Mutmaßliche Schleuser vor Gericht

​Schweres Bootsunglück  

Dekorative Waage der Justiz im Gerichtssaal. Foto: Adobe Stock/Corgaraschu
Dekorative Waage der Justiz im Gerichtssaal. Foto: Adobe Stock/Corgaraschu

KALAMATA: Hunderte Flüchtlinge kamen vergangenen Juni westlich von Griechenland ums Leben, als ein völlig überladener Fischkutter kenterte und sank. Nun stehen neun Männer vor Gericht.

In der griechischen Hafenstadt Kalamata hat am Dienstag der Prozess gegen neun mutmaßliche Schleuser begonnen, die für das schwere Bootsunglück im Juni 2023 verantwortlich sein sollen.

Hunderte Flüchtlinge und Migranten ertranken damals westlich von Griechenland. Vor dem Gerichtsgebäude kam es bereits am Morgen zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und mehreren Dutzend Demonstranten, die sich für die Rechte von Migranten einsetzen.

Die neun Ägypter im Alter zwischen 20 und 40 Jahren saßen seit dem Unglück in Untersuchungshaft, bestritten aber stets ihre Unschuld: Sie hätten selbst dafür bezahlt, auf dem rostigen Fischkutter von der libyschen Hafenstadt Tobruk aus in Richtung Europa in See zu stechen.

Angeklagt sind die Männer als Verantwortliche der Katastrophe. Überlebende hatten sie laut Küstenwache und Staatsanwaltschaft anhand von Fotos als Schleuser identifiziert - als jene, die das Boot gesteuert und an Bord teils mit Gewalt für Ruhe und Ordnung gesorgt hätten.

Die Verteidigung argumentierte, den Überlebenden seien Fotos der Angeklagten gezeigt und dabei suggeriert worden, es handele sich um Schleuser. Außerdem stelle sich die Frage, ob das griechische Gericht überhaupt zuständig sei, da sich das Unglück in internationalen Gewässern ereignet habe.

Lediglich 104 Menschen - unter ihnen die Beschuldigten - hatten den Untergang des Schiffes überlebt. Schätzungen zufolge bis zu 600 Menschen wurden von dem Boot in die Tiefe gerissen. Nach Angaben von Überlebenden waren die meisten Menschen unter Deck eingesperrt und konnten sich nicht rechtzeitig befreien. Das Meer an der Unglücksstelle ist rund 5000 Meter tief. Eine Bergung der Opfer wurde deshalb schon bald ausgeschlossen.

Kritik gab es nach dem Unglück auch an der griechischen Küstenwache, der vorgeworfen wurde, das Boot nicht in Sicherheit gebracht zu haben. Die Beamten gaben an, mehrfach Hilfe angeboten zu haben, die aber von der Crew abgelehnt worden sei mit dem Hinweis, man wolle nach Italien, nicht nach Griechenland. Mit Zwang hätten die Wasserpolizisten das Boot nicht ins Schlepptau nehmen wollen, hieß es - aus Angst, dass an Bord des völlig überfüllten Kutters Panik ausbrechen könnte.

In diesem Punkt gab es jedoch anschließend widersprüchliche Augenzeugenberichte: Manchen Zeugen zufolge nahm die Küstenwache das Boot doch ins Schlepptau, woraufhin Panik ausbrach und der Kutter kippte. Anderen zufolge brach die Panik an Bord ohne das Zutun der Küstenwache aus.

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