Selbstlernende Roboter und Killerdrohnen

Fraunhofer-Chef Neugebauer hat keine Angst vorm intelligenten Roboter

Roboter Ringo wartet im Krankenhaus Waldkliniken Eisenberg auf einen Patienten zum Geh-Training.
Roboter Ringo wartet im Krankenhaus Waldkliniken Eisenberg auf einen Patienten zum Geh-Training.

MÜNCHEN: Wird künstliche Intelligenz für den Menschen beherrschbar bleiben? Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erklärt der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Reimund Neugebauer, warum er derzeit keine Angst vor einer Machtübernahme von Robotern hat. Gleichzeitig sagt er: Als Wissenschaftler wolle er auch nicht ausschließen, dass Maschinen unbeherrschbar werden.

Frage: Im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) gab es in den vergangenen Jahren große Fortschritte. Wann wird es soweit sein, dass ein Mensch nicht mehr merkt, ob er in einer Hotline mit einem anderen Menschen oder mit einem Roboter telefoniert?

Antwort: Da gibt es ja heute manchmal schon durchaus Irrtümer. Wir sind zum Beispiel in der Fraunhofer-Gesellschaft bei der Spracherkennung ein Vorreiter – zum Beispiel im Automobilsektor. Wichtig ist, dass ein KI-System das Anliegen des Menschen nicht miss­versteht. Vielleicht können automatisierte Systeme auch Datenschutz-Aspekte besser gewährleisten als menschliche Akteure.

Frage: Würden sie die Hand dafür ins Feuer legen, dass die künstliche Intelligenz für den Menschen beherrschbar bleibt?

Antwort: Aus heutiger Sicht wird sie jedenfalls noch sehr lange beherrschbar sein. Die Beherrschbarkeit von künstlicher Intelligenz ist ja ähnlich zu beurteilen wie die Beherrschbarkeit anderer komplexer Technologien, die in einem engen Zusammenspiel zwischen menschlichen Akteuren und technischen Komponenten funktionieren. Für mein Dafürhalten wird der Begriff künstliche Intelligenz auch zu leichtfertig in den Mund genommen.

Frage: Warum das?

Antwort: Nehmen wir nur mal das Thema Bewusstseinsbildung, so dass KI-Systeme eigene Intentionen entwickeln könnten. Da sind wir noch extrem weit entfernt von echter Intelligenz. Und was auch immer wieder vergessen wird: Alles, was wir heute an Intelligenzelementen nachbilden, insbesondere mit Deep Learning, erfordert einen immensen Energieaufwand. Für das, was wir an Denkleistung bewältigen, mit dieser aberwitzig geringen Energie unseres Körpers, da brauchen sie teilweise kleine Kraftwerke dahinter, um diese Denkleistung in KI nachzubilden. Das ist rein physikalisch eine riesige Hürde.

Ich scheue mich bis dahin sehr, dass wir das, was wir künstlich heute nachbauen, bereits als echte Intelligenz bezeichnen. Im Moment habe ich jedenfalls keine Sorge, dass eine künstliche Intelligenz die Macht übernimmt. Allerdings ist das, was wir bereits entwi­ckelt haben, in vielen Bereichen gut zu verwenden, wir machen große Fortschritte.

Frage: Ein Beispiel?

Antwort: Wir entwickeln derzeit künstliche Systeme, wo wir nicht mehr nur Distanzen, Temperaturen, Drücke, Geschwindigkeiten oder Beschleunigungen messen. Wir detektieren heute auch Gerüche. Wir können hiermit feststellen, wovon sich Menschen oder Tiere ernährt haben. Das wollen wir künftig in technischen Systemen mitnutzen - zum Beispiel bei der Mensch-Maschine-Interaktion. Wenn ein Roboter einen Menschen nicht sieht oder hört, kann er ihn vielleicht riechen. Das kann für zusätzliche Sicherheit sorgen, beispielsweise in der Logistik oder bei Produktionsketten.

Frage: Am Ende halten sie es aber nicht für undenkbar, dass Roboter unbeherrschbar werden?

Antwort: Dazu bin ich zu sehr Wissenschaftler, um Dinge einfach auszuschließen. Ausschließen heißt ja, ich würde die Wahrheit kennen. Autos, Flugzeuge und Kernkraftwerke können ja auch unbeherrschbar werden, in dem Sinn, dass sie sich dem kontrollierenden Eingriff des Menschen entziehen. Der technische Fortschritt hat dem Menschen aber letztlich stets Aufgaben abgenommen – und er hat ihm neue, reizvollere Möglichkeiten geschaffen, die frei gewordene Zeit einzusetzen. Mensch und Maschine haben vom Prinzip her komplementäre Eigenschaften und ergänzen sich. Maschinen werden unseren Wirkungskreis erweitern, jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht aus eigenem Antrieb die Führung übernehmen.


Zur Person

Reimund Neugebauer wurde am 27. Juni 1953 in Esperstedt (Thüringen) geboren. Der Ingenieur ist seit 2012 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft und damit Chef der größten Organisation für anwendungsorientierte Forschung in Europa. 

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