Sieg der Vernunft

Sportwelt atmet nach Olympia-Verlegung auf

Das Logo für die Olympischen Sommerspiele Tokyo 2020 sind hinter einem Straßenschild zu sehen.  Foto: Ramiro Agustin Vargas Tabares/Zuma Wire/dpa
Das Logo für die Olympischen Sommerspiele Tokyo 2020 sind hinter einem Straßenschild zu sehen. Foto: Ramiro Agustin Vargas Tabares/Zuma Wire/dpa

IOC-Chef Bach: Olympisches Dorf in Tokio 2021 nicht sicher

LAUSANNE: Bei den auf 2021 verlegten Sommerspielen in Tokio müssen die Athleten womöglich auf ein olympisches Dorf verzichten. «Diese verschobenen Olympischen Spiele werden Opfer und Kompromisse von allen Beteiligten erfordern. Wir müssen die bestmögliche Lösung finden», sagte IOC-Chef Thomas Bach am Mittwoch in einer Telefonkonferenz. Ob auch im kommenden Jahr für die rund 11 000 Olympia-Starter und ihre Betreuer sowie später für rund 4400 Paralympics-Teilnehmer ein gemeinsames Athletendorf zur Verfügung stehe, sei eine «von vielen tausenden Fragen» für die Notfall-Gruppe.

Diese Task Force soll in der kommenden Zeit die Folgen der Olympia-Verlegung prüfen, die durch die Corona-Pandemie unausweichlich geworden war. Die mehr als 5000 Wohnungen des olympischen Dorfes sollten eigentlich nach den Sommerspielen und den Paralympics in diesem Jahr an private Eigentümer übergeben werden und sind zum Teil schon verkauft.

«Wir tun, was wir können, damit es ein olympisches Dorf gibt. Dort schlägt normalerweise das Herz der Spiele. Aber es ist eine beispiellose Herausforderung», sagte Bach. Die Athleten müssten sich voraussichtlich an andere Wohnbedingungen anpassen, fügte der 66 Jahre alte Präsident des Internationalen Olympischen Komitees hinzu.


IOC-Präsident kündigt schnelle Terminfindung für Olympia 2021 an

LAUSANNE: Bei der Suche nach einem neuen Termin für die auf 2021 verlegten Olympischen Spiele von Tokio will das IOC schnell in die Abstimmung mit allen 33 internationalen Sportfachverbänden gehen. Schon am Donnerstag könnte es dazu eine gemeinsame Telefonschalte geben, kündigte am Mittwoch Thomas Bach an, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). «Das ist der erste Schritt. Dann müssen wir schauen, welche Optionen wir haben», sagte der 66-Jährige.

Die Sommerspiele in Tokio waren am Dienstag in einem gemeinsamen Beschluss der japanischen Gastgeber und des IOC wegen der Coronavirus-Pandemie auf das nächste Jahr verschoben worden. Sie sollen spätestens im Sommer 2021 nachgeholt werden.

Dafür müsse aber auch der weitere Sportkalender rund um die Olympischen Spiele betrachtet werden. «Wir sollten zu einer Lösung so bald wie möglich kommen», sagte Bach. Die Wahl des Termins müsse aber wohl überlegt sein.

Für alle Fragen rund um die Verlegung sei eine Notfall-Arbeitsgruppe mit dem Namen «Here we go» (Los geht's) gegründet worden. «Das ist ein großes Puzzle, jedes Teil muss passen. Wenn man ein Teil rausnimmt, ist das ganze Puzzle zerstört. Deshalb beneide ich die Mitglieder dieser Task Force nicht», sagte Bach.


Sieg der Vernunft

TOKIO: Es ist eine historische und einmalige Entscheidung. Japans Ministerpräsident Abe machte den Weg für die Verschiebung der Olympschen Spiele in Tokio frei. Olympia soll nun 2021 stattfinden. Einen konkreten Zeitpunkt gibt es noch nicht.

Die Sportwelt atmet auf und feiert die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio auf 2021 als Sieg der Vernunft. Nach einem für viele zu langen Festhalten am geplanten Austragungstermin haben sich die Olympia-Macher dem Druck in der Corona-Krise gebeugt. In einer Telefonkonferenz fassten das Internationale Olympische Komitee und die japanischen Gastgeber am Dienstag den längst unausweichlichen Beschluss zur Verlegung Tokio-Spiele.

