Selenskyj: Dutzende Orte befreit 

Die Nacht im Überblick

Ein ukrainischer Soldat geht an einer durch einen russischen Bombenangriff teilweise beschädigten Kirche in dem Dorf Shandrygolovo in der Nähe von Lyman vorbei. Foto: Francisco Seco
Ein ukrainischer Soldat geht an einer durch einen russischen Bombenangriff teilweise beschädigten Kirche in dem Dorf Shandrygolovo in der Nähe von Lyman vorbei. Foto: Francisco Seco

KIEW/LYMAN: Der ukrainische Präsident Selenskyj betont, künftige Kriege seien nur mit einem Sieg über den russischen Aggressor zu verhindern. Dazu wendet er sich einmal mehr an die Weltgemeinschaft. Im Folgenden ein Überblick zum Geschehen in der Nacht und ein Ausblick auf den Tag.

Nach dem Abzug russischer Truppen aus der Stadt Lyman im Osten der Ukraine haben die Behörden nach eigenen Angaben rund 200 Gräber und ein Massengrab gefunden. Mit den Exhumierungen sei bereits begonnen worden, schrieb der Militärgouverneur des Gebiets Donezk, Pawlo Kyrylenko, am Freitagabend in seinem Kanal im Nachrichtendienst Telegram. Dazu veröffentlichte er Fotos, die viele kleine Holzkreuze und Einsatzkräfte in weißen Schutzanzügen zeigten. Die zeitweise von russischen Truppen besetzte strategisch wichtige Kleinstadt war von den Ukrainern Anfang Oktober zurückerobert worden.

Bei den Toten könne es sich ersten Erkenntnissen zufolge sowohl um ukrainische Soldaten als auch um Zivilisten handeln, hieß es. Wie viele Leichen in dem Massengrab lägen, müsse erst noch ermittelt werden. Polizeiangaben zufolge sollen unter den getöteten Menschen auch mehrere Kleinkinder und ganze Familien sein.

Bereits am vergangenen Mittwoch hatten ukrainische Medien über den Fund Dutzender Gräber in Lyman berichtet. Einige der Opfer sollen durch heftigen Beschuss im Zuge der russischen Eroberung des Ortes im Mai ums Leben gekommen sein.

Schon in der Vergangenheit waren nach dem Abzug russischer Truppen in verschiedenen Teilen der Ukraine Massengräber gefunden worden. International für besonderes Entsetzen sorgten Anfang April die Leichenfunde in der Kiewer Vorstadt Butscha. Dort waren Hunderte getöteter Zivilisten gefunden worden - einige mit Folterspuren und gefesselten Händen. Butscha gilt seitdem als Symbol für schwerste Kriegsverbrechen.

Präsident Selenskyj sieht weitere Fortschritte bei Kiews Offensive

Präsident Selenskyj sieht indes weitere Fortschritte bei der Verteidigungsoffensive der ukrainischen Streitkräfte. In der vergangenen Woche seien 776 Quadratkilometer Land befreit worden; 29 Ortschaften insgesamt, davon 6 im Gebiet Luhansk, sagte er. Wieder unter ukrainischer Kontrolle seien Ortschaften, in denen die Besatzer unlängst noch Scheinreferenden über einen Beitritt zu Russland abgehalten hatten. Seit Beginn der Offensive seien insgesamt 2434 Quadratkilometer und 96 Siedlungen wieder unter ukrainische Kontrolle gekommen. Die Befreiung der Gebiete gehe weiter, sagte er.

Die russischen Besatzer müssten überall vertrieben und als Aggressor besiegt werden, sagte Selenskyj. Nur so könnten Kriege in Zukunft verhindert werden. In einer neuen Reaktion auf die Annexion ukrainischer Gebiete durch Russland erkannte Selenskyj nun die Pazifik-Inselgruppe der südlichen Kurilen als Hoheitsgebiet Japans an. In einer Videobotschaft forderte er die Weltgemeinschaft auf, das russische Gebiet ebenfalls als japanisch anzuerkennen.

Die im Norden von Japan gelegenen Gebiete hatte die Sowjetunion als Siegermacht im Zweiten Weltkrieg erobert. Japan und Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion haben wegen des Territorialstreits bis heute keinen Friedensvertrag. «Russland hat kein Recht auf diese Gebiete», sagte Selenskyj nun.

