlechte Reporterin, die glaubt, dass sie meine Biografin ist», grantelte er über Haberman während einer Kundgebung in Michigan.

Bemerkenswert ist, dass am Ende der 700 Seiten auch Haberman sich trotz jahrzehntelanger Erfahrung als Trump-Erklärerin geschlagen gibt. «Ich wurde während der vier Jahre seiner Präsidentschaft immer wieder von Leuten gebeten, ich solle dechiffrieren, warum er machte, was er machte», schreibt sie. Die Wahrheit sei aber, dass ihn letztlich fast niemand wirklich kenne. «Einige kennen ihn besser als andere, aber er ist oft schlichtweg undurchschaubar. Das erlaubt Menschen, Bedeutung und Tiefe aus jeder seiner Aktionen herauszulesen, wie hohl diese auch sein mögen.»

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Ingo Kerp 05.10.22 13:10
Das wäre dann da x-te Buch über Trump, von unzähligen zuvor. Ob es noch interessant ist? Inzwischen kennt jeder den orangen Politclown und seine Lügengeschichten, sowie seine verblendeten Anhänger. Bedarf es da noch ein weiteren Buches?