Streit um «Grünen Knopf» als Siegel für Umwelt- und Sozialstandards

Foto: Britta Pedersen/Dpa-zentralbild/dpa
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BERLIN (dpa) - Der «Grüne Knopf» soll Verbrauchern verstehen helfen, welche Textilien unter fairen Arbeitsbedingungen und ohne vermeidbare Zerstörung der Umwelt produziert werden. Zum Start ist die Kritik vehement. Die Branche sieht bereits gut ausgestellt.

Mit dem «Grünen Knopf» als Textilsiegel will Bundesentwicklungsminister Gerd Müller über Grenzen hinweg soziale und ökologische Standards voranbringen. «Die Globalisierung hat im 19. Jahrhundert in der Textilwirtschaft begonnen. Nun muss auch gerechte Globalisierung in der Textilwirtschaft anfangen», erklärte der CSU-Politiker am Montag bei der Vorstellung des Zeichens in Berlin. «Mit dem Grünen Knopf setzen wir jetzt einen hohen Standard und zeigen: Faire Lieferketten sind möglich. Ab heute kann das keiner mehr in Frage stellen. Das beweisen alle Unternehmen, die mitmachen.» Aus der Branche und von der Opposition im Bundestag wurde das Siegel kritisiert.

Hintergrund des Siegels ist der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch, bei dem vor sechs Jahren mehr als 1100 Menschen ums Leben gekommen waren. Müller hatte das Unglück als Weckruf für Wirtschaft und Politik gewertet, sich stärker für sichere und faire Bedingungen in der Textilwirtschaft einzusetzen.

Zum Start beteiligen sich 27 Unternehmen. Weitere 26 Unternehmen seien derzeit im Prüfprozess, ob sie die Anforderungen erfüllen, teilte das Entwicklungsministerium mit.

Wer den «Grünen Knopf» für sein Textilprodukt haben will, muss 26 soziale und ökologische Mindeststandards einhalten. Die ökologischen Standards umfassen etwa das Verbot von Weichmachern und anderen Chemikalien sowie Grenzwerte für Abwässer, die bei der Produktion anfallen. Die Herstellerfirmen müssen nachweisen, dass sie menschenrechtliche, soziale und ökologische Verantwortung übernehmen.

Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie erklärte am Montag, kein Vertrauen in den «Grünen Knopf» zu haben, der mehr «Siegelunklarheit als Siegelklarheit» schaffe. «Das vorgestellte Konzept aus dem Entwicklungsministerium wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt, beispielsweise was die Zulassungskriterien und die staatliche Kontrolle angeht», so Ingeborg Neumann, Präsidentin des Verbandes textil+mode: «Wir können nicht zulassen, dass die international etablierten Siegel und Zertifizierungssysteme, in die unsere Unternehmen seit langem viel investieren, Schaden nehmen.»

Der Handelsverband Deutschland warnte als Dachorganisation, der «Grüne Knopf» gefährde den Erfolg des bestehenden «Textilbündnisses». «Im Ziel sind wir uns mit dem Entwicklungshilfeminister einig. Die Arbeitsbedingungen in Bangladesch und anderen Herstellungsländern von Textilien müssen sich nachhaltig verbessern», so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Mit dem neuen Siegel drohe der Minister aber über das Ziel hinauszuschießen.

Anders ALDI Nord und ALDI SÜD: Sie kennzeichnen nach einer Mitteilung zukünftig Textilien, die besonders nachhaltig produziert wurden, mit dem «Grünen Knopf». Auch aus Sicht des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) hat der «Grüne Knopf» das Potenzial, mehr Licht in den Siegeldschungel zu bringen. «Doch ob er seinen hohen Erwartungen gerecht wird, lässt sich erst in zwei Jahren nach Ende der Pilotphase bewerten», hieß es weiter. Oppositionspolitiker äußerten sich eher skeptisch bis ablehnend. Dabei fielen die Begriffe «Trickserei» und «Augenwischerei.

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