Selenskyj entschärft Aussagen zu «Präventivschlägen» gegen Russland

Zugleich entschärfte Selenskyj in einem Fernsehinterview seine umstrittenen Aussagen zu einem «Präventivschlag» gegen Russland. «Man muss präventive Tritte ausführen, keine Angriffe. Wir sind keine Terroristen, wir greifen kein anderes Territorium an», sagte Selenskyj am Freitag in Kiew in einem BBC-Interview auf Englisch. Auch nach all dem Kriegsleid sei die Ukraine noch immer nicht bereit, «Menschen umzubringen, so wie die Russen es tun».

Selenskyj hatte am Donnerstag mit Forderungen nach der entschiedenen Verhinderung eines russischen Atomwaffeneinsatzes für Aufsehen gesorgt. Der Kreml in Moskau verurteilte die Aussagen scharf als «Aufruf zum Beginn des Dritten Weltkriegs».

Ausbildung ukrainischer Soldaten: Scholz kündigt wichtigen Beitrag an

Deutschland wird nach Angaben von Bundeskanzler Olaf Scholz einen «wichtigen Beitrag» zu der geplanten EU-Ausbildungsmission für die ukrainischen Streitkräfte leisten. Das sagte der SPD-Politiker am Freitag nach einem EU-Gipfel in Prag. Scholz betonte, dass die Mission «einen großen Umfang» haben werde und er davon ausgehe, dass bereits in der nächsten Woche Entscheidungen dazu bekannt gemacht werden könnten. Geplant wurde zuletzt, dass die EU außerhalb der Ukraine für rund 15.000 ukrainische Soldaten Trainingsprogramme anbietet, 2800 davon könnten Spezialkräfte sein.

Angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hatte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell im August ein neues Programm zur Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte ins Gespräch gebracht. Konkret könnte es nach früheren Angaben Fortbildungen in Bereichen wie Logistik und dem Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Waffen umfassen.

Bereits heute bilden mehrere EU-Staaten ukrainische Soldaten auf Basis nationaler Absprachen aus. Deutschland engagierte sich zuletzt vor allem in den Bereichen Luftverteidigung und Artillerie. Zudem wurde gemeinsam mit den Niederlanden ein Vorschlag erarbeitet, wie die Ausbildung zur Minenabwehr verstärkt werden könnte.

Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), sprach sich für eine Panzerausbildung der ukrainischen Soldaten in der EU aus. «Die Spanier wären bereit, in Lettland die ukrainischen Soldaten am Leopard 2 auszubilden», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur am Freitag in Kiew. Dafür müsste Deutschland aber grünes Licht geben.

Ukraine bekommt vom IWF 1,3 Milliarden Dollar wegen Lebensmittelkrise

Vom Internationalen Währungsfonds (IWF) bekommt die Ukraine frische Milliardenhilfe aus einem neuen Programm zum Abfedern von Lebensmittel-Preisschocks. Der IWF-Rat billigte am Freitag die Auszahlung von 1,3 Milliarden Dollar (1,33 Milliarden Euro). Mit dem Geld sollten unter anderem die Einnahmeausfälle durch im Zuge des russischen Angriffskrieges weggefallene Getreideexporte ausgeglichen werden, teilte der Währungsfonds mit. Für die ukrainische Wirtschaft werde in diesem Jahr ein Schrumpfen um 35 Prozent vorhergesagt und der Finanzierungsbedarf bleibe hoch. Das neue IWF-Unterstützungsprogramm im Zusammenhang mit der Lebensmittelkrise war erst vor wenigen Tagen gestartet worden.

Was am Samstag wichtig wird

Die Ukraine setzt ihre Offensive im Osten und Süden des Landes fort, um die russischen Truppen weiter zurückzudrängen und weitere Ortschaften zu befreien. Das russische Verteidigungsministerium verlegt unterdessen immer mehr Reservisten, die im Zuge einer Teilmobilmachung einberufen werden, in das überfallene Land. Die Einberufenen solle dort besetzte Gebiete in den Regionen Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson halten.

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