«Mysteriöse Kisten» an Brasiliens Küste

​Strandgut und Kriegsrelikt 

Auf diesem von der brasilianischen Staatlichen Umweltverwaltung (Adema) zur Verfügung gestellten Bild stehen zwei mit Strandgut voll beladenen Wagen am Strand. Foto: Limpurb/dpa
Auf diesem von der brasilianischen Staatlichen Umweltverwaltung (Adema) zur Verfügung gestellten Bild stehen zwei mit Strandgut voll beladenen Wagen am Strand. Foto: Limpurb/dpa

ARACAJU: Seit 2018 werden an der Küste im brasilianischen Nordosten immer wieder geheimnisvolle Kisten angespült, zuletzt mehr als 350 in rund einem Monat. Wissenschaftler glauben, dass sie aus einem vor 80 Jahren gesunkenen deutschen Schiff stammen.

«Mysteriöse Kisten» haben die Brasilianer das geheimnisvolle Strandgut genannt, das zuletzt wieder in großen Mengen an den Stränden des Nordostens aufgetaucht ist. Angespült vom Meer, bleibt es im Sand liegen. «Immer wieder kommen welche an, das ist schon die zweite, die ich heute sehe», sagt der Strandbesucher Obal Machado im brasilianischen Fernsehen. Die Staatliche Umweltverwaltung (Adema) des Bundesstaats Sergipe hat sogar eine Hotline eingerichtet, bei der man sich melden soll, wenn man eine «Kiste» findet.

«Wir bekommen jeden Tag Anrufe für einen anderen Strand», sagt Jefferson Torres von der Adema-Hotline der Deutschen Presse-Agentur am Telefon. Mehr als 350 «mysteriöse Kisten» hat die Adema nach Angaben ihres Direktors Gilvan Dias an verschiedenen Stränden des nordöstlichen Bundesstaates in rund einem Monat eingesammelt. Wissenschaftler haben festgestellt, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeitvon einem deutschen Schiff stammen, das 1944 vor der Küste Brasiliens gesunken ist.

Die teils bräunlich verfärbten, teils mit Meerestieren versehenen «caixas misteriosas» sehen tatsächlich aus wie etwas zerfledderte Kisten, die einen Schatz aus dem Ozean oder alte Briefe enthalten könnten. Es handelt sich bei dem geheimnisvollen Strandgut aber nicht wirklich um Kisten, sondern um Kautschukballen, die das gesunkene Schiff an Bord hatte, wie der Meeresbiologie Luis Bezerra von der Universität des Bundesstaates Ceará und andere Wissenschaftler herausgefunden haben.

Um die Kautschukballen an dem jeweiligen Strand zu bergen, gibt Jefferson Torres von der Adema, der die Anrufe in der Bundesstaat-Hauptstadt Aracaju entgegennimmt, den Teams im Außeneinsatz Bescheid. Ein Ballen ist mit durchschnittlich 80 Kilo so schwer, dass nur mehrere Männer ihn hochheben und auf einen Pick-up laden können; manchmal hilft auch ein Traktor. Auf Dutzenden Fotos der Umweltverwaltung aus den vergangenen Wochen sind Pickups der Behörde zu sehen, deren Ladeflächen voll mit Kautschukballen sind. «Wir sammeln sie ein und schon tauchen neue auf», sagt Torres.

«Die Kisten sind wirklich ein Rätsel», sagt Adema-Direktor Gilvan Dias der dpa und lacht. Luis Bezerra, Carlos Teixeira, Rivelino Cavalcante und die anderen Forscher sind dem Rätsel nachgegangen, nachdem Bezerra bei einem Spaziergang am Strand von Almofala im Bundesstaat Ceará im Juli 2019 selbst eine «mysteriöse Kiste» gefunden hatte. Das Foto, das er damals machte und das nun im Juli zusammen mit der Studie in der Fachzeitschrift «Marine Environmental Research» erschien, war der Ausgangspunkt.

Was Bezerra als Biologe auffiel, waren die Seepocken, die von weit her sein mussten, weil sie auf dem offenen Meer vorkommen. Zudem mussten sie schon lange unterwegs gewesen sein, weil sie erwachsen waren. Eine Kiste hatte eine Inschrift: «Product of French Indochina» (deutsch: Produkt aus Französisch-Indochina). «Mit dieser Inschrift haben wir gesehen, dass die Ballen alt sind», sagt Bezerra. Die französische Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Laos, Kambodscha und Vietnam bestand bis 1954. Im Internet fanden er und sein Kollege Carlos Teixeira Informationen zu dem Untergang der «Rio Grande», die auf US-Militärangaben beruhten.

Der deutsche Blockadebrecher ist vor rund 80 Jahren auf dem Weg von Japan 1000 Kilometer vor der Küste Brasiliens gesunken, als ihn alliierte Schiffe aufspürten. Die genaue Lage vor der Stadt Recife ist bekannt, seit der britische Wrackforscher David Mearns sie bestimmt hat. Vorübergehend war die «Rio Grande», die vor dem Zweiten Weltkrieg auf der Route Südamerika - Hamburg unterwegs war, mit fast 6000 Metern das am tiefsten gesunkene Schiff im Guinness Buch der Rekorde.

Mathematische Modelle mit Winden und Strömungen der Wissenschaftler zeigten: Wenn Kautschukballen aus der «Rio Grande» frei werden, dann kommen sie just an den Küsten des Nordostens an - so wie seit Oktober 2018 geschehen. Als sich im Oktober 2019 eine mysteriöse Ölpest im Nordosten Brasiliens ausbreitete, vermuteten Luis Bezerra und seine Kollegen zunächst einen Zusammenhang mit den «Kisten». Der Verdacht bestätigte sich zwar nicht, aber die Forscher kamen dem möglichen Ursprung der «mysteriösen Kisten» auf die Spur.

Seit bald drei Jahren tauchen sie in der zweiten Jahreshälfte regelmäßig auf rund 1600 Kilometern im Nordosten Brasiliens auf. Dass sie dies nun, mehr als 80 Jahre nach dem Untergang der «Rio Grande», tun, führt Bezerra auf die natürliche Zersetzung des Schiffswracks zurück. Oder es könnte sogar sein, dass jemand mit großer Mühe und aufwändiger Technik an die wertvolle Fracht, die die «Rio Grande» außer den Kautschukballen geladen haben soll, heranwollte - Kobalt etwa - und die Ballen dabei freisetzte.

Und die vielen «Kisten» in Sergipe, die die Adema einsammelt und lagert, bevor sie «ihrem Zweck zugeführt werden», wie es offiziell - und geheimnisvoll - heißt? Forscher des renommierten «Projeto Tamar» machen sich Sorgen, dass die Kautschukballen eine Gefahr für die Meeresschildkröten darstellen könnten. «Die Schildkröten könnten den Gummi essen und ersticken», sagte der Biologe Fábio Lira im brasilianischen Fernsehen. Entsprechende Fälle sind bisher nicht bekannt geworden.

«Wir haben immer gedacht, dass es die gleichen Kautschukballen sind, die zum ersten Mal 2018 erschienen sind, nicht eingesammelt wurden und die das Meer und der Wind wieder zurück gebracht haben», sagt Luis Bezerra. Aber die große Zahl lässt ihn und die anderen Wissenschaftler nicht ausschließen, dass neue Ballen aus dem Schiff freigeworden sind - oder dass sie aus einem anderen, bisher unbekannten gesunkenen Schiff stammen. Die «mysteriösen Kisten», sie geben weitere Rätsel auf.

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Joerg Obermeier 11.09.21 18:50
@ Bernd Wendland 11.09.21 18:20
Was die Besatzung der Rio Grande angeht, könnte man das ja auch googeln. Die haben ihr Boot selbst versenkt und bei der Gelegenheit einen Gefangen in seiner Zelle zurückgelassen und damit ersäuft. Das einzige Opfer übrigens. Mich wundert ja, dass so jemand wie Sie nicht mehr erinnern kann wie es in einem Krieg zugeht.
Bernd Wendland 11.09.21 18:20
Was ist aus der Besatzung der Rio Grande geworden? Es muss ein unheimliches Gefühl sein, 6 km Wasser unter sich zu haben, auch wenn schon 2 Meter reichen, um zu ertrinken oder zu erfrieren. Als ein Freund meiner Eltern nach Beschuss seines Frachters durch die Alliierten ohne Rettungsboot im Atlantik paddelte, drehten diese ab, als sie erkannten, dass es die Deutschen waren, die dort versoffen. Ein Norweger erbarmte sich schließlich ihrer und nahm sie an Bord.
Karl Heinz Gebhardt 11.09.21 14:10
Kautschukballen
> also keine Kisten! Dachte schon es wird interessanter...LEIDER NEIN.

Pascal Schnyder 11.09.21 13:30
Besten Dank
Für die Publikation dieses interessanten Berichtes! Mal etwas anders zum lesen, als ständig die negativen News und CoCo-Geschichten.