Gab Red Bull in der Formel 1 viel zu viel Geld aus?

Streit um Kosten 

Formel-1-Weltmeisterschaft, Grand Prix von Frankreich, Rennen: Christian Horner, Teamchef von Oracle Red Bull. Foto: Eric Gaillard/Pool Reuters
Formel-1-Weltmeisterschaft, Grand Prix von Frankreich, Rennen: Christian Horner, Teamchef von Oracle Red Bull. Foto: Eric Gaillard/Pool Reuters

SUZUKA: Es geht um Millionen - oder doch nicht? Mit Spannung wird in der Formel 1 ein Gutachten erwartet, das über die Ausgaben der Rennställe aufklärt. Zuvor gibt es schwere Anschuldigungen.

Die Vorwürfe gegen Red Bull haben es in sich. Hat der Rennstall von Formel-1-Weltmeister Max Verstappen in der Vorsaison mehr als sieben Millionen US-Dollar zu viel ausgegeben und sich damit einen Vorteil verschafft? «Wir sind absolut überzeugt, dass wir die Kostengrenze eingehalten haben, und stehen hinter unserer Einreichung», sagt Teamchef Christian Horner. Nachdem in der Vorwoche Anschuldigungen aufgetaucht waren, soll es nun Ergebnisse geben. Schon am Mittwoch könnte der Motorsport-Weltverband Fia ein finales Gutachten der mit großer Spannung erwarteten Kostendeckelüberprüfung veröffentlichen.

Die zehn Rennställe hatten sich in der Vorsaison dazu verpflichtet, ihr Budget auf 148,6 Millionen US-Dollar (ca. 151,8 Millionen Euro) für die ganze Saison zu begrenzen. Das sollte die Chancengleichheit erhöhen, auch wenn die Fahrergehälter nicht mitgerechnet werden. Der Plan wurde von allen gemeinsam ausgearbeitet.

Mehrere Medienberichte legten aber nahe, dass zwei Teams gegen die Regeln verstoßen haben sollen. Neben Red Bull wird auch über Sebastian Vettels Aston-Martin-Team spekuliert, allerdings in deutlich kleinerem Ausmaß. Bestätigen wollte die Fälle bislang niemand, und die Fia verwies sehr energisch darauf, dass noch gar kein Ergebnis vorläge und man sich von öffentlichen Spekulationen auch nicht beeinflussen lassen werde.

Wie kommen also die Namen von Red Bull und Aston Martin in die Öffentlichkeit? Bei Red Bull vermutet man einen Angriff der Konkurrenz dahinter. Womöglich wurde etwas zu Journalisten durchgestochen, um Unruhe im Fahrerlager zu stiften. «Es ist nicht zufällig, dass das hier passiert, wo Max seine erste WM-Chance hat. Ich würde wirklich gerne wissen, wo diese Information herkommt», sagte Horner in Singapur. Am vergangenen Wochenende hatte Verstappen dort die erste Möglichkeit, Weltmeister zu werden. Diese konnte der 25-Jährige nicht nutzen. Am Sonntag gibt es in Japan den zweiten Versuch.

Horner war in Singapur mächtig sauer. Mercedes und Ferrari forderten indirekt schon Konsequenzen, auch wenn gegenseitig keine Namen genannt wurden. «Wir wollen, dass diese Aussagen widerrufen werden. Es ist nicht akzeptabel, solche Dinge zu sagen», sagte Horner: «Es wurde eine Grenze überschritten, Bestrafungen für uns zu fordern.» Red Bull behalte sich rechtliche Schritte vor, sagte der Brite. Die Aussagen seien «diffamierend».

Die Fia steht bei Sanktionen vor mehreren Problemen. Zum einen gibt es keinen festen Strafenkatalog, zum anderen ist Fingerspitzengefühl gefragt. Der Verband dürfte keinen Präzedenzfall schaffen wollen, wonach Rennställe in Zukunft schon wissen, mit welcher (Geld-)Strafe sie zu rechnen haben, wenn sie die Kostengrenze um einen bestimmten Prozentsatz überschreiten. Summen von bis zu fünf Millionen Dollar gelten als «kleinere Regelverletzung» und könnten nur mit einer Strafzahlung geahndet werden. Bei schwereren Vergehen sind offenbar härtere Schritte bis zu einem nachträglichen Punktabzug denkbar.

Und da kommt die nächste Herausforderung: Will die Fia zulassen, dass mehr als zehn Monate nach dem Ende der Saison das Ergebnis angezweifelt wird? Vielleicht sogar Max Verstappen seinen Titel verliert oder darum bangen muss? Das wäre der Öffentlichkeit sehr schwer zu verkaufen. Eine zu lasche Strafe wiederum dürfte Nachahmer auf den Plan rufen.

Spekuliert wird, dass Red Bull mehr als sieben Millionen Dollar zu viel ausgab. «Das sind etwa 70 Ingenieure. 70 Ingenieure geben dir bei der Rundenzeit einen großen Vorteil», sagte Laurent Mekies, stellvertretender Ferrari-Teamchef. Bei Alfa Romeo entspricht die Summe dem dreifachen Wert von dem, was man während einer Saison für die Weiterentwicklung ausgibt, sagte Teamchef Frédéric Vasseur. Deswegen erwarte man von der Fia eine transparente und konsequente Aufarbeitung. «Ich weiß nicht, wie viele Millionen wir umstrukturieren mussten, um unter der Grenze zu sein. Wenn jemand das nicht getan hat oder die Grenzen ausgereizt hat, ist jede Million ein massiver Nachteil», sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. Auch, weil man in den kommenden Jahren noch profitiert.

Während kleinere Teams gar nicht an das Limit heranreichen, mussten die großen Rennställe abspecken. «Wir entwickeln nicht, was wir entwickeln könnten. Wir haben mehr als 40 Leute freigestellt, die schmerzhaft vermisst werden», sagte Wolff. McLaren-Teamchef Andreas Seidl ergänzte bei Sky: «Wir haben harte Einschnitte machen müssen. Gleichzeitig hat es zwei Teams gegeben, die fleißig weiter Leute eingestellt haben. Wir haben uns gewundert, wie es sein kann, dass diese Teams weiter mit Geld um sich schmeißen.»

Inwieweit die Teams mit Unter- und Tochterfirmen arbeiten, ist undurchsichtig. Dieser Umstand könnte einer der Gründe dafür sein, warum Red Bull davon ausgeht, alle Regeln eingehalten zu haben, in Wahrheit aber vielleicht doch mehr Geld aufwendete. Die Untersuchungs-Kommission stand vor der schwierigen Aufgabe, teils ziemlich undurchsichtige Firmen-Konstrukte entflechten zu müssen. Vielleicht gibt es auch noch mehr Schlupflöcher oder Ansätze, etwas zu verbergen. Eigentlich sollte der Bericht schon im Frühjahr veröffentlicht werden, doch der Termin musste mehrfach verschoben werden.

Klar ist bereits, dass viele Formel-1-Teams an der Budgetobergrenze festhalten wollen. «Dieser Fall ist ein echter Härtetest für das System», sagte Ferrari-Mann Mekies aber.

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