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe sei mit dem Vorschlag des IOC «hundertprozentig» einverstanden gewesen, sagte IOC-Präsident Thomas Bach. Die Sommerspiele sollen auf «ein Datum nach 2020 verlegt werden», aber nicht später als im Sommer 2021 stattfinden, hieß es.

«Die nunmehr schnelle und klare Entscheidung zur Verschiebung der Olympischen und Paralympischen Spiele ist ein richtiger und enorm wichtiger Schritt für den internationalen Sport und die gesamte Weltgemeinschaft», sagte Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Der DOSB hatte für einen Olympia-Aufschub um ein Jahr plädiert, 2022 wäre problematisch gewesen: Im Februar finden die Winterspiele in Peking statt und Ende 2022 wird die Fußball-WM in Katar ausgetragen.

Trotz der Olympia-Verschiebung auf das nächste Jahr bleibt es bei dem Namen Tokio 2020. Außerdem vereinbarten Abe und Bach, «dass die Olympische Flamme in Japan bleibt». Beide waren sich einig, dass die Olympischen Spiele in Tokio in diesen unruhigen Zeiten als «Leuchtfeuer der Hoffnung für die Welt stehen und die olympische Flamme zum Licht am Ende des Tunnels werden könnte, in dem sich die Welt derzeit befindet». Der Fackellauf sollte am Donnerstag in der Präfektur Fukushima unter Ausschluss der Öffentlichkeit ohne Fackel, ohne Fackelträger und ohne jegliche Zeremonie starten.

«Ich hoffe, dass Tokio ein Fest der Menschlichkeit und eines Überstehens der Pandemie sein kann», sagte Bach. Über den genauen Termin der Austragung sei nicht diskutiert worden. «Olympische Spiele sind eines der komplexesten Events auf dem Planeten. Das kann nicht in einem Telefongespräch entschieden werden», betonte der IOC-Chef.

Zu berücksichten ist nicht nur der prallvolle Sportkalender im nächsten Jahr, in dem auch die Weltmeisterschaften der Leichtathleten und Schwimmer geplant sind, sondern ebenso der klimatische Aspekt: In diesem Jahr sollten die Spiele in den heißen Monaten Juli/August über die Bühne gehen, was für Kritik sorgte. Eine große Frage ist auch: Wo sollen die 11.000 Athleten 2021 unterkommen? Die Wohnungen sind für die Zeit nach den Spielen im Sommer 2020 längst an Privatleute verkauft.

Die sporthistorische Entscheidung zu einer Verlegung der für die Zeit vom 24. Juli bis 9. August geplanten Tokio-Spiele sowie die darauffolgenden Paralympics der Behindertensportler ist durch die Coronavirus-Krise unabdingbar geworden. Über den konkreten neuen Termin werde die Koordinierungskommission gemeinsam mit dem Organisationskomitee entscheiden, sagte Bach. «Es gibt so viele Puzzlestücke. Das braucht Zeit», fügte er hinzu.

Bach und Abe brachten auch ihre Besorgnis über die rasche Ausbreitung der Lungenkrankheit Covid-19 zum Ausdruck. Sie seien besorgt darüber, was sie dem Leben der Menschen antut und welche «Auswirkungen sie auf die Vorbereitungen der Athleten auf die Spiele weltweit» habe.

Noch am Sonntag hatte das IOC angekündigt, binnen der nächsten vier Wochen eine endgültige Entscheidung über Olympia in Tokio treffen zu wollen und in dieser Zeit über alternative Austragungstermine zu beraten. Da ein Ende der Corona-Krise nicht absehbar ist, wäre eine auch angedachte Verlegung in den Herbst ein zu großes Risiko. Kanada, Norwegen und Australien hatten angekündigt, in diesem Jahr wegen der unkalkulierbaren gesundheitlichen Risiken nicht teilnehmen zu wollen.

Für viele Athleten geht nun eine Hängepartie und eine Zeit der Ungewissheit zu Ende. Die Entscheidung bedeute für viele Sportler «den Aufschub, für manche das Ende eines Traums», hieß es in einer Erklärung des Vereins Athleten Deutschland. Sie alle hätten sich mit «unfassbarer Energie und Hingabe» auf diesen Sommer vorbereitet. «Diese Leistung verdient höchste Anerkennung und Respekt, auch wenn sie dieses Jahr in Tokio nicht zur Vollendung kommen» könne.

Besonders erleichtert waren fast einhellig viele Athleten. Zehnkampf-Weltmeister und «Sportler des Jahres» Niklas Kaul bezeichnete die Verschiebung als «richtig für alle Sportler». Denn für Kanu-Olympiasieger Ronald Rauhe wären diese Spiele «die Hölle für uns gewesen». Deshalb begrüßt auch Cindy Roleder, WM-Zweite von 2015 im Hürdensprint die Entscheidung: «Gesundheit ist das A und O.»

«Keine Alternative» zur Verlegung sieht ebenso Turner Marcel Nguyen. Nun hoffe man, mit den anderen Athleten 2021 ein großes Festival in Tokio feiern zu können. Zugleich freut er sich, dass «der Unsinn des Trainings im Garten» ein Ende hat. Und Ringer-Weltmeister Frank Stäbler meinte via Instagram: «Mein Olympia-Traum ist verschoben - nicht geplatzt.» Drastisch kommentierte Ex-Diskuswerfer Robert Harting die Verschiebung. «Alles andere als sich der Weltgesundheit zu stellen und den Austragungszeitraum respektvoll anzupassen, würde das IOC zum Straftäter machen», so der Olympiasieger von 2008.

«Das gibt den Athleten, den Trainern und den Verbänden Planungssicherheit und nimmt ihnen den Druck, trotz erheblich erschwerter Bedingungen die Vorbereitungen auf Tokio 2020 weiter voranzutreiben», sagte Triathlon-Präsident Martin Engelhardt. Auch der deutsche Leichtathletik-Präsident Jürgen Kessing begrüßte die Entscheidung: «Die Vernunft hat gesiegt. Alle Athleten haben jetzt Gewissheit, keinen Druck mehr zu haben.»

Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hält die Verschiebung auch der Paralympics «für das absolut Richtige», sagte IPC-Präsident Andrew Parsons. Paralympics-Star Niko Kappel nahm die Verschiebung ebenso sehr positiv auf. «Es ist immer noch eine krasse Entscheidung, die Spiele zu verschieben. Aber ich spüre absolute Erleichterung», sagte Kappel, der Kugelstoß-Paralympics-Sieger aus Sindelfingen von 2016.


Bericht: Weltverbände nicht in Olympia-Entscheidung einbezogen

BERLIN: In den internationalen Spitzenverbänden gibt es wegen der Olympia-Verschiebung Ärger über das IOC. «Wir haben vor einer Woche mit Thomas Bach beraten, der Solidarität von uns einforderte. Nun wurden wir nicht in die Entscheidungsfindung einbezogen», kritisierte der Präsident des Tischtennis-Weltverbands, Thomas Weikert, dem «Spiegel». Dem Bericht zufolge hätten mehrere Verbandschefs in vertraulichen Gesprächen ihren Unmut über einen vermeintlichen Alleingang des Internationalen Olympischen Komitees mit Präsident Bach Luft gemacht.

Demnach seien die 33 Weltverbände, die mit Sportarten bei Olympia in Tokio vertreten sein sollten, von der Verkündung der Verlegung der Sommerspiele ins Jahr 2021 vorab nicht informiert worden. Noch am Sonntag hatte das IOC mitgeteilt, erst in vier Wochen zu einer finalen Entscheidung kommen zu wollen. Am Dienstag hatten Japans Ministerpräsident Shinzo Abe, das Tokio-Organisationskomitee und Bach dann eine Olympia-Verschiebung wegen der Corona-Pandemie vereinbart.

«Natürlich bin ich erleichtert über diese überfällige Entscheidung», sagte Tischtennis-Chef Weikert dem «Spiegel». Er sei «aber auch irritiert» über seinen deutschen Landsmann Bach und das IOC.